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    9to5: Days in Porn
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    9to5: Days in Porn
    Von Christoph Petersen
    Die Heimat des Pornos ist schon lange nicht mehr das schmuddelige Bahnhofskino, in das sich der Zuschauer verstohlen, in einen Trenchcoat gehüllt hineinschleicht, sondern der heimische Schreibtisch, auf dem der Laptop im Dauerbetrieb sexy Clips aus dem Netz saugt. Genau wie der virtuelle Sex für den User inzwischen zu etwas Alltäglichem geworden ist, gehen auch die Menschen, die mit Pornos ihr Geld verdienen, einem geregelten Alltag nach. Dieser Ungeheuerlichkeit, die jeder Verteufelung seitens des Spießbürgertums zuwiderläuft, kommt Jens Hoffmann mit seiner Dokumentation „9 To 5: Days In Porn“ auf die Spur. Über 18 Monate lang hat der Deutsche Pornogrößen wie Sasha Grey, Otto Bauer oder Audrey Hollander mit der Kamera begleitet und dabei private wie berufliche Eindrücke gesammelt. Entstanden ist ein intimes Porträt, das sich den Klischees vom verruchten Geschäft mit der Lust ebenso verweigert wie der Schönfärberei.

    Sasha Grey (The Girlfriend Experience) hat sich bereits vor ihrem 18. Geburtstag einen Agenten gesucht, um mit der Volljährigkeit sofort ins Pornogeschäft einsteigen zu können. Ihr erster Dreh war ein Gangbang mit sechs Männern. Sasha hat sich in den Kopf gesetzt, das Business mit ihren bisweilen extremen Praktiken zu revolutionieren. Ob das Selbstbewusstsein des Nachwuchsstars nur als Fassade dient, oder ob sie bereits mit ihren jungen Jahren wirklich dermaßen abgebrüht ist, wird die Zukunft zeigen. Audrey Hollander und Otto Bauer sind Pornostars und außerdem ein Paar. Während er als Produzent, Regisseur und Darsteller arbeitet, ist auch sie für ihr Multitasking berüchtigt: Bei Drehs bringt sie mehrere Schwänze gleichzeitig in ihrem Anus unter, wofür sie mehrmals täglich mit ihrem Freund und Butt-Plugs trainiert. Katja Kassin stammt aus Leipzig und verdient inzwischen im kalifornischen Fernando Valley als Pornostar ihr Geld. Obwohl sie ihrem Job mit einer professionellen Einstellung begegnet („I do all Holes“), bricht sie doch immer wieder eine goldene Regel des Business, wenn sie sich als Escort etwas dazuverdient…

    Als Jens Hoffmann mit seiner Idee von der Porno-Doku auf seine potentiellen Protagonisten zukam, reagierten diese zunächst mit Zurückhaltung. In früheren Reportagen waren sie stets als hilflose Opfer oder nymphomane Sexbestien abgetan worden. Die Medien interessierten sich nur für die Extreme, dem Pornobetrieb als etwas Alltäglichem zu begegnen, kam für sie nie in Frage. Deshalb lag es an Hoffmann, zunächst einmal das Vertrauen der Porträtierten zu erlangen. Nur mit seiner Partnerin Cleonice Comino, die für Produktion und Ton verantwortlich zeichnete, näherte er sich ihnen ohne großes Team, um nicht wie ein Außenstehender aus der Entfernung auf das Business blicken zu müssen, sondern – wie ein Vertrauter - hautnah dabei sein zu können. Das klingt jetzt zwar im ersten Moment nach den Dreharbeiten zu einer Naturdokumentation über scheue Tiere, aber allzu weit hergeholt ist dieser Vergleich vielleicht auch gar nicht. Immerhin geht es darum, einen unverfälschten, nur nicht künstlich aufgebrezelten Eindruck von der Branche zu bekommen.

    Trotz der schwierigen Bedingungen, ohne staatliche Förderung und nur mit einem Zwei-Mann-Team drehen zu müssen, wollte Hoffmann keinesfalls qualitative Abstriche in Kauf nehmen. Obwohl er sich neben der Regie selbst um die Kameraarbeit kümmern musste, drehte er überwiegend auf 16-mm-Material und die übrigen Szenen mit einer schweren HD-Kamera. Dieser alles andere als selbstverständliche Verzicht auf verwackelte Digitalaufnahmen hebt den Film vom Gros unabhängig produzierter Dokumentation, die nur noch selten echte Kinobilder liefern, ab und brachte Hoffmann zu Recht eine Nominierung für den Deutschen Kamerapreis 2009 ein. Außerdem unterläuft er durch eine geschickte Auswahl der Ausschnitte gekonnt den Voyeurismus des Zuschauers. Von einem Pornodreh zeigt er beispielsweise nicht etwa den eigentlichen Akt, sondern wie die männlichen Darsteller sich in einer Drehpause mit mühsamem Gewedel ihre Standfestigkeit zu bewahren versuchen.

    Natürlich birgt die Nähe eines Dokumentarfilmers zu seinem Sujet nicht nur Vorteile, sondern auch Gefahren. Doch auch wenn Hoffmann nie verteufelt, begeht er ebenso wenig den Fehler, seinen Protagonisten mit seinem Film einen Gefallen tun zu wollen. Da fallen dann eben auch Sätze wie jener von der ohne Schminke körperlich schwer gezeichnet anmutenden Audrey Hollander, dass sie ohne ihren Freund wohl vielen der Praktiken nicht zugestimmt hätte, die sie nun in ihren Filmen vollführt - aber für die Liebe tue man eben einiges. Und die Ärztin Dr. Sharon Mitchell, die ihre Pornokarriere einst an den Nagel hängte, weil sie von einem irren Fan vergewaltigt wurde, stellt trocken fest, dass es beim aktuellen Härtegrad der Pornos wohl nur noch eine Steigerungsmöglichkeit gebe: „Es müsste schon ein Zug in das Arschloch einer Darstellerin fahren.“

    Fazit: Jens Hoffmann begegnet der Pornoindustrie in seinem Festivalhit „9 To 5: Days In Porn“ mit Offenheit, aber ohne ihr zu verfallen, er stellt das verruchte Image ebenso in Frage wie er die Schattenseiten aufzeigt. Ausgewogener und näher dran geht kaum.
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