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    Zugvögel ... Einmal nach Inari
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    5,0
    Meisterwerk
    Zugvögel ... Einmal nach Inari
    Von Carsten Baumgardt

    Eine absolute Perle der deutschen Kinokultur bescherte uns Peter Lichtefeld 1998 mit seinem Leinwand-Debüt „Zugvögel ... Einmal nach Inari“. Das lakonisch-melancholische Railroad-Movie ist ein Meisterwerk der leisen Töne und atmosphärisch einfach berauschend dicht. Kleines Kino ganz groß...

    Jede freie Minute widmet der zurückhaltende Bierfahrer Hannes (Joachim Król) seinem bizarren Hobby. Der Ruhrpottler brütet stundenlang über Zugfahrplänen aus ganz Europa. Doch seinem großen Traum, beim 1. Internationalen Wettbewerb der Kursbuchleser in finnischen Inari teilzunehmen, kommt etwas dazwischen: sein Chef. Der verweigert dem stillen, aber gutmütigen Hannes den nötigen Sonderurlaub. Da packt ihn die Wut – Hannes schlägt seinen Boss mit einer rechten Geraden k.o. und macht sich auf den Weg zum Bahnhof – sein Fahrziel: Inari. Kommissar Fanck (Peter Lohmeyer) führen seine Ermittlungen wenig später auf Hannes’ Spur – denn sein Chef ist tot und er ist der Hauptverdächtige. Auf der Zugreise in die nördlichste Stadt Europas begegnet Hannes einer Reihe von sonderbaren Typen – bis er sich unverhofft in die Finnin Sirpa (Outi Mäenpää) verliebt...

    Ursprünglich war Peter Lichtefelds lakonisches Railroad-Movie lediglich für die TV-Verwertung produziert. Doch der Prokino Filmverleih war clever und erkannte das große Programmkino-Potenzial dieses Kleinods deutscher Filmkunst und wertete „Zugvögel ... Einmal nach Inari“ im Kino aus – mit großem Erfolg. Der Film war DER deutsche Indie-Hit im Jahr 1998 und erreichte knapp eine halbe Million Zuschauer bei geringer Kopienzahl. Doch warum traf Lichtefeld den Nerv des Publikums? Die originelle Mischung aus Liebesgeschichte, Kriminalstory und Road-Movie ist melancholisch, die Figuren sind allesamt skurrile Außenseiter, aber zutiefst sympathisch. Unaufgeregt verfolgt Lichtefeld im kauzigen Stil eines Aki Kaurismäki („Der Mann ohne Vergangenheit") den (Leidens)weg seiner Protagonisten.

    Betörend schöne Bilder (Kamera: Frank Griebe) des rauen finnischen Nordens stehen in Einklang mit dem feinen, lakonischen, warmherzigen Humor des Films. Die Wandlung von Peter Lohmeyer, der als Kommissar mit leichtem Columbo-Touch zunächst verbissen an den Fersen des vermeintlichen Mörders klebt, ist im Finale beinahe schon ergreifend. Als er seinen Täter gestellt hat, lässt er ihm seinen großen Traum und zeigt wahre Große, die berührt.

    Das gesamte Ensemble ist bestens besetzt, bis in die kleinste Nebenrolle. Dem spröden Charme von Outi Mäenpää erliegt nicht nur der ausgezeichnete Joachim Król als schüchterner Bierkutscher Hannes, sondern auch der Zuschauer. An der dezenten Liebesbeziehung wirkt nichts aufgesetzt – alles ist authentisch. „Zugvögel ...“ ist ein durch und durch harmonischer Film, alles stimmt, alles passt zusammen. Ein stilles Meisterwerk. Absolut sehens- und entdeckenswert.

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