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    The Rover
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    The Rover
    Von Björn Becher
    Schon mit seinem Spielfilmdebüt „Animal Kingdom“ (deutscher Titel: „Königreich des Verbrechens“) sorgte der australische Regisseur David Michôd für Aufsehen. Dem grimmigen Abstieg in die Melbourner Unterwelt blieb zwar trotz einer Oscarnominierung für die brillante Nebendarstellerin Jackie Weaver die ganz große Aufmerksamkeit versagt, aber wer das Kleinod gesehen hat, dürfte es so schnell nicht vergessen und sich nicht wundern, dass Michôds zweiter Kinofilm seine Weltpremiere im Programm der renommierten Filmfestspiele von Cannes 2014 feiern durfte. Seine deutsche Uraufführung erlebt der nihilistische Endzeit-Thriller nun als Eröffnungsfilm des Fantasy Filmfests und dürfte dabei genauso viele Zuschauer verstören wie begeistern. Die von Michôd gemeinsam mit Schauspieler Joel Edgerton („The Great Gatsby“) entworfene, absolut minimalistische Wüstenstory mit einem stoischen Guy Pearce in der Hauptrolle und einer fast schon verstörenden Leistung von Ex-„Twilight“-Frauenschwarm Robert Pattinson bietet raues, unbequemes und teilweise ins Absurde überzeichnetes Genrekino, erreicht aber nicht ganz die Brillanz von „Animal Kingdom“.

    „The Rover“ beginnt mit einer Texteinblendung, die das Geschehen in Australien verortet, zehn Jahre nach einem nicht weiter erklärten Kollaps. Nach einem kurzen, fast schon ein wenig surreal anmutenden Intro sehen wir drei düstere Gestalten (Scoot McNairy, Tawanda Manyimo, David Field). Sie sind offensichtlich auf der Flucht, einer von ihnen hat eine schwere Schussverletzung. Als das Trio mit seinem Gefährt einen Unfall baut, steigt es in ein zufällig in der Nähe stehende Auto um. Eric (Guy Pearce), der Besitzer des Wagens, ist darüber ganz und gar nicht glücklich. Er macht das Unfallauto der Diebe wieder flott und nimmt die Verfolgung auf. Selbst die erste Konfrontation mit den Gangstern, bei der er k.o. geschlagen wird, kann ihn nicht stoppen. Stoisch heftet er sich wieder an ihre Fersen und besorgt sich auf dem Weg durch die karge, fast menschenleere Wüste eine Pistole. Später stolpert er über den geistig minderbemittelten und schwerverletzten Rey (Robert Pattinson), der sich als der kleine Bruder eines der Gangster entpuppt und von seinen Gefährten zurückgelassen wurde. In der Hoffnung, dass er ihm irgendwie nutzen wird, nimmt Eric Rey mit. Das vom Zufall zusammengeführte Duo hinterlässt auf seinem weiteren Weg immer mehr Leichen, scheinbar ohne dem Ziel wirklich näher zu kommen.


    Eine Erklärung für den Zusammenbruch der heruntergekommenen Welt des Films, in der es im Übrigen eine ebenso wenig begründete starke chinesische Präsenz gibt (bis hin zum China-Pop in der Bar), enthält uns Regisseur Michôd vor. Sicher ist nur: Sie ist staubig, verlassen und kaum lebenswert. Die wenigen Überlebenden schlagen sich durch, indem sie sich gegenseitig berauben oder die wenigen Dinge an den Mann bringen, die man in dieser Zeit noch irgendwie brauchen kann: Waffen, Autozubehör und Sex. Der Protagonist Eric misst dem Leben in dieser Umgebung entsprechend keinen Wert mehr bei, aber er ist wildentschlossen, seinen Wagen zurückzubekommen. Er tritt den Dieben des Autos, die ihre Pistolen auf ihn richten, zunächst sogar unbewaffnet gegenüber, und wiederholt mit knappen Worten seine einzige Forderung: Er will sein Fahrzeug zurück. Und nachdem er sein Ziel auf diese Weise nicht erreicht, besorgt er sich eine Knarre und jagt jedem, der irgendwie sein Fortkommen verzögert, kurzerhand eine Kugel in den Kopf. Dass es diesem Anti-Helden weniger um das Auto selbst geht, als um dessen Inhalt, wird früh deutlich, als der besessene Verfolger in letzter Sekunde ein Rammmanöver gen Kofferraum abbricht. Obwohl sein wahres Objekt der Begierde über weite Strecken nur als klassischer MacGuffin fungiert, ist die finale Enthüllung des Inhalts ein grandioser Schlusspunkt auf einen ungemein nihilistischen Film und taucht auch die geheimnisvolle Hauptfigur in ein neues Licht.

    Fast alles an „The Rover“ ist karg und minimalistisch: die Story, das Setting, die wenigen Worte, die Eric spricht. Und doch erzeugt Michôd von der ersten bis zur letzten Minute eine flimmernde Atmosphäre, die den Zuschauer auch durch jene Momente trägt, in denen die ohnehin nur rudimentäre Handlung komplett stillsteht. Dabei helfen ihm seine herausragenden Hauptdarsteller: Guy Pearce („Iron Man 3“) spielt mit Shorts, Zauselbart und jeder Menge Charisma den Besessenen, dessen Handlungen nicht im Verhältnis zu seinem Ziel zu stehen scheinen. Der größte Clou ist aber Robert Pattinson, der mit angefaulten Zähnen und komplett abgerissenem Erscheinungsbild kaum wiederzuerkennen ist. Er spricht einen verzerrten Dialekt, bekommt beim ständigen Reden seine Lippen nicht richtig auseinander und sein Mienenspiel ist bisweilen arg übertrieben. So erschafft er auf schlüssige Weise eine etwas einfältige Figur, die nicht so richtig weiß, wie ihr geschieht und völlig verstört durch die Welt taumelt. Vom eigenen Bruder zurückgelassen und dem Tod geweiht, plötzlich gerettet von einem harten Typen, der ihm sofort wieder eine Knarre unter die Nase hält – all das erledigt diesen Jungen, der sowieso schon vom Leben überfordert ist. Auch wenn Eric die Hauptfigur ist, gehören die zwei großen emotionalen Momente ganz klar Rey – und in einem Film, in dem sonst Gefühlen kaum Raum gegeben wird, stechen sie umso deutlicher heraus.

    Fazit: Im Vergleich zu David Michôds Meisterwerk „Animal Kingdom“ ist sein zweiter Film „The Rover“ etwas zu abstrakt und karg. Der Outback-Thriller mit Guy Pearce und Robert Pattinson etabliert den Australier nichtsdestotrotz endgültig als einen der momentan vielversprechendsten und eigenwilligsten Regisseure.
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