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    Beginners
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Beginners
    Von Stefan Geisler
    Spätestens seit der Romanverfilmung „Thumbsucker" ist der Grafikdesigner und Musikvideo-Regisseur Mike Mills, der schon mit musikalischen Größen wie den Beastie Boys, Air oder Yoko Ono gearbeitet hat, auch Kinogängern in Deutschland ein Begriff. Viel wird erwartet von Mills zweitem Spielfilm. Und das zu Recht, hat er doch mit seinem Daumenlutscher die Messlatte für Nachfolgewerke ziemlich hoch gehängt. Wie Mills Erstling verfügt auch „Beginners" über einen grandiosen Cast, der mit Ewan McGregor, Mélanie Laurent und Schauspieler-Urgestein Christopher Plummer einiges zu bieten hat und gleichzeitig durch eine sehr eindringliche, sehr persönliche Note besticht. Kein Wunder, schließlich ist der Vater-Sohn-Komplex im Herzen der Erzählung seinem eigenen Leben entnommen, einschließlich des verspäteten Coming-Out. So bekannte sich Mills Vater im Alter von 75, nach beachtlichen 45 Ehejahren, zu seiner sexuellen Neigung und durchlebte nach Angaben von Mills bis zu seinem Tod eine der schönsten Etappen seines Lebens.

    Grafikdesigner Oliver (Ewan McGregor) steht an einem Wendepunkt in seinem Leben. Der Tod seines Vaters, der nach dem Ableben seiner Mutter und 40 guten Ehejahren noch sein Coming-Out wagte, versetzt Oliver einen schweren Schlag, von dem er sich nur langsam erholen kann. Denn in dieser Zeit hatte Oliver zum ersten Mal das Gefühl, seinen Vater wirklich zu kennen. Erst als er die entzückende französische Schauspielerin Anna (Mélanie Laurent) auf einer Party kennenlernt, fängt er an, das Leben wieder zu genießen. Bald schon stellen sich dem jungen Glück die ersten Probleme in den Weg: Während Oliver noch immer seinen verstorbenen Eltern hinterher trauert, ist es für die Schauspielerin erstaunlich schwer, das Leben hinter sich zu lassen, dass ihr eigentlich so verhasst ist...

    Jede Generation hat ihre eigenen Probleme. So wie sich der Sternhimmel, das Gesicht des amtierenden Präsidenten und die Darstellung glücklicher Familien in der Werbung ändern, wechseln auch die Leiden der Menschen mit der Zeit. Hill macht deutlich, dass Art und die Dimension der Probleme ihrem gesellschaftlichen Kontext entsprechen. War der Vater noch gezwungen eine Scheinehe zu führen und sich im Verborgenen seiner eigentlichen sexuellen Leidenschaft hinzugeben, könnte sich der Sohn nach Belieben frei entfalten, steht sich dabei aber selber im Weg. Die Beziehung zu Anna scheint an seiner Unfähigkeit zu scheitern, das Vergangene hinter sich zu lassen. Ein Mensch, der in der Vergangenheit lebt, schafft es, sich Stück für Stück die eigene Zukunft zu verbauen. Oliver zumindest meint zu erkennen, es sei das größte Problem seiner Generation, einfach zu viel nachdenken, statt mal den Kopf abzuschalten und zu leben - also dem Beispiel zu folgen, dass ihm sein Vater nach der Loslösung aus den altmodischen gesellschaftlichen Zwängen gab.

    Mike Mills erzählt eine sehr gefühlvolle Geschichte in leisen Bildern, die selbst in ihren traurigsten Momenten immer noch schmunzeln lässt. Das liegt am großartigen Drehbuch und einer sehr einfühlsamen Inszenierung, vor allem aber am hervorragend aufgelegten Cast. Neben Christopher Plummer, der sichtlich befreit und hemmungslos seinen zweiten Frühling durchlebt, sind es die beiden Hauptdarsteller Ewan McGregor und Mélanie Laurent, die als Liebespaar wunderbar harmonieren. Beide schaffen es, die tragikomischen Momente ihrer Beziehung sehr natürlich auszuspielen, vom ersten Treffen über die fast schüchterne Annäherungsphase bis hin zum Beginn des gemeinsamen Lebens. McGregor und Laurent geben ein romantisches Liebespaar ab, ohne auch nur ansatzweise ins Kitschige abzurutschen. Dennoch liegt von Anfang an etwas Bedrückendes über der ungezwungenen Zweisamkeit, Probleme, die im Hinterkopf rumoren und sich stückweise zu erkennen geben. So ist es symptomatisch für die spätere Beziehung, dass Oliver bei seiner ersten Begegnung mit der hübschen Französin auf einer Kostümparty als Psychoanalyse-Gründervater Sigmund Freud in Erscheinung tritt.

    „Beginners" bedient viele emotionale Themen gleichzeitig - neben einer Vater-Sohn-Geschichte in ungewohnter Aufmachung erzählt Mills von den Schicksalsschlägen, die jeder Mensch auf die ein oder andere Weise irgendwann durchleiden muss. Trotz all der Trauer, die in den Figuren herrscht, wird aber nie der Witz vergessen, etwa beim mitternächtlichen Vandalismus Olivers, der bewaffnet mit einer Spraydose Partyweisheiten an die Wände der Innenstadt schmiert, oder beim Zwiegespräch mit Hund Arthur, der die letzte Verbindung zum verstorbenen Vater darstellt, sich die Probleme des Grafikdesigners geduldig anhört und dann stumm – aber untertitelt – Antwort gibt. „Beginners" schafft den Spagat zwischen romantischer Komödie und Drama mit Bravour. Mike Mills Nachfolgewerk muss sich nicht vor dem gefeierten Erstling „Thumbsucker" verstecken, ganz im Gegenteil: Damit kann er sich erhobenen Hauptes in den Kinos und auf Film-Festivals sehen lassen.
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