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    Auf Teufel komm raus
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Auf Teufel komm raus
    Von Lars-Christian Daniels

    „Wer eine Sexualstraftat begeht, der hat sein Recht in dieser Gesellschaft verwirkt!", ereiferte sich der deutsche Filmemacher und vierfache Vater Til Schweiger Anfang Februar kurz vor dem Kinostart von „Kokowääh" in einer Talkshow-Ausgabe von ZDF-Aushängeplauderer Markus Lanz. Diskutiert wurde dort Stephanie zu Guttenbergs umstrittene Sendung „Tatort Internet" und die Wiedereingliederung von Sexualstraftätern in die Gesellschaft – ein Thema, das vor allem die BILD-Zeitung seit Jahren liebgewonnen hat. Das Boulevardblatt nutzte Schweigers emotionalen Auftritt sofort dazu, eine Debatte unter ihrer Leserschaft loszutreten. Die Kommentare reichten dabei von „Endlich mal ein Promi, der unverblümt ausdrückt, was seit Jahren viele Bundesbürger denken!" bis „Vielleicht sollte Herr Schweiger erstmal seinen Wohnsitz nach Deutschland verlegen und hier seine Steuern zahlen, dann kann er sich gern für Opfer einsetzen!" Dass indes auch ein sachlicher, differenzierter Umgang mit dem Thema möglich ist, beweisen Mareille Klein und Julie Kreuzer in ihrer sehenswerten Dokumentation „Auf Teufel komm raus". Die beiden Filmemacherinnen schildern unvoreingenommen die Konfrontation des aus der Haft entlassenen Sexualstraftäters Karl D. mit der aufgebrachten Dorfbevölkerung und überlassen es dem Zuschauer, sich eine eigene Meinung zu bilden.

    1985 wurde Karl D. wegen Vergewaltigung einer 15-jährigen Schülerin zu einer Haftstrafe von fünfeinhalb Jahren verurteilt. Zehn Jahre später inhaftierte ihn die Polizei erneut. Diesmal wurde ihm vorgeworfen, zwei 14- und 15-jährige Anhalterinnen brutal vergewaltigt und ihnen anschließend die Schamlippen zugenäht zu haben. Obwohl er diese grausame Tat bis zuletzt bestritt, verurteilte das Gericht Karl D. als Wiederholungstäter zu 14 Jahren Gefängnis. Die Dokumentation beginnt bei seiner erneuten Entlassung im Jahr 2009. Karl D. ist bei seinem Bruder Helmut und dessen Familie im nordrhein-westfälischen Heinsberg-Randerath untergekommen. Den Bewohnern des kleinen Dorfes passt dies gar nicht; sie fürchten um die Sicherheit ihrer Kinder und wehren sich vehement dagegen, den Straftäter in ihrer Nachbarschaft dulden zu müssen. Der Film schildert den Protest der Bevölkerung, unter ihnen auch ehemalige Vergewaltigungsopfer, zugleich aber auch die zunehmende Belastung, unter der die Familie von Helmut zu zerbrechen droht.

    Bereits das Kinoplakat zu „Auf Teufel komm raus" macht die Intention der beiden Filmemacherinnen deutlich: Fernab von Schwarz-Weiß-Malerei soll eine differenzierte Annäherung an die kontrovers geführte Debatte um die Resozialisierung von Sexualstraftätern stattfinden. Dies gelingt nicht zuletzt deswegen, weil Klein und Kreuzer von Beginn an beide Seiten gleich ausführlich zu Wort kommen lassen. Der Ort des Geschehens wechselt ständig zwischen Helmuts Haus und den Demonstranten auf der gegenüberliegenden Straßenseite, die nicht müde werden, sich über einen Zeitraum von mehreren Monaten täglich zu versammeln, gut sichtbare Warnschilder für Durchreisende aufzustellen und ihre Parole „Wir wollen keine Kinderschänder-Schweine!" in die Lautsprecher zu schreien. Dass Karl D. die zweifache Vergewaltigung und Kindsquälerei, für die er vierzehn Jahre im Gefängnis gesessen hat, bis heute bestreitet, interessiert dort niemanden. Zudem wird offenbar billigend in Kauf genommen, dass das Wohl der Familie von Bruder Helmut durch den Terror auf der Straße zunehmend ins Wanken gerät.

    Doch Mareille Klein und Julie Kreuzer ergreifen keineswegs Partie für die beiden Brüder. Sie dokumentieren zwar, wie die eigenen vier Wände dank heruntergelassenen Jalousien, Drohbriefen und Anfeindungen auf der Straße für Karl und Helmut immer mehr zum Gefängnis werden, zeigen aber auch, dass Helmut gelegentlich über sein Ziel hinausschießt und die Konfrontation mit den Demonstranten unnötig verschärft. Mehr als einmal versucht er, die beiden Filmemacherinnen zu einer Stellungnahme zu verleiten, indem er sie zum Beispiel vergeblich auffordert, kleinere Schmierereien an seiner Hauswand zu filmen. Und vor allem Karl D. und dessen düstere Vergangenheit skizzieren Kreuzer und Klein so wertfrei wie möglich: Szenen, in denen der Mann sich den Demonstranten gegenüber freundlich gibt oder sich liebevoll um seinen Neffen kümmert, halten sich mit O-Tönen, in denen Karl D. fast teilnahmslos die erste Vergewaltigung und seinen Hang zur Cholerik eingesteht, die Waage.

    Die Skizzierung der demonstrierenden Dorfbevölkerung gerät hingegen ein wenig einseitig. Während einleitend noch männliche Demo-Organisatoren interviewt und unter anderem bei einer aussichtslosen Diskussion mit rechts-extremen Krawallmachern gefilmt werden, kommen später fast ausschließlich tätowierte Hausfrauen und übergewichtige Mütter aus den sogenannten „bildungsfernen Schichten" zu Wort, die Fluppe rauchend und frei nach Schnauze in die Kamera plappern. Dass die Damen sich billige Stammtischparolen verkneifen und schließlich sogar den Schritt zur Annäherung wagen und Karl D. im Haus des Bruders zum Gespräch aufsuchen, überrascht hingegen nicht: „Auf Teufel komm raus" ist sichtbar bemüht, mit gesellschaftlichen Vorurteilen aufzuräumen, ohne dabei an Authentizität einzubüßen.

    Dennoch hätte es nicht geschadet, die öffentliche Debatte in allen Schichten der Dorfbevölkerung zu hinterfragen, statt sich bloß mit zwei Dutzend Demonstranten zu beschäftigen, von denen kaum jemand mehr als zwei Sätze grammatikalisch unfallfrei über die Lippen bringt. Eine Antwort auf die Frage, wie die Resozialisierung von Sexualstraftätern stattfinden und mit den Interessen der Dorfbewohner in Einklang gebracht werden kann, liefert letztlich auch „Auf Teufel komm raus" nicht. Die Dokumentation macht allerdings eindrucksvoll deutlich, dass dazu mehr gehört als die Meldepflicht, die Til Schweiger im Fernsehen vehement forderte. Heute hat sich die Lage in nordrhein-westfälischen Heinsberg übrigens ein wenig beruhigt: Karl D. begab sich im Februar 2011 freiwillig in Therapie.

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