An alle, die das Buch gelesen haben und sich auf die Verfilmung freuen:
Ich empfehle euch, den Film gar nicht erst zu gucken, wenn ihr die im Buch beschriebene Geschichte rund um Robert Cole in Erinnerung behalten wollt.
Der Verfasser des Drehbuchs hat nur das wirklich Allernötigste vom Original übernommen. Die Familientragödie von Rob ist vollkommen verdreht und wie der Bader den jungen Rob aufnimmt und letztendlich wieder verlässt, ist so nie im Buch vorgekommen. Echt schade!
Robs Reise nach Persien ist im Buch (natürlich) viel länger und beschwerlicher. Die Darstellung der Reise im Film ist einfach lächerlich... Dass die im Buch absolut unverzichtbare Hauptfigur und Robs Geliebte Mary Cullen einfach so durch eine 0815 Liebesgeschichte mit einem muslimischen Mädchen namens Rebecca ersetzt wird, muss ja fast schon beleidigend für den Autor Noah Gordon sein! Dann so eine komplett ersetzbare Liebesgeschichte einzufügen ist einfach peinlich.
Ich muss es wohl verpasst haben oder haben die ernsthaft ausgelassen, wie Rob den Calaat vom Schah bekommt? Das ist doch der zentrale Punkt! Im Film ist das alles so einfach. Da wird er eben noch rausgeschmissen, ist er dann doch plötzlich Student. Im Buch muss Rob erst in einem absolut menschenverachtenden Kerker ausharren, das wäre doch spannendes Material für den Film gewesen?!
Die Rolle des Schah ist im Film viel zu kurz gekommen und hat so unfassbar wenig Tiefe im Gegensatz zum Schah im Buch. Lustig ist, dass der Schah hier eine ganz andere Rolle einnimmt.
Im Buch ist er der launische und betrügerische Antagonist, der letztendlich Karim und (indirekt) Mirdin umbringt. Diese immer riskanter werdende Beziehung zwischen dem Schah und Rob machte das Buch so spannend und unvorhersehbar. Von eben dieser Spannung ist im Film leider nichts zu sehen. Man lässt einfach so viel weg. Die für die Geschichte essenzielle Tatsache, dass Robs Frau Mary von ihm geschwängert wird, fällt dann ja auch weg...
Das ist doch alles verdreht und falsch. Die Pest ist niemals in Isfahan gewesen. Die Pest war in einer entfernten Stadt, zu der Ibn Sina erstmal eine Gruppe von Studenten schickt. Das Trio Rob, Karim, Mirdin entsteht ja dadurch erst. Nämlich indem sie die Pest gemeinsam "besiegen" und danach stärker zurückkommen.
Die Seldschurken haben eine geringe Rolle im Buch gespielt und sind (wenn ich das richtig verstanden hab) hier die Armee, die in Isfahan einfällt. Ich meine, dass das im Buch eine Armee aus Ghazna war, aber was solls...
Dass Rob sich vor der ganzen Stadt als Christ "outet" hat mich ja fast schon zum Lachen gebracht, weil gerade dieses ständige Versteckspielen als Jude ja die Spannung erst ausgemacht hat. Es gab über die lange Zeit, die Rob in Persien verbringt nur wenige vertrauenswürdige Personen, die davon wussten.
Er sitzt im Kerker mit Ibn Sina und sagt wortwörtlich: "Nichts ist wie in den Büchern." Ja genau das hab ich mir auch den ganzen Film über gedacht. :^) Diese Szenen im Kerker und der misslungene Hinrichtung sind unnötig und hätten Platz für ein paar ordentlichen Szenen geboten. Wie zum Beispiel von der Reise oder der Inszenierung von Mary und James Cullen. Für mich einfach unverständlich warum man diese Figuren nicht in den Film integriert hat.
Schade finde ich auch, dass es das Spiel des Schahs nicht gibt und
es deshalb auch nie zum eigentlichen Finale (!), nämlich Robs Sieg über den Schah im Spiel des Schahs, kommt. Der Schah kämpft nie im Duell gegen den Anführer aus Ghazna...
Im ganzen Film ist nicht ein Elefant zu sehen und somit macht das alles für mich keinen Sinn. Der Bader lebt am Ende der Geschichte noch? Abgesehen davon, dass
er im Buch stirbt und
Rob sich dann mit dem Wagen auf den Weg Richtung Osten macht, ist er im Film wohl ziemlich alt geworden. Dass er jeden Tag mit Kranken zu tun hatte und bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 32 Jahren (im Mittelalter) bis Robs Wiederankunft in London durchgehalten hat? Meinen Respekt!
Ach und ernsthaft? Die Madressa fackelt ab?
Son scheiß echt. Das sollte nicht die Moral dieser Geschichte sein... Die eigentliche Moral, nämlich, dass der Wille zur Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe die religiösen und kulturellen Barrieren überwindet, kommt nicht annähernd zur Geltung.
Was relativ gut dargestellt ist, ist Robs Neugier über das Innere des Menschen. Das Sezieren von Qasims Körpers ist erstaunlich realistisch dargestellt. (Obwohl Rob im Buch niemals dafür dran bekommen wird, dass er damit damit die religiösen Vorsätze bricht. xD)
Was ich außerdem relativ gelungen finde, ist die Atmosphäre in Isfahan und der spürbare Unterschied zwischen westlicher und östlicher Kultur.
Ich kann natürlich verstehen, dass man einen 600 Seiten Roman auf eine Spielfilmhandlung runterbrechen muss. Das ist sicherlich keine leichte Aufgabe... Das ist mir klar. Doch das, was ich hier sehen musste, ist leider nicht die Geschichte, die ich gelesen hab. Ich hatte mich nach dem tollen Buch wirklich auf die Verfilmung gefreut und dementsprechend bin ich jetzt extrem enttäuscht. Wenn man das Buch nicht kennt, kann einem der Film bestimmt irgendwie gefallen, weil man ihn dann ja nicht an dem durchs Buch gebotenen Potenzial messen muss.
Normalerweise bin ich nicht so am "haten", aber hier macht es mich einfach traurig. Die Besetzung und die Kulisse gefallen mir eigentlich gut, vor allem im Verhältnis zu anderen deutschen Produktionen. Trotzdem überwiegt für mich Enttäuschung über die absolut veränderte Handlung. Es wäre ein schöner Film geworden, hätte man sich beim Drehbuch einfach mehr an das Original gehalten. Bei diesem Film passt "nach dem Roman von Noah Gordon" leider nicht. Man hätte wohl eher "inspiriert vom Roman von Noah Gordon" schreiben müssen.
Beim nächsten Mal bitte das Original nicht nur überfliegen!