Bye Bye Berlusconi!
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Bye Bye Berlusconi!
Von Jörn Schulz

Michael Moore ist es 2004 mit seinem investigativen Dokumentationsessay Fahrenheit 911 nicht gelungen, das amtierende Staatsoberhaupt der USA zu entthronen. Dies will Jan Henrik Stahlberg (Muxmäuschenstill) in diesem Jahr in Europa besser machen. Ins Visier genommen haben er und sein Filmteam einen der mächtigsten und reichsten Männer Europas – Italiens Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, der am 9. April 2006 mit knapper Mehrheit abgewählt wurde. Vielleicht auch, weil Moore gescheitert ist, bedienen sich die Aktivisten um Stahlberg in „Bye Bye Berlusconi“ aber nicht des journalistisch-filmischen Essays, sondern wählen als Waffe die Satire, um den Medientycoon an den Pranger zu stellen. Zudem sollen so Klagen und ein Filmverbot in Italien umgangen werden. Das Ergebnis ist ein ansehnliches Experiment, das die Grenzen zwischen Fiktion und scheinbarer Realität kontinuierlich überschreitet und so mit einer ungewohnten Erzählstruktur aufwartet.

Genua im Frühjahr 2005. Die Exil-Italienerin Lucia (Lucia Chiarla) kann es nicht länger mit ansehen: Ihr Heimatland wird seit 1994 von einem äußerst umstrittenen Ministerpräsidenten regiert, der zum Wohl Italiens wenig beigetragen hat. Schlimmer noch: Vieles deutet darauf hin, dass er auch die nächste Wahl gewinnen wird. Also fassen Lucia, der Regisseur Jan (Jan Henrik Stahlberg), der Produzent Roberto (Franco Leo) und ein kleines Team aus Schauspielern den Entschluss, einen Film über die Entführung Berlusconis zu drehen. Der Sinn dahinter: dem Magnaten einen unabhängigen Prozess machen zu können. Nach dem ersten Drehtag aber stellt der Medienanwalt fest, dass das Drehbuch in der vorliegenden Fassung nichts als Probleme mit real existierenden Personen brächte. Schnell muss die Geschichte also in eine Satire umgeschrieben werden, um so zu offensichtliche Ähnlichkeiten mit tatsächlich lebenden Personen zu vermeiden. Ab diesem Zeitpunkt heißt es: alles nur Metapher!

Hühnerhausen im Frühjahr 2005. Micky Laus (Maurizio Antonini), seines Zeichens Melonenverkäufer, Fußballclub- und Fernsehsender-Besitzer sowie Bürgermeister Hühnerhausens, ist ein gefeierter Politiker kurz vor der Wiederwahl. Der Demagoge verspricht seinen Landsleuten das Blaue vom Himmel, nur um erneut an die Macht zu kommen. Hinter der Politbühne aber bezeichnet er seine Wähler als Idioten, die ihn wählen, obwohl er ihnen faulige Melonen verkaufe. Das will eine kleine Aktivistengruppe, die Hundekackerbande, nicht länger hinnehmen, weshalb sie Micky Laus kurzerhand entführen, um einen Schauprozess zu erzwingen. Als dies nicht funktioniert, machen die Hundekacker ihm selbst den Prozess und übertragen jenen live im Internet, damit das Wahlvolk unabhängig und unbeeinflusst von Micky Laus’ Gehirnwäschefernsehen „Tele Melone“ abstimmen kann.

So weit die fiktive Handlung von „Bye Bye Berlusconi“. Eingewobenen in diesen recht banalen Plot sind die real wirkenden Szenen vom Dreh des Films, eine Metaerzählebene über die Produktion sozusagen. Thematisiert werden hier, wie die Filmcrew über die Änderungen im Manuskript streitet, wie nach langem Suchen ein italienischer Filmverleih gefunden wird und wie alle kurz vor Vollendung des Films ausgelassen feiern. Gezeigt wird aber auch, mit welch widrigen Umständen das Team zu kämpfen hat. So versucht irgendwann ein mysteriöses Auto den Lieferwagen der Filmcrew von der Straße zu drängen; im Haus der Gastgeberin explodiert plötzlich eine Gasflasche, so dass das Team gezwungen ist, draußen zu übernachten; und ihnen wird aus heiterem Himmel die Drehgenehmigung entzogen. Auf diese Weise entwickeln sich die Beteiligten zu Untergrundfilmern, die auf Schritt und Tritt die Gewalt des Staates und den Einfluss des Ministerpräsidenten fürchten müssen. Um sicher zu gehen, später nicht angeklagt zu werden, wird in diesen „Doku-Szenen“ der Name Berlusconi durch einen Beep ersetzt. Interviewszenen mit den Schauspielern über ihr Befinden und ihre Gedanken zum Filmdreh machen den Eindruck von Realität und den Dokumentationscharakter der zweiten Erzählebene perfekt. Der Vergleich mit dem Horror-Thriller Blair Witch Project ist nicht weit entfernt.

Diese Verquickung von filmischer Metapher und scheinbar dokumentarischen Szenen bringt die Sehgewohnheiten des Kinozuschauers anfangs ordentlich durcheinander. So fragt man sich bis wenigstens zur Mitte des Films, als dem Team die Drehgenehmigung entzogen wird, wie viel Realität in den Szenen steckt und was hier gespielt ist. Schließlich wurde das echte Team im Laufe der Dreharbeiten tatsächlich von der örtlichen Polizei heimgesucht, aufs Revier gebracht und sämtlichen Videomaterials beraubt. Das Spiel mit den Ebenen ist definitiv ein dickes Plus und tröstet etwas über andere Defizite hinweg. Wer eine ausgefeilte Handlung erwartet, wird von „Bye Bye Berlusconi“ enttäuscht werden. Aber die Intention dieses äußerst politischen Films ist klar: Er soll eine Art Transportvehikel schaffen, um all die Anschuldigungen die gegen Silvio Berlusconi vorliegen, unters Volk zu bringen. Und die realen Anklagepunkte gegen den Ministerpräsidenten sind keine Kavaliersdelikte. Sie reichen von Bilanzfälschung, Meineid und Bestechung über illegale Parteienfinanzierung und Steuerhinterziehung bis hin zu Urkundenfälschung. Stahlberg und Co erhoffen sich dadurch, dass die Mehrheit der Italiener am 9. April ihr Kreuz an der „richtigen“ Stelle macht. Schließlich wäre es ihrer Meinung nach unverantwortlich, wenn ein Mann, der Gesetze zu seinem eigenen Vorteil ändert, um gerichtlich nicht mehr belangt werden zu können, erneut an die Macht käme.

Respekt gezollt werden muss dem Mut der Filmcrew. Mit einem derartigen Film – wenn auch als Satire gedacht – ist ihnen der Unmut Silvio Berlusconis so gut wie sicher. Zum Ende hin bewegt sich der Film leider sehr weit vom Boden der Satire weg und endet in einer Tragödie, deren Logik sich wohl eher aus der vorbeugenden Maßnahme speist, mögliche Klagen aus Italien gegen den Film abzuwenden. Dennoch: durchaus sehenswert!

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