Räuber Kneißl
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Kino:
Anonymer User
4,5
Veröffentlicht am 19. März 2010
Markus Rosenmüller versteht sich auf anspruchsvolle "Heimatfilme", die er in vielen Genres zelebrieren kann. Räuber Kneißl ist, bei aller dramaturgischer Zuspitzung und und mancher Stilisierung, die ein guter Film auch braucht, ein hervorragend gelungener Annäherungsversuch an einen historischen Stoff, der wirklich als gelungen betrachtet werden kann. Das ist alles andere als selbstverständlich. Einen historischen Stoff halbwegs authentisch auf die Leinwand zu bringen erfordert echtes Engagement. Die Ausstattung und die gewählte Szenerie zeugt von Liebe zum Detail. Die Schauspieler sind treffsicher ausgewählt und spielen überzeugend. Die Atmosphäre ländlichen Lebens im Bayern des deutschen Kaiserreichs wird überzeugend eingefangen. Unterschiedliche Wertbegriffe in verschiedenen sozialen Milieus sind ausgezeichnet kontrastiert mit einem Fokus auf das klsssiche Räuber und Gendarm-Motiv: Rebellische, freiheitliche Gesinnung gegen stures Obrigkeitsdenken. Die Charaktere sind hervorragend geschildert und ihre Motive nachvollziehbar. Auch wenn nicht alle Taten der Protagonisten zu rechtfertigen sind, bleiben sie sympathisch und in ihrem Handeln verständlich. Viele Personen schillern ambivalent, mit Ihren Stärken und Schwächen. Kneißl ist kein Superheld, sondern ein Mensch dessen Trickreichtum und Überlebensfähigkeit aus dem Mut der Verzweiflung geboren sind. Diese Verzweiflung steht ihm oft ins Gesicht geschrieben, ebenso wie ein unbändiger Wille zu Leben und das Leben zu genießen. Ausgezeichnet gespielt sind nicht nur die "Helden", auch Figuren wie der Dorfpfarrer und der Gendarm "Förtsch". Sehr realistisch geschildert sind auch die Konfrontationen mit der Obrigkeit und die Schußwechsel. Hier hebt sich der Film wohltuend von platter Action mit kaltschnäuzigen Protagonisten ab und schildert ungleich realistischer von Gefühlen bestimmte Menschen: Sie haben die Situation keineswegs immer unter Kontrolle und spüren die Ungewißheit darüber wie alles ausgehen wird. Sie versuchen so gut als gerade mögich Ihren Rollen oder ihrem Selbstverständnis mit mehr oder weniger Geschick und Glück gerecht zu werden.

Die Bezeichung "Unübertrefflich" für die Wertung 10 scheint mir eigentlich für jeden Film zu hoch gegriffen. Deshalb "nur" 9 Punkte: Hervorragend.
Kino:
Anonymer User
3,5
Veröffentlicht am 17. März 2010
Der getriebene Unschuldige



Was man bei diesem Heimatfilm erwartet, kriegt man nicht: Heimatfilme

beinhalten immer eine Spur von angestaubtem Flair und überzogenen Figuren,

immer geht es um Land oder eine Frau. Nicht hier! Die Charaktere sind

dezent aber deutlich, intensiv aber nicht überspannt.



Es geht dabei um den historischen Mathias Kneißl, der Anfang des 20.

Jahrhunderts im Umland Münchens gelebt hat.

In "Räuber Kneißl" zeichnet Regisseur Marcus H. Rosenmüller ein Bild eines

eigentlich rechtschaffenen Kerls, der in der Familie lernt zu klauen und zu

wildern, weil er arm ist. später wird ihm dies zum Verhängnis. Der Vater

hilft der Familie durch Wildern, die Mutter hilft beim Stehlen. So lernen

die Kinder nichts anderes. Der Hof scheint nichts abzuwerfen, also bleibt

nur die Überschreitung des Gesetzes. eigentlich geht alles gut, bis der

Vater gefasst und vor den Augen seiner Frau und seiner Kinder zu Tode

geprügelt wird. Er stirbt in den Armen seiner Theresia, glänzend gespielt

von Maria Furtwängler. Die muss ins Gefängnis, denn das Paar hat die Kirche

ausgeräumt, während die Söhne Alois und Matthias schmierestanden. Als der

jüngere Alois später zwei Gendarmen anschießt, als diese die jugendlichen

Brüder zur Sonntagsschule abholen wollen. Beide Brüder werden dafür mehrere

Jahre ins Gefängnis gesteckt. Alois stirbt.



Als Mathias als junger Mann entlassen wird, will dieser ein neues Leben

anfangen. Er findet Arbeit und eine Freundin, doch die Vorurteile der

Menschen hindern ihn.



Der Zuchthäusler - bayerischkurz der "Haisl" genannt - hat nicht nur hier

mit dem vorgefertigten Schubladendenken Anderer zu kämpfen - vor allem der

damals angeschossene Gendarm Förtsch (Thomas Schmauser) startet eine Art

persönlichen Rachefeldzug. So wird Mathias Kneißl vollends zum Outlaw.



Die Geschichte entwickelt Regisseur Rosenmüller intensiv und spannend. Der

Zuschauer sieht sich ins bayerische Land der Jahrhundertwende

zurückversetzt und erlebt die Geschichte sozusagen hautnah mit.

Das Bild des "Heisl" wird auch nicht verklärt. Es bleibt einem der beinahe

Schuldfreie aber getriebene Mann im Gedächtnis, der aber auch Angst hat und

eigentlich nur eines will: Mit seinem Mädchen in Amerika ein Leben frei von

Vorurteilen und Konventionen leben. Da erschreckt man schon ein wenig, wenn

der inhaftierte Mathias Kneißl einen Brief liest, in dem ihm ein Freund

mitteilt, dass es in Chicago schlimmer ist, als zu Hause, denn "zu Hause

sterben die Leut'" - wie wäre es da wohl im fernen Amerika?



Der Film rüttelt an der eigenen (Doppel)Moral, an eigenen Vorurteilen und

am eigenen Handeln und wird so zum leisen aber feinen Plädoyer für

Freundlichkeit, Vergebung und Nächstenliebe.



"Räuber Kneißl" kommt am 21. August neben Berlin und Hamburg vor allem in

Bayern in die Kinos. Erst im September folgen andere Lichtspielhäuser über

die Republik verteilt.

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