Mein Konto
    Vatertage - Opa über Nacht
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Vatertage - Opa über Nacht
    Von Tim Slagman

    Komödien mit authentischem Lokalkolorit sind rar – zu oft versuchen sich Filmemacher an der Darstellung regionaler Besonderheiten, ohne selbst vertraut mit den entsprechenden Gegenden zu sein. In Bayern allerdings erlebt die Heimatkomödie aus erster Hand gerade einen regelrechten Aufschwung. An vorderster Front stehen dabei die Filme von Marcus H. Rosenmüller („Wer früher stirbt ist länger tot") sowie Einzeltitel wie „Trans Bavaria". Viel persönliche Erfahrung steckt in diesen Projekten, viel Liebe und oft auch ein Quäntchen Boshaftigkeit. Ingo Rasper hingegen gab mit seinem Kurzfilm „Neuschwanstein Conspiracy" von 2005 gleich jede Zurückhaltung auf und ließ „imperialistische Ami-Schweine" einen Angriff auf das Märchenschloss von König Ludwig II. planen. Schön überdreht war das – und teuflisch clever im Spiel mit Stereotypen, obgleich Rasper gar kein Bayer ist. In „Vatertage – Opa über Nacht" häuft Rasper dagegen lediglich ein Klischee auf das andere. Der thematische Scharfsinn seines Kurzfilms geht seiner harmlosen München-Komödie dabei ab.

    Basti (Sebastian Bezzel) leitet in München ein vor sich hin dümpelndes Fahrradrikscha-Unternehmen namens „Wadlbeißer". Eines Tages steht die 17-jährige Dina (Sarah Horváth) aus Bitterfeld vor seiner Tür und behauptet, Basti sei ihr Vater. Einen Enkel hat sie ihm auch mitgebracht. Außerdem würde sie sich sehr über rund 15.000 Euro freuen, anderenfalls werde sie ihn auf Alimente verdonnern. So viel Kohle ist bei Basti freilich nicht sofort zu holen, also gibt Dina ihm ein paar Tage Zeit. Zeit, um zum Beispiel seine Schwester Thea (Monika Gruber) anzupumpen, um zwei Holländerinnen mit einem waschechten Beischlafdiebstahl um 200 Euro zu erleichtern – und vielleicht auch, um sich ein wenig besser kennenzulernen. Immerhin ist man jetzt ja eine Familie, so irgendwie...

    Nein, der gebürtige Hildesheimer Ingo Rasper ist sichtlich kein Münchner. Daher interessiert ihn an der Stadt, der er großartige Postkartenbilder von Feldherrnhalle und Wiener Platz widmet, auch nicht das Urwüchsige, das Besondere, womöglich gar das Hässliche oder das versteckte Elend abseits der ausgetretenen Touristenpfade. Nun gibt es Ärgeres als einen München-Film für Nicht-Münchner – wenn Rasper und Autor Thomas Bahmann bloß etwas zu sagen hätten über diese Stadt. Etwas, das darüber hinausginge, dass Mädels aus Bitterfeld gerne in die Nobeldisco „Oanser" gehen würden, wenn sie den Namen denn richtig aussprechen könnten und ihnen nicht gerade übel wäre von zu vielen Weißwürsten. Auch betrunkene und willige Niederländerinnen auf dem Oktoberfest dürfen als staubiger Bayern-Allgemeinplatz gelten.

    Immerhin bekommen hier auch andere Regionen ihr Fett weg: Dinas Freundin Natalie (Nina Gummich) sächselt und landpomeranzt in knappen, viel zu engen Tops und viel zu dickem Make-Up vor sich hin wie eine Karikatur der ostdeutschen Provinzjugend. Zu ihr gesellt sich mit dem Tunichtgut und typisch bajuwarischen Grantler, der bekehrt werden muss, eine weitere Figur aus dem reichen Fundus landsmannschaftlicher Klischees. Und auch der Handlungsrahmen ist mit altbekannten Eckpfeilern abgesteckt und wird mit ganz typischen Versatzstücken ausgefüllt: Eine Familie muss zusammenfinden, eine Reise steckt voller chaotischer Verstrickungen, dazu gibt es unerwartete Enthüllungen und tiefste Abgründe.

    Wenn die Vorurteile allerdings erst einmal aufeinandergeprallt und die groben Konfliktlinien etabliert sind, nimmt auch die Erzählung Tempo auf. Manche Rollen sind dabei erfreulich gegen den Strich landläufiger Images gebürstet. Die Kabarettistin Monika Gruber ätzt als personifiziertes schlechtes Gewissen Bastis so wunderbar drauflos, wie es nur wenige können. Freuen darf man sich auch insbesondere auf Heiner Lauterbach („Männer"). Hier spielt er Lambert, den schwulen Vater von Basti, mit einem Schlenkern, einer Lässigkeit und einem verschmitzten Selbstbewusstsein, als sei dies die Rolle seines Lebens. Der Auftritt von Irm Herrmann („Händler der vier Jahreszeiten") aus der ach so freigeistigen Fassbinder-Clique als zugeknöpfte Frau Oberrotter vom Amt stellt dagegen eher einen Insider-Gag für die Kenner deutscher Filmgeschichte dar.

    Fazit: Mit „Vatertage – Opa über Nacht" erzählt Ingo Rasper allzu routiniert und klischeehaft von der Läuterung eines bajuwarischen Hallodris – nur die Nebenrollen machen einiges her.

    Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
    Das könnte dich auch interessieren
    Back to Top