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    Wächter der Wüste
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Wächter der Wüste
    Von Christian Horn
    Anmerkung der Redaktion: Die Erdmännchen schweigen!
    Nach starker Kritik an der ursprünglichen Vertonung des Films (die Erdmännchen plapperten mit Kinderstimmen munter drauf los) hat sich der Verleih dazu entschieden, auf dieses Gimmick zu verzichten. Hier lesen Sie nun die entsprechend abgeänderte Kritik zur endgültigen Kinofassung des Films:


    Statt der klirrenden Kälte des Südpols die knallende Hitze der Kalahari-Wüste, statt den putzigen Kaiserpinguinen die mega-putzigen Erdmännchen. Oder, anders ausgedrückt: Aus Die Reise der Pinguine wurde dank vorsichtiger Variationen „Die Wächter der Wüste“. Das hat sich James Honeyborne wohl so oder so ähnlich auch gedacht, als er die wesentlichen Ingredienzien des Pinguin-Erfolgsfilms zu einer Quasi-Fortsetzung im Geiste modelliert: Man nehme drollige Tierchen lasse sich einen kinotauglichen Score schreiben, verrühre das Ganze mit spektakulären Bildern und konstruiere eine spannende Familien-Geschichte in drei Akten, für die man dann Aufnahmen umschneidet, nachstellt oder sonstwie manipuliert. Dokumentarischer Gestus und Authentizität werden von inszenatorischen Überwältigungsstrategien und Storylines ersetzt – alles freilich im Sinne einer unterhaltenden Belehrung des Publikums. Dass die Bilder dabei nicht annähernd ihre faszinierende Wirkung entfalten können, weil sie dieses Gefühl des „Dabei-seins“ weitgehend verlieren und von jeder Menge Firlefanz überlagert werden, ist mehr als bedauernswert.

    Honeybornes Dokumentation beginnt damit, dass eine Erdmännchen-Frau, die mit ihrem Mann und einem pubertärem Sohnemann einen behaglichen Bau in der Kalahari-Wüste bewohnt, vier Junge zur Welt bringt – darunter auch den kleinen Kolo. Dieser muss nun die knallharte Realität kennenlernen und täglich von Neuem ums Überleben kämpfen, wobei der Film ihn in einem Tag-Nacht-Rhythmus begleitet. Kolos großer Bruder unterweist ihn im Verspeisen von Skorpionen, rettet ihn vor den Hufen einer Giraffe und hat immer ein wachsames Auge auf den Kleinen. Und das tut auch Not: Es lebt nämlich nicht nur eine Löwenfamilie in der Nähe des Baus, sondern auch ein Adler macht regelmäßig Jagd auf die Erdmännchen. Und dann zieht auch noch eine gefährliche Kobra in die Nachbarschaft – für jede Menge Spannung ist also gesorgt. Die Lage spitzt sich zusätzlich durch eine Dürreperiode zu. Die verzweifelte Suche nach Nahrung in einer ausgedörrten Landschaft wird zu einem Leitmotiv des Films, das Anlass zum Entwurf einer Parabel über die Schwachen, die sich gegen die Starken behaupten müssen, gibt.

    Bei der Inszenierung zieht Honeyborne die üblichen Register des Spielfilm-Genres. Ein Drehbuch, das während der Arbeit teilweise überarbeitet werden musste, war schon vor den ersten Aufnahmen vorhanden. Mit Großaufnahmen und Kameraperspektiven „über die Schulter“ der Erdmännchen wird künstlich eine Nähe zu den Tieren hergestellt. Ähnliches wird dadurch erreicht, dass die Geschichte aus Kolos Perspektive erzählt wird: Genau wie er, lernen auch wir das Leben in der Wüste gerade erst kennen. Mit den Löwen, dem gefährlichen Adler und der heimtückischen Schlange, die einmal sogar in den Bau der Erdmännchen eindringt, verfügt der Film sogar über klassische Antagonisten. Zudem wird die Geschichte in drei Akten erzählt, wobei im letzten Handlungsstränge zusammenlaufen. In den dramatischen Szenen, oft Verfolgungsjagden, nutzt Honeyborne schnelle Schnitte und treibende Musik, um den Spannungseffekt zu erhöhen. Und auch zum Lachen, Schaudern und Trauern will der Film sein Publikum immer wieder bringen.

    Der neuerliche Boom von Tierdokumentarfilmen erklärt sich nicht zuletzt aus der gesteigerten medialen Wahrnehmung des Klimawandels oder – weiter gefasst – der ökologischen Katastrophen auf unserem Planeten. Es gibt wieder ein großes öffentliches Interesse daran, Bilder von Tieren in ihrer natürlichen Umgebung zu sehen - beziehungsweise zu bestaunen, denn möglichst spektakulär sollten die Aufnahmen schon sein. Vor allem die BBC hat sich in letzter Zeit mit überzeugenden Produktionen von Deep Blue bis Unsere Erde in diesem Sektor hervorgetan. Einer der Haupthandlungsorte der Klima-Misere sind die arktischen Gefilde und so gewährten uns nicht nur Knut und seine Freunde einen Einblick in ihren (zunehmend bedrohten) Alltag, der gewillte Zuschauer konnte sogar Die Reise der Pinguine verfolgen. Die Bilder, auf die es in diesem Genre vor allem ankommt, sind immer auch von dem Gedanken getragen, dass dies vielleicht die letzten Aufnahmen einer bedrohten Art sein könnten; und wegen dieser Bilder wird auch die Kinokarte gelöst.

    Leider macht „Wächter der Wüste“ in dieser Hinsicht etwas ganz Entscheidendes falsch. Er verlässt sich nicht auf seine prächtigen Aufnahmen, die überhaupt nur dank neuer Aufnahme-Techniken entstehen konnten, sondern unterlegt sie mit einem nie Ruhe gebenden Kommentar, der in der deutschen Fassung von Rufus Beck eingesprochen wurde. Und dieser Kommentator kommuniziert permanent Informationen, wobei er sich gerne auch mal wiederholt. Vielleicht macht eine solch konstruierte Familiengeschichte dem Kinopublikum den Zugang zur fremden Wüstenwelt tatsächlich leichter. Aber die Bilder, die an sich doch schon Schauwert genug wären, verlieren durch den permanenten Kommentar, die schnellen Schnitte und dem ganzen Schnickschnack Drumherum einen Großteil ihrer Ausdrucksstärke. Ein Off-Kommentar muss das Publikum nicht darüber informieren, dass es gerade sehr heiß ist, wenn der Wüstensand vor der Kameralinse flimmert. Und er muss uns auch nicht verzapfen, dass der Tag sich zu Ende neigt, wenn auf der Kinoleinwand gerade die Sonne untergeht. Nun ist dieser erklärende Off-Kommentar wohl auch der Tatsache geschuldet, dass „Die Wächter der Wüste“ ein Film für die ganze Familie sein soll. Aber die kindliche Phantasie hätte wohl auch den „nackten“ Bildern einiges abgewonnen - es soll ja sogar Kinder geben, die „Mikrokosmos“ mit offenem Mund bestaunt haben.

    Da nicht nur der Sprecher, sondern auch die mitunter rasanten Schnittfolgen die Bilder torpedieren und ein ungestörtes Schwelgen in den Wüstenlandschaften fast unmöglich machen, hinterlassen die Wüsten-Wächter einen faden Nachgeschmack. Wer „Die Reise der Pinguine“ mochte, wird sich wohl auch mit „Wächter der Wüste“ anfreunden. Einige der Aufnahmen sind tatsächlich wunderschön und vielleicht reicht es ja auch schon, sich einfach die Ohren zuzuhalten.
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