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    Die roten Drachen und das Dach der Welt
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Die roten Drachen und das Dach der Welt
    Von Christoph Petersen
    Die im März ausgebrochenen blutigen Aufstände in Verbindung mit den anstehenden Olympischen Spielen in Peking haben die Tibet-Kontroverse weltweit auf die Titelseiten und in die Abendnachrichten gespült. Doch der eigentliche Konflikt schwelt natürlich schon bedeutend länger. Und so haben sich die Freiburger Filmemacher Marc Keller und Ronny Pfreundschuh für ihre Dokumentation „Die roten Drachen und das Dach der Welt“ auch lange vor den Unruhen auf einen dreimonatigen Tibet-Trip begeben. Um die geölte chinesische Propagandamaschinerie zu umgehen, reisten die beiden als Touristen getarnt umher. Abseits der romantisierten Sicht der westlichen Welt wollten sie so das wahre Gesicht des Bergstaats auf Zelluloid bannen. Und wirklich fallen einige der Aufnahmen so intim und ungeschminkt aus, dass sie das Zeug hierzu tatsächlich hätten. Leider ist die dokumentarische Aufarbeitung der zusammenhanglosen Impressionsschnipsel für den Zuschauer ziemlich daneben gegangen.

    Das Problem: Nach Tibet kommen jeden Tag Tausende Chinesen, von denen sich dort etwa ein Drittel eine neue Existenz aufbaut. Gerade in der Hauptstadt Lhasa gewinnen die Immigranten so immer mehr die Oberhand: Chinesische Geschäfte und Leuchtreklamen bestimmen mittlerweile das Stadtbild maßgeblich, selbst der Einkauf des täglichen Bedarfs ist ohne Chinesischkenntnisse kaum mehr möglich. Tibetische Traditionen bleiben dabei langsam aber sicher auf der Strecke. Der Dalai Lama spricht inzwischen gar von einem „kulturellen Völkermord“. Der Film: Gezeigt werden Aufnahmen, die die Dokumentarfilmer während ihres Undercover-Trips gedreht haben. Von einfachen Reisebildern bis zu geheimen Gesprächen mit buddhistischen Mönchen ist alles dabei. Angereichert wird das Potpourri mit Interviews mit dem Dalai Lama und dem Leiter eines Hilfscamps in Nepal, das tibetische Flüchtlinge aufnimmt.

    Da in China alles andere als Pressefreiheit herrscht und die Welt noch bis August warten muss, bis sich geschätzte 30.000 Journalisten bei den Olympischen Spiele in China mehr oder – und das ist deutlich wahrscheinlicher - weniger frei bewegen dürfen, ist die Undercover-Arbeit von Regisseur Keller und seinem Partner Pfreundschuh kaum hoch genug einzuschätzen. Die eingegangenen Risiken und Wagnisse sind auf jeden Fall löblich. Doch dieses Lob endet leider mit jenem Moment, in dem die Filmemacher wieder in Deutschland angekommen sind. Die Aufarbeitung des unter so schwierigen und gefährlichen Bedingungen gewonnenen Materials ist nämlich schlicht mangelhaft: Dem Zuschauer wird eine beliebige Aneinanderreihung von beliebigen Szenen vorgesetzt – Zusammenhänge werden nicht hergestellt, eine nachvollziehbare Kommentierung bleibt aus. So wird es dem Publikum praktisch unmöglich gemacht, die präsentierten Bruchstücke richtig einzuordnen.

    Keller und Pfreundschuh ist es zwar gelungen, das wahre Gesicht Tibets einzufangen – sie scheitern allerdings daran, ihrem Publikum dieses zu vermitteln. Der Kinobesucher meint sich auf einem Dia-Abend, bei dem sich die Gereisten einfach weigern, die kleinen Anekdoten und Geschichten zu den Bildern preiszugeben. Zwar werden hier und da kurze Kommentarbrocken eingestreut, doch insgesamt wird das Publikum viel zu oft im Dunkeln belassen: Da schlagen Männer (vielleicht Polizisten) auf der Straße eine Frau zusammen – Wieso? Weshalb? Warum? Keine Ahnung! Natürlich kann sich ein durchschnittlicher Nachrichtengucker mittlerweile selbst einen Reim auf die Bilder machen – doch die Präsentation von ungeordneten Impressionsschnipseln ist Aufgabe von Youtube und Konsorten, von einem Dokumentarfilm muss man einfach mehr erwarten dürfen. So ist „Die roten Drachen und das Dach der Welt“ schlussendlich das Leinwandpendant zu einem Insiderwitz – und der Zuschauer ist der Außenstehende, der höflich mitlacht.

    Fazit: „Die roten Drachen und das Dach der Welt“ ist eine engagierte Tibet-Reportage, die einen roten Faden schmerzlich vermissen lässt. Außerdem liefert die – dem Undercover-Charakter der Dreharbeiten geschuldete – Handkamera kaum leinwandfüllende Aufnahmen: Eine Fernsehausstrahlung hätte der Doku deshalb deutlich besser als eine Kinoauswertung zu Gesicht gestanden.
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