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    Quartett
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Quartett
    Von Katharina Granzin

    Die Alten sind schwer im Kommen im Kino. Dass man Menschen in ihrem letzten Lebensviertel sogar zu den Protagonisten einer romantischen Komödie machen kann, und dass es nie zu spät ist, um noch etwas Neues auszuprobieren, zeigt der 75jährige Star-Schauspieler Dustin Hoffman in seinem Regiedebüt „Quartett" sehr überzeugend. Der zweifache Oscar-Preisträger beweist dabei nicht zuletzt ein Händchen für perfektes Casting und hat sich großartige britische Charakterdarsteller vor die Kamera geholt: Maggie Smith, Billy Connolly, Pauline Collins und Tom Courtenay sind vier Einwohner eines ziemlich speziellen Altersheims und bilden das titelgebende Quartett in diesem sehr musikalischen Film, in dem Menschen unterhalb einer Altersschwelle von 70 Jahren nur wenig markante Nebenrollen spielen.

    In einer idyllisch gelegenen Seniorenresidenz für ehemalige Musiker herrscht die alljährliche Hektik, die dem Geburtstag von Giuseppe Verdi stets vorausgeht. Zu Verdis Jahrestag soll, wie immer, eine Gala veranstaltet werden, auf deren Erlös man diesmal besonders angewiesen ist, da das Haus sonst vor der Schließung stünde. In die Aufregung platzt ein Neuankömmling: Die ehemalige Operndiva Jean Horton (Maggie Smith) zieht in das Altersheim ein, was vielfältige Erregung mit sich bringt. Zum einen möchten ihre ehemaligen Opernkollegen Cecily (Pauline Collins), Wilfred (Billy Connolly) und Reginald (Tom Courtenay) Jean dazu bringen, zusammen mit ihnen im Quartett aufzutreten; Jean jedoch hat dem Singen im Alter abgeschworen. Dazu kommt, dass die ehemalige Starsopranistin einst mit Reginald verheiratet war, der immer noch Gefühle für sie hegt...

    Man merkt dem Film stellenweise an, dass er ursprünglich ein Theaterstück war (dessen Autor Ronald Harwood, oscarprämiert für „Der Pianist", hat das Drehbuch auch selbst verfasst). Vor allem das kammerspielartige Setting verweist auf diese Herkunft, aber auch die gewisse Überpointierung der Figuren ist sonst hauptsächlich aus dem Boulevard-Theater bekannt. Hier fällt sie besonders beim impertinenten Wilfred auf, der Frauen jeden Alters mit sexuellen Anzüglichkeiten zu belästigen pflegt. Aber das bekommt durch einen späten Kniff noch eine ganz andere Note: Wilfred soll nach einem Schlaganfall die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung abhandengekommen sein. Kleine Hinweise dieser Art offenbaren ganz nebenbei und sanft überraschend, dass sich gerade hinter den ureigentlichen Genre-Elementen der Komödie, die ja von der Übertreibung und der Normabweichung lebt, echte Tragik verbergen kann. Auch die im hohen Alter noch so mädchenhafte Cecily ist nicht einfach auf alberne Art kindisch, sondern leidet, wie in einer gar nicht komischen Szene gezeigt wird, an sich allmählich verschlimmernder Demenz. Und sogar die hochmütig auftretende Jean zeigt hinter geschlossener Tür Schwächen und kämpft mit riesigen Versagensängsten, während ihre ehemalige Konkurrentin kein Problem damit hat, in hohem Alter noch mit Puccinis „Nessun dorma" vor großes Publikum zu treten.

    Nein, das Altwerden hat nicht nur schöne Seiten. Dass altersbedingte Schwächen hier als komische Elemente eingesetzt werden, ohne dass die Figuren ihrer Würde und Ernsthaftigkeit beraubt würden, das ist eine der größten Qualitäten von Dustin Hoffmans Regie-Erstling, der aber keineswegs nur als verdienter Seniorenfilm in die Filmlexika eingehen sollte, sondern als perfekt inszenierte Komödie für Menschen jeden Alters. Hoffman fühlt sich hervorragend in seine Figuren ein und geht gerade mit ihren Fehlern und Ängsten, die keineswegs nur alterstypisch sind, sehr taktvoll um. Da ist es auch durchaus folgerichtig, wenn der vermeintliche Höhepunkt des Films und der Verdi-Gala, der Auftritt des Quartetts der vier Hauptfiguren am Ende überhaupt nicht gezeigt wird - denn das hätte Jean auf gar keinen Fall gewollt. Und so bleibt es bei kleineren Anflügen von Kitsch- und Rührseligkeit, aber so ein kleines bisschen gut gemachter Kitsch hat noch niemandem geschadet.

    Fazit: Komisch, intelligent und voll menschlicher Wärme inszeniert Dustin Hoffman seinen ersten Film, eine Komödie mit Tiefgang, deren Heldinnen und Helden sämtlich im letzten Lebensviertel stehen. Es wird viel gesungen, aber man muss kein Opernliebhaber sein, um „Quartett" zu mögen.

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