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    Zulu
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Zulu
    Von Tim Slagman

    Das südafrikanische Post-Apartheid-Kino hat sich mittlerweile etabliert: Für Gavin Hoods „Tsotsi“, der die Wandlung eines kriminellen Jugendlichen aus Johannesburg beschreibt, gab es 2006 den Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film. Neill Blomkamp löste 2009 mit dem SciFi-Thriller „District 9“ über Außerirdische, die in Slums zusammengepfercht werden, sein Ticket nach Hollywood – und er ließ es sich nicht nehmen, in seinem folgenden, hoch budgetierten „Elysium“ den Cyborg-Bösewicht noch Kruger zu nennen, eine offensichtliche Anspielung auf den ehemaligen Präsidenten der Burenrepublik. Während Blomkamp das südafrikanische Kino gen Hollywood exportierte, geht Jérôme Salle in mancher Hinsicht einen umgekehrten Weg: Der Franzose präsentiert mit „Zulu“ einen harten Thriller, bei dem er Motive aus den amerikanischen Cop-Filmen der 70er-Jahre in die Zerrissenheit der südafrikanischen Gegenwartsgesellschaft einfließen lässt.

    Brian Epkeen (Orlando Bloom) ist ein Bulle wie Gene Hackmans Jimmy Doyle aus „French Connection“, womöglich noch ein wenig abgestürzter, ein unberechenbarer Frauenheld mit der Neigung zu Gewaltausbrüchen. Über die Trennung von seiner Frau, die nun mit dem gemeinsamen Sohn zu einem reichen Zahnarzt gezogen ist, kommt er ebenso wenig hinweg wie über die Rolle seines Vaters, der tief ins Apartheid-Regime verstrickt war. Eins der Opfer dieses Regimes war Ali Sokehla (Forest Whitaker), dessen Vater von einer Rassistenmiliz ermordet wurde. Ali selbst ist nicht nur psychisch für immer gezeichnet. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Dan Fletcher (Conrad Kemp) ermitteln die ungleichen Cops in einem Mordfall an einer jungen, weißen Studentin in Kapstadt. Dabei stoßen sie auf eine neue Droge und eine Verschwörung, die weit in die dunkle Vergangenheit ihres Heimatlandes reicht.

    Die Figurenkonstellation in von „Zulu“ ist an manchen Stellen auffällig stark konstruiert. Der eine der Cops, gerade der Versehrteste, steht für ein Prinzip der Vergebung, die anderen für Verdrängung oder scharfe Anklage. Bei einem Grillabend darf dann jeder der Beteiligten dem Publikum noch seine Haltung ins Gedächtnis diktieren. Der neue Partner von Epkeens Ex-Frau ist dazu eine Schnöselkarikatur der überzogensten und unglaubwürdigsten Sorte. Und dass das Weltbild und das tatsächliche Handeln der Polizisten im weiteren Verlauf des Films nicht nur gewaltige Erschütterungen erfahren, sondern sichtlich auseinander driften, verstärkt eher noch den Eindruck, es hier mit einer sehr gewollten, abstrakten Versuchsanordnung zu tun zu haben.

    Mit seiner Inszenierung rückt Jérôme Salle diesen abstrakten Plot aber in konkrete Bilder: Ein staubbraun gefilterter Moloch, kontrastreich und grell, bildet den Hintergrund für heftige Gewalt. Regisseur Salle, der die Filme um den Comichelden „Largo Winch“ inszenierte und 2005 bei „Fluchtpunkt Nizza“ Regie führte, den Florian Henckel von Donnersmarck als „The Tourist“ neu adaptierte, schreckt weder vor dem drastischen Bildeffekt noch vor dem drastischen Herumreißen der Handlungsstränge zurück. Er beschönigt nichts und treibt einzelne Sequenzen genauso wie den Plot als Ganzes zum jeweils stimmigen und grimmigen Ende. Damit erzählt er ohne Zweifel von der tatsächlichen Gewalt, die auch heute noch in Südafrika herrscht, von den alten Wunden, die sich nicht schließen wollen und den alten Verbrechern wie den verbrecherischen Gedanken, die noch ihr Unwesen treiben.

    Es ist sicher kein sonderlich originelles ästhetisches Konzept, strukturelle Gewalt allegorisch so zu fassen und zu repräsentieren, dass auf der Leinwand halt ordentlich gemetzelt und gestorben wird: Wer seine Bilder nur laut genug schreien lässt, dem wird halt zugehört. Dennoch finden die disparaten Elemente in „Zulu“ zu einem stimmigen Ganzen, weil die Balance von abgründigen Charakteren und temporeich vorangetriebener Handlung stimmt. „Fluch der Karibik“-Star Orlando Bloom, abgerissen, unrasiert und grob, aber als Zottel-Cop Epkeen dennoch erfolgreich bei den Frauen, spielt gekonnt mit seinem Schönling-Image, während der beinahe ungesund verschlankte Forest Whitaker („Der letzte König von Schottland“) seine Wut, seinen Stolz und seine Trauer in sich verschließt – das Harte und das Weiche gingen bei diesem großen Schauspieler immer schon ineinander über. Wer das weiß, der muss ahnen, welcher der beiden Protagonisten der unberechenbarere ist.

    Fazit: In Bildern von drastischer Gewalt treibt Jérôme Salle seine recht konstruierte Figurenkonstellation durch einen konsequent abgründigen und spannenden Plot.

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