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    Das Festmahl im August
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Das Festmahl im August
    Von Björn Becher
    Zum Stichwort Italien fallen vielen Leuten zwei Klischees ein: Italiener kochen gerne und leben bis im hohen Alter noch bei ihrer „Mamma“. Regisseur, Autor und Hauptdarsteller Gianni Di Gregorio greift in seiner erfrischenden Komödie „Das Festmahl im August“ diese beiden Gemeinplätze auf und liefert einen feinen kleinen Film voller Lebensfreude ab. Beim Filmfestival von Venedig traf das Werk so punktgenau in das Herz der Zuschauer, dass sich aufgrund der durch die erste Aufführung ausgelösten Mundpropaganda vor der zweiten Vorstellung lange Zuschauerschlangen bildeten. Auch der deutsche Italienfreund wird an dem locker-leichten Plädoyer gegen die Bevormundung alt gewordener Eltern durch ihre Kinder seinen Spaß haben.

    Mitten im August. Es ist heiß in Rom und die Stadt ist wie ausgestorben, denn der beliebte Feiertag „Ferragosto“ (das italienische Pendant zu Mariä Himmelfahrt) steht an und in dieser Zeit zieht es die Italiener raus aus der Stadt in den Urlaub. Giovanni (Gianni Di Gregorio), von Freunden nur Gianni genannt, kann davon allerdings nur träumen. Finanziell abgebrannt muss er zu Hause bleiben und sich zudem um seine dominante Mutter (Valeria De Franciscis) kümmern, bei der er, obwohl selbst schon über 50, immer noch lebt. Doch die traute Zweisamkeit wird bald durch Hausverwalter Luigi (Alfonso Santagata) gestört, bei dem Gianni mächtig in der Kreide steht. Gegen den Erlass eines Teils seiner Schulden bittet Luigi Gianni zwei Tage auf seine alte Mutter Marina (Marina Cacciotti) aufzupassen. Notgedrungen willigt Gianni ein. Doch Luigi drückt ihm nicht nur seine Mutter, sondern auch noch seine Tante Maria (Maria Calìzia) aufs Auge. Und ehe Gianni sich versieht, lädt auch noch sein Arzt (Marcello Ottolenghi) die eigene Mutter Grazia (Grazia Cesarini Sforza) bei ihm ab, fein ausgestattet mit einer Gebrauchsanweisung, was sie nicht essen darf und welche Medikamente sie wann nehmen muss. So darf Hobbykoch Gianni den heißen Feiertag mit gleich vier rüstigen Damen verbringen, die sich zu allem Überfluss zunächst ganz und gar nicht grün sind.

    Als Drehbuchautor ist Gianni Di Gregorio schon länger eine etablierte Größe im italienischen Filmgeschäft. Nachdem er in den vergangenen Jahren verstärkt als Regieassistent geübt hat (unter anderem bei Gomorrha), legt er nun mit stolzen 60 Jahren sein Debüt als künstlerischer Leiter vor. „Gomorrha“-Regisseur Matteo Garrone fungiert seinerseits als Produzent bei „Das Festmahl im August“, dessen Geschichte in Di Gregorios eigenen Erlebnissen wurzelt. Als der Autor im Jahr 2000 noch bei seiner „Mamma“ lebte, versuchte der damalige Vermieter tatsächlich, seine Mutter über den „Ferragosto“-Urlaub bei Di Gregorio unterzubringen. Dieser lehnte zwar dankend ab, doch die Vorstellung ein paar Tage auf engstem Raum mit ein paar älteren Damen und ihren Spleens zu verbringen, beschäftigte ihn weiter, so dass er schließlich daraus ein Drehbuch entwickelte und dies nicht nur selbst verfilmte, sondern auch gleich die Hauptrolle übernahm.

    Ältere Menschen haben bekanntlich ihre kleinen Eigenheiten. Die einen sind leicht vergesslich, viele ein wenig starrköpfig und die wenigsten wollen einsehen, warum bestimmte Mahlzeiten nicht mehr auf dem Speiseplan stehen dürfen. Dazu kommt noch eine kleine Prise Zickenkrieg und fertig ist das Konfliktpotenzial, von dem auch „Das Festmahl im August“ kräftig zehren kann. Di Gregorio stattet seine vier Damen mit all diesen bekannten Attributen aus und liefert feine und leise Situationskomik ab. Da wird um das Fernsehen gestritten, eine der Damen schließt sich bockig im Zimmer ein oder stiehlt sich aus dem Haus, und immer mal wieder wird hinter dem Rücken der anderen gelästert. Di Gregorio lässt seine Damen aber nie böse werden, sie bleiben auch bei menschlichen Fehltritten immer grundsympathisch. Und so ist es dann ganz wunderbar, wenn Maria unaufhörlich von ihrem großartigen Nudelauflauf im Ofen schwärmt, während Grazia nebendran sitzt und aufgrund des strengen Ernährungsplans ihres Sohnes gedünstetes Gemüse essen muss.

    Di Gregorios Entscheidung, trotz seiner geringen Erfahrung als Mime selbst die Hauptrolle zu übernehmen, erweist sich als goldrichtig. Er hat zwar Theaterschauspiel studiert, sich in diesem Bereich jedoch bislang kaum betätigt. Dies ist ihm aber nicht anzumerken. Sein Gianni ist ein wunderbares Beispiel für die Verkörperung italienischen Lebensgefühls. Obwohl die Damen sofort Trubel in die außergewöhnliche Kurzzeit-WG bringen, scheint er lange Zeit mit stoischer Gelassenheit über den Dingen zu stehen. Giannis wichtigster Helfer ist dabei der Weißwein, den er ständig trinkt. Immer wieder füllt er sein Glas auf: Dieses Motiv ist geschickt als kleiner Running Gag im Film platziert. Großen Anteil am Gelingen haben auch die Darstellerinnen der vier Damen in der unfreiwilligen Wohngemeinschaft, die Gianni das Leben schwer machen. Di Gregorio griff bei ihrer Besetzung ausschließlich auf Laienschauspielerinnen zurück. Ein weiteres Risiko, das sich auszahlt. Die unterschiedlichen Temperamente ergänzen sich sehr gut und die Damen wirken unglaublich authentisch. Es ist ein Genuss, den Rentnerinnen dabei zuzusehen, wie sie mit der gewonnenen Freiheit umgehen und in der Gemeinschaft langsam aufblühen.

    Fazit: „Das Festmahl im August“ ist eine leichte und vergnügliche Komödie, die Lust auf Italien und die italienische Küche macht. Daneben hat der ungemein lebensbejahende Film aber auch eine ganz unaufdringliche Botschaft. Auch die älteren Semester haben noch das Recht auf ihr Vergnügen und nicht immer sind alle Regeln, die überbesorgte Kinder aufstellen, auch wirklich nötig. Und da darf dann auch mal der Ernährungsplan beiseite geschoben werden und zumindest einmal im Jahr ganz hedonistisch genossen werden. Vor allem wenn italienische Gaumenfreuden locken.
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