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    Whatever works - Liebe sich wer kann
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Whatever works - Liebe sich wer kann
    Von Alex Todorov
    Woody is back in the Big Apple! Nach einem fünf Jahre und vier Filme währenden europäischen Exil hat Woody Allen wieder in New York gedreht, in der Stadt seines Herzens und im Zentrum seines Schaffens. Mit der Komödie „Whatever Works“ trifft der Stadtneurotiker wieder einmal ins Schwarze: Brillante Dialoge, treffsichere Oneliner, eine Hauptfigur, gegen die Jack Nicholsons Melvin Udall aus Besser geht’s nicht wie ein Pfadfinder daherkommt und ein formidabel aufspielender Cast sorgen für ein Kinovergnügen erster Güte.

    Einst fast für den Nobelpreis in Physik vorgeschlagen, steckt der mustergültige Misanthrop Boris Yelnikoff (Larry David) nun in einer verzwickten Lebensphase. Von seiner Frau hat er sich scheiden lassen, nachdem ihm aufging, dass sie viel zu perfekt zueinander passten, danach hat er dummerweise einen Suizidversuch überstanden, und seit er seinem Beruf nicht mehr nachgehen kann, verbringt der unwirsche New Yorker die Tage damit, seine Freunde am Kaffeetisch zu belehren und die Kinder, denen er das Schachspiel beibringen soll, seine Verachtung für ihre Unwissenheit und „Dummheit“ spüren zu lassen. Bis eines Tages die junge Streunerin Melodie (Evan Rachel Wood) vor Boris' Tür steht und ihn um etwas zu essen bittet. Die von zuhause geflüchtete, äußerst einfach gestrickte 19-jährige Südstaatlerin nistet sich bei dem Herrn von Anfang 60 ein. Schon bald finden die beiden auf seltsame Weise zueinander, heiraten und das höchst gegensätzliche Paar lebt in amüsanter Symbiose. Doch dann tauchen Marietta (Patricia Clarkson) und John (Ed Begley Jr.), Melodies bornierte, christlich-dogmatische Eltern, auf und müssen nicht nur Boris als Ehemann der Tochter verdauen, sondern ebenso den „Kulturschock New York“.

    In Allens Vorgängerfilm Vicky Cristina Barcelona wird die offene Dreiecksbeziehung zwischen Scarlett Johansson (Lost In Translation, Die Insel), Penélope Cruz (Volver, Elegy) und Javier Bardem (Das Meer in mir, No Country For Old Men) von der zwischen Abenteuerlust und Bindungsbedürfnis schwankenden Rebecca Hall (Frost/Nixon, Dorian Gray) mit den Worten kommentiert: „Whatever works“ - wenn es funktioniert, dann ist es auch gut so. Die Maxime, die es nun zu Titelehren gebracht hat, könnte ein Motto für das gesamte Werk Allens abgeben. Immer wieder geht es um die Infragestellung verkrusteter Konstellationen, die Loslösung alter Fesseln, die Entdeckung neuer Gelüste und Talente auf der Suche nach dem kleinen Glück. Es gibt kaum einen Autorenfilmer, der in solcher Kontinuität mit wiederkehrenden Motiven jongliert und so fällt es nicht auf, dass er die erste Drehbuchfassung von „Whatever Works“ schon vor 30 Jahren schrieb: Das bereits als Allenscher Altherrentraum gescholtene Aufeinandertreffen des jungen, unschuldigen Mädels mit dem alten, knorrigen, welterfahrenen und –abgewandten Sack oder die Rolle New Yorks als geradezu magischer Ort, der den Menschen ihre versteckten Wünsche entlockt, sind im Schaffen des ewigen Hornbrillenträgers nichts wirklich Neues. Das schmälert aber in keiner Weise den Sehgenuss. Die Kenner erfreuen sich an den einfallsreichen Variationen und die Neulinge entdecken einen Großmeister der Komödie in Hochform.

    Seit Woody Allen mit fortschreitendem Alter immer öfter darauf verzichtet, selbst in seinen Filmen aufzutreten, hat er die Rolle seiner neurotischen Leinwandpersona unter anderem Kenneth Branagh (Celebrity) und dem jungen Jason Biggs (Anything Else) anvertraut. Diesmal fiel seine Wahl auf den TV-Autor und Schauspieler Larry David („Seinfeld“, „New Yorker Geschichten“). Der spielt den Menschenfeind noch einen Zacken schärfer und asozialer als in seiner Fernsehserie „Curb Your Enthusiasm“ und gibt der Figur in Art und Auftreten eine harschere Note als es von Allen persönlich zu erwarten gewesen wäre. Dieser legt dem leicht cholerischen, höchst zynischen und bitter-enttäuschten Juden Boris Yelnikoff seinerseits pointierte, scharfzüngige Monolog- und Dialogpassagen in den Mund, gemeinsam treten Allen und David die politische Korrektheit mit Stiefeln. Einmal zetert Boris in seinem Ärger über die verblödeten Bälger, denen er Schach beibringen soll, dass die Kinder statt ins Ferienlager mal ein paar Wochen ins Konzentrationslager geschickt werden sollten, damit sie „verstehen, wozu die menschliche Rasse im Stande ist“. Diese Heftigkeit bildet einerseits natürlich eine Angriffsfläche, wie die teils vernichtenden amerikanischen Kritiken zeigen, anderseits ist sie aber auch die große Stärke des Films. Der Protagonisten wird nämlich nicht nur auf New York und die Kinder losgelassen, sondern auch direkt auf sein Publikum.

    Er sei kein liebenswerter Mensch, so warnt Boris Yelnikoff die Zuschauer im Kino gleich zu Beginn. Larry David durchbricht die vierte Wand und spricht direkt in die Kamera zum Publikum. Ein solches Stilmittel birgt die Gefahr einer Beeinträchtigung des Erzählflusses, aber Allen macht aus dem vermeintlichen Problem wie so oft einen Vorzug, indem er seinen Protagonisten die Kinosituation explizit reflektieren lässt. Boris hält sich für ein Genie (schließlich wurde er beinahe für den Nobelpreis vorgeschlagen) und geht selbstverständlich davon aus, dass alle Zuschauer nur wegen ihm gekommen sind. Als weiterer Beweis seiner Brillanz gilt ihm, dass allein er um die Existenz des Publikums weiß, während die restlichen Charaktere überaus verwundert zur Kenntnis nehmen, wie Boris in eine für sie imaginäre Kamera spricht. Dieses amüsante, postmodern angehauchte Spiel mit den Kommunikationsebenen ist kein Selbstzweck, vielmehr wird mit ihm äußerst geschickt die Hauptfigur charakterisiert und vertieft.

    Nachdem Scarlett Johansson, die in drei der vier in Europa entstandenen Filme Allens auftrat, schon als Woodys neue Muse galt, besetzte der Regisseur nun die noch jüngere Evan Rachel Wood (The Wrestler, Across The Universe) in der zentralen weiblichen Rolle. Erst vor kurzem verstörte Wood mit oberflächlichem und wenig subtilem Spiel im Staffelfinale von „True Blood“. Hier ist ihre Darbietung indes umwerfend und ihre Melodie erinnert ein wenig an Mira Sorvinos Linda aus Geliebte Aphrodite. Wie Wood Unbedarftheit und Begriffsstutzigkeit nicht nur durch Sprache, sondern durch Gestik und Mimik auch physisch zum Ausdruck bringt, ist großes Kino. Durch Boris’ Einfluss mutiert Melodies Einfältigkeit zu einer abstrusen und urkomischen Melange abgeklärter, weltwissender Doofheit. Die junge Frau saugt Boris’ Weltsicht und seine vernichtenden Urteile über alles und jeden förmlich auf, sie passt das Wissen, mit dem er sie bombardiert, aber ihrem Horizont an. Es ist eine Schau, wenn sie dann ihre eigene Auffassung der Dinge an verblüffte Dritte weitergibt. In ihrer frappierenden Naivität, die ein wenig an Homer Simpson erinnert, denkt sie bei Yelnikoffs Toleranz-Mantra des „Whatever works“ folgerichtig sogleich an einen Typen aus der Südstaatenheimat, der bei einer intimen Begegnung mit einem Schaf erwischt wurde. Whatever works! Trotz aller Beschränktheit offenbart Wood aber auch eine andere Seite Melodies und diese mütterliche Behutsamkeit macht es erst nachvollziehbar, dass ihr der allesverachtende Yelnikoff verfällt.

    Larry David und Evan Rachel Wood glänzen individuell und harmonieren zudem prächtig, aber Allen hat wieder einmal auch bei den Nebenrollen ein gutes Händchen bewiesen. Wie schon in „Vicky Cristina Barcelona“ spielt die grandiose Patricia Clarkson (Lars und die Frauen, Good Night, And Good Luck) die ältere Variante einer jungen Figur (dort gespielt von Scarlett Johansson, hier von Wood) und vollführt eine herrliche Wandlung vom Dorf-Ei zur hippen New Yorker Künstlerin, was Allen zu seinen obligatorischen Seitenhieben auf die Kunstszene und Intellektuellenkreise nutzt. Auch Ed Begley Jr. (Ananas Express, „Six Feet Under“) wird mit fundamentaler Veränderung konfrontiert. All' die Südstaatler werden überwältigt vom Charme und der Urkraft der Stadt New York. Sie finden hier ihre Bestimmung und es erblüht, was ein Leben lang im Verborgenen verkümmerte.

    Mit „Whatever Works” ist Woody Allen – entgegen Yelnikoffs Ankündigung zu Beginn, dies sei kein Feel-Good-Movie – sein erfrischendster Film seit mehr als einer Dekade gelungen und es ist inständig zu hoffen, dass er uns noch für einige Filme erhalten bleibt. Allens neuester Streich ist eine stringente, zwerchfellerschütternde Komödie mit großartigen Darstellern und bissigen Dialogen. Die filmische Heimkehr nach New York hat sich gelohnt.
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