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    Der kleine König Macius
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Der kleine König Macius
    Von Christoph Petersen
    Die Armee aus Gummibärchen,
    die Panzer aus Marzipan,
    Kriege werden aufgegessen,
    einfacher Plan - kindlich genial!


    In seinem Song-Klassiker „Kinder an die Macht“ entwirft Herbert Grönemeyer eine vielversprechende Utopie – Kinder berechnen nicht, sie folgen nur ihrem Herzen, wären so die perfekten, weil anarchischen Herrscher. Auch in dem Roman „König Hänschen I.“, von Deutschlands Lese-Queen Elke Heidenreich als eines der schönsten Kinderbücher überhaupt gelobt, kommen Kinder an die Macht, auch hier bricht so etwas wie Anarchie aus, doch im Gegensatz zur unbedingten Forderung Grönemeyers setzt sich Autor Janusz Korczak überraschend differenziert mit dem Thema auseinander. Nachdem das Buch bereits für die im Kinderkanal ausgestrahlte Zeichentrick-Fernsehserie „Der kleine König Macius“ Pate stand, haben die Regisseure Sandor Jesse und Lutz Stützner sich nun daran gemacht, den unterhaltsam-kritischen Stoff auch für die große Leinwand umzusetzen.

    Nach dem Tod seines Vaters, dem König, wird der kleine Prinz Macius ins kalte Wasser geworfen. Sofort muss er die königlichen Pflichten wahrnehmen, nur mit der Hilfe seines weisen Hauslehrers Erasmus soll er urplötzlich ein ganzes Land regieren. Und dann ist da auch noch der böse Kriegsminister, der die Königs-Krone viel lieber auf seinem eigenen Haupt sehen würde. Als erste Amtshandlung führt Macius ein Kinderparlament ein, das zukünftig die Geschicke des Landes mitbestimmen soll. Schon bald wird ein Gesetzt verabschiedet, nachdem Kinder und Erwachsene für eine Gewisse Zeit die Plätze tauschen müssen – damit die Eltern mal merken, wie schwierig so ein Kinderleben eigentlich ist. Doch der spaßige Plan endet schon bald – und zwar nicht nur wegen der mangelhaften Fahrkünste der Führerschein-losen Sprösslinge – im Chaos. Die Kids kommen mit der Verantwortung nicht immer klar und plötzlich droht sogar ein Krieg mit dem Nachbarland auszubrechen... In einem zweiten Abenteuer fliegt Macius auf eine abgelegene Südseeinsel, um dort exotische Tiere für den königlichen Zoo einzufangen. Doch die Eingeborenen erweisen sich als von dem royalen Besuch wenig beeindruckte Menschenfresser...

    Um das Anliegen des Autors Janusz Korczak, der in seinem Roman kindliches Märchen mit düsterer Utopie vermischt, vollends zu verstehen, muss man sich zwingend mit seiner aufregenden Biographie auseinandersetzen. 1878 in Warschau geboren, kam Korczak zum ersten Mal mit der Pädagogik in Berührung, als er Schülern in seiner Umgebung Nachhilfe gab – dabei regte er sich maßlos darüber auf, wie stumpfsinnig die Lehrer den armen Kindern, die zum Teil in Kellern oder auf der Straße lebten, begegneten. Obwohl in dieser Phase der Entschluss in ihm reifte, sich stärker für die Rechte der Kinder einzusetzen, studierte er ab 1898 zunächst einmal Medizin. Während des Studiums erwachte sowohl sein politisches, als auch sein jüdisches Bewusstsein. Nach einigen Jahren als praktizierender Kinderarzt, übernahm Korczak 1912 die Leitung eines jüdischen Waisenhauses in Warschau. Während der ganzen Zeit veröffentlichte er pädagogische Schriften, Zeitungsartikel und Bücher. Die Erziehungswissenschaftlerin Irit Wyrobnik lobt an Korczaks Werken vor allem, dass er nicht nur über Kinder schrieb, sondern diese auch unmittelbar ansprach. Am 5. August 1942 wurde Korczak gemeinsam mit mehr als 200 jüdischen Kindern aus dem Warschauer Ghetto in ein Konzentrationslager abtransportiert. Zuvor hatte man ihm, der über viele hochrangige Kontakte verfügte, angeboten, zu fliehen. Doch er wollte mit seinen Kindern zusammenbleiben. Noch am selben Tag fanden alle in der Gaskammer ihr trauriges Ende. Gerade als der Name Korczak in Vergessenheit zu geraten drohte, wurde ihm als einzigem nicht mehr lebenden Schriftsteller überhaupt 1972 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 30 Jahre nach seinem Tod verliehen.

    Dieses Nebeneinander von spannendem Märchen und politischer Parabel, das Korczaks Werke auszeichnet, zieht auch der Film konsequent durch. Gerade im Verlauf der zweiten Episode wird dies ganz besonders deutlich. Während Macius auf der Menschenfresser-Insel in versöhnlicher Kinderfilm-Manier ein trotz Kannibalen im Endeffekt harmloses Abenteuer erlebt, geht es im heimischen Königreich erheblich düsterer zu – der Kriegsminister reißt die Macht an sich, erklärt den jungen König für tot und verbietet jedem, weiterhin an die Rückkehr von Macius zu glauben. Die Parallelen zu Nazi-Deutschland sind dabei zwar unübersehbar, zugleich aber auch so aufbereitet, dass sie auch für die kleinsten Zuschauer kindgerecht bleiben. Ein ganz starkes Konzept, das Kinder sensibilisiert, ohne dabei den Zeigefinger zu sehr zu erheben oder die Kleinen gar zu überfordern. Als einzige kleinere Schwäche, die aber wohl auch nur den erwachsenen Begleitern auffallen dürfte, erweist sich so die etwas zu episodenhafte Dramaturgie, die immer mal wieder einen Tick zu viel Tempo aus der Geschichte rausnimmt.

    Fazit: Ambitionierte Familienunterhaltung – charmant, spannend und intelligent erzählt.
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