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    Lemon Tree
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Lemon Tree
    Von Anna Lisa Senftleben
    Die Zitrone – abgeleitet vom arabischen Wort „laimun“ - ist nicht nur titelgebend für Eran Riklis’ neuen Film „Lemon Tree“, sondern steht auch symbolisch für den auf wahren Begebenheiten beruhenden Konflikt zwischen einer palästinensischen Witwe und ihrem neuen Nachbarn, dem israelischen Verteidigungsminister. Die gelbe Tropenfrucht ist in dem Drama allgegenwärtig: Bereits in der Eröffnungssequenz wird der Zuschauer mit Close-Ups auf die Zubereitung der jüdisch-marokkanischen Delikatesse „Eingelegte Zitronen“ gestoßen, während im Hintergrund der Titelsong „Lemon Tree Very Pretty“ erklingt. Dabei verbindet Regisseur Riklis sein saures Motiv stimmig mit der prekären politischen Situation im Nahen Osten.

    Die palästinensische Witwe Salma (Hiam Abbas, Dialog mit meinem Gärtner, Es begab sich aber zu der Zeit…) hütet seit Jahren jenen Zitronenhain in der West Bank unmittelbar an der Grenze zu Israel, den sie einst von ihrem Vater erbte. Durch den plötzlichen Einzug des israelischen Verteidigungsministers Navon (Doron Tavory) und seiner Frau Mira (Rona Lipaz-Michael) in das Nachbarhaus scheint die bisherige Idylle jedoch in Gefahr. Für den israelischen Geheimdienst stellen die harmlosen Zitronenbäume nämlich eine Bedrohung dar: Immerhin könnte jederzeit ein Selbstmordattentäter geschützt durch die dichtgewachsenen Bäume einen Angriff auf das Leben des Ministers ausüben. Da hilft auch kein Zetern und kein Beten: Die Zitronenbäume müssen weg! Für Salma bedeutet der Hain nach dem Tod ihres Mannes und dem Auszug ihrer Kinder aber nicht nur die wirtschaftliche Existenzsicherung, sondern weit mehr als das: Seit ihrer Kindheit hat sie hier gelebt und hart gearbeitet. Deshalb beschließt die couragierte Witwe, für ihr Recht zu kämpfen. Gemeinsam mit dem jungen palästinensischen Anwalt Ziad Daud (Ali Suliman) zieht sie bis vor den Obersten Gerichtshof Israels…

    Dem israelischen Regisseur Eran Riklis (Die syrische Braut) ist mit „Lemon Tree“ eine sehr intime Annäherung an den Palästinenserkonflikt gelungen. Seine persönliche Verbindung zu seinem Sujet beschreibt er folgendermaßen: „Der Nahe Osten unterliegt ständiger Veränderung. Aber eigentlich auch wieder nicht. In regelmäßigen Abständen verwendet man Schlagworte wie Hoffnung, Optimismus, Pessimismus, Durchbruch, neue Horizonte, ein neuer Tag, die Zukunft, die Vergangenheit, um die Lage dieser Krisensituation zu beschreiben. Und Bäume verfolgen die Handlungen der Menschheit als stumme Zeugen. Wobei die meisten bei dieser Gegend eher an Olivenbäume denken. Diese Geschichte aber handelt von Zitronenbäumen, die zum nationalen Sicherheitsrisiko werden. Nationales Sicherheitsrisiko - eine eher ungewöhnliche Bezeichnung im Zusammenhang mit Zitronenbäumen.“

    Die Zitrone als Symbol für den Palästinenserkonflikt heranzuziehen, ist ein gar nicht mal so fern liegender Gedanke, bedenkt man, dass die saure Frucht bereits eine bewegte symbolische Vergangenheit hinter sich hat. Im Judentum steht sie für das menschliche Herz, im Mittelalter galt sie als Symbol des Lebens, fungierte als Schutz gegen lebensfeindliche Kräfte wie die Pest oder Verzauberung und spielte auch im Brauchtum bei Taufen, Hochzeiten und Konfirmationen eine große Rolle. Auch als Reinheitssymbol wurde sie im späten Mittelalter angesehen. Im Fall von „Lemon Tree“ kann man die Zitrone in Form des für Salma lebenswichtigen Hains als ihren persönlichen Schutzwall interpretieren, der durch unerwartete Umstände nun selbst in Bedrängnis gerät. Dabei dreht sich der Film jedoch nicht nur um die symbolträchtige Spannung im Kontext der prekären politischen Situation, sondern auch um die Einsamkeit zweier grundverschiedener Frauen: Salma auf der palästinensischen Seite und Mira, deren Traurigkeit und Melancholie großartig von Rona Lipaz-Michael herausgearbeitet wird, auf und an der Seite des Staates Israel.

    Getragen wird „Lemon Tree“ auch durch das überragende Spiel von Hiam Abbass, die im vergangenen Jahr Mitglied der Berlinale-Jury war und für ihre Rolle in Die syrische Braut 2005 für den Europäischen Filmpreis als Beste Darstellerin nominiert wurde. Eran Riklis, der 1954 in Jerusalem geboren wurde und mittlerweile zu den renommiertesten Filmemachern Israels zählt, durfte für „Lemon Tree“ bei der diesjährigen Berlinale den Publikumspreis der Panorama-Sektion in Empfang nehmen. Bereits 1993 inszenierte Riklis mit „Zohar“ den größten israelischen Kassenschlager der 1990er Jahre und führte seither neben seinen Spielfilmen auch bei zahlreichen TV-Serien und -Filmen sowie Hunderten Werbespots Regie. Mit „Lemon Tree“ knüpft er nun qualitativ vielleicht nicht ganz an seine besten Werke an, dennoch hat auch dieser Filme wieder seine herausstechenden Momente – vor allem der präzise Blick der Kamera auf die Darsteller, deren Spiel durch die vielen Naheinstellungen noch intensiver wird, bleibt hängen.

    Leider ist neben diesen positiven Aspekten, einer gehörigen Portion Situationswitz und einem stimmigen Soundtrack nur ein sehr seichter Umgang mit der politischen Dimension der Story herausgesprungen. Riklis versteift sich häufig zu sehr auf seine Charaktere, weshalb ihm ein umfassenderer, einordnender Blick auf die Geschehnisse fehlt. Selbst wenn die Weltpresse auf Selmas Schicksal aufmerksam wird und den Zitronenhain beinahe zu einem internationalen Zwischenfall hochstilisiert, kommt das volle Ausmaß an Absurdität nicht richtig rüber, weil sich Riklis stattdessen lieber auf die sich langsam entwickelnde Liebesgeschichte zwischen der Witwe und ihrem engagierten Anwalt konzentriert, die zudem nicht nur aufgrund des Altersunterschieds streckenweise aufgesetzt und wenig glaubhaft erscheint.

    Fazit: „Lemon Tree“ punktet mit einer starken weiblichen Hauptfigur, einer Prise Humor und in goldgelbes Licht getauchten Kameraeinstellungen, die eine bedrohliche Atmosphäre heraufbeschwören. Stellenweise gelingt es Regisseur Eran Riklis, die aberwitzige Situation um das Sicherheitsrisiko Zitronenbaum treffend ad absurdum zu führen. Für den ganz großen Wurf bleibt der Film an vielen Stellen aber zu oberflächlich und gibt sich mit einfacher Unterhaltung statt satirischem Biss zufrieden.

    Noch ein Tipp zum Schluss: Wenn irgendwie möglich, sollte man sich „Lemon Tree“ unbedingt im Original mit Untertiteln ansehen. Für die deutsche Fassung wurde nämlich ohne Rücksicht auf Verluste über jegliche Sprachbarrieren hinwegsynchronisiert.
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