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    Naked Opera
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Naked Opera
    Von Robert Cherkowski

    Wenn es den steinreichen Opernliebhaber Marc Rollinger nicht schon gäbe, müsste Oscar Wilde von den Toten auferstehen, um ihn zu erfinden. Von einer seltenen Autoimmunkrankheit zur Gebrechlichkeit verurteilt, wohlhabend, homosexuell, tief religiös und einer der weltgrößten Fans von Mozarts Oper „Don Giovanni", deren Aufführungen er um den Globus nachreist – Rollinger ist der Prototyp des modernen Dandys, der sich beflissen, arrogant und zuweilen auch derbe zynisch durch die Welt treiben lässt, als wäre sie die Bühne seiner eigenen tragischen Oper. Für ihr Doku-Drama „Naked Opera" begleitete Regisseurin Angela Christlieb ihren schrullig-faszinierenden Star um die Welt, lauschte seiner Philosophie und ertrug so manche seiner Launen. Der Reiseaufwand und die dabei bitter nötige Nervenstärke haben sich glohnt. „Naked Opera" ist Doku-Kino der aufregendsten Art, ein Film, der die Konventionen der Gattung Dokumentation überwindet und der Selbstinszenierung seines Zentrums Rollinger folgt. Und der hat eigentlich gar keine Lust, mehr als nötig von sich preiszugeben. Immer wieder lässt er inszenatorische Nabelschau-Techniken ins Leere laufen. Wer einen Film über sich selbst schon ganz zu Beginn in Anspielung an die Geldgeber der luxemburgischen Filmförderung als Verschwendung von Steuergeldern bezeichnet, hat ohnehin schon die Sympathien auf seiner Seite. Zeitverschwendung zumindest ist diese spannend-unterhaltsame Doku auf keinen Fall.

    Alleine schon durch seinen bockigen Star hebt sich „Naked Opera" vom Gros der Doku-Portraits ab. Das zeigt sich nicht nur in den zwischengeschnittenen Szenen aus Joseph Loseys „Don Giovanni"-Verfilmung von 1979, in denen Rollingers Flanieren um den Erdball gespiegelt wird. Wie sein Idol, der tragische Stenz und Lebemann Don Giovanni, der Länder bereist und Herzen bricht, inszeniert sich Rollinger nach Lust und Laune selbst, bloß unter anderen Vorzeichen. Wenn er gerade einmal keiner „Don Giovanni"-Inszenierung beiwohnt, residiert er freilich in den ganz großen Luxushotels dieser Welt. Wo Mozarts Held jedoch die Herzen der Hofdamen brach, lustwandelt Rollinger mit Gigolos, Escort-Boys, schwulen Models und gegen Ende auch mit dem Gay-Porn-Star Jordan Fox durch die Gassen, Hotelflure und Schlafgemächer. Dass die Zuwendungen, die er hier bekommt, keineswegs auf seine Person sondern stets auf seinen Reichtum zurückzuführen sind, ist ihm egal. Schließlich bezahlt er seine Boy-Toys nicht dafür, dass sie kommen, sondern dafür, dass sie wieder gehen. In einem stillen Moment gesteht er ein, dass er das Lieben besser kennt als das Geliebtwerden, verzweifeln will er deswegen aber nicht.

    In erster Linie bleibt er ein Ästhet, der sich an schönen „Dingen" erfreut, unabhängig davon, ob sich diese Dinge auch an ihm erfreuen. Durch die Krankheit, die seine Knochen brüchig macht, wird er täglich daran erinnert, dass er seine Träume lieber nicht aufschieben und eher heute als morgen auf sein Glück bestehen sollte. Dieser Mann ist sich der Tragikomik seines Lebens bewusst. Um Mitleid buhlt er aber keineswegs. Vielmehr macht er es seiner Umwelt verdammt schwer, seine Spleens zu ertragen. Dabei durchbricht er auch immer wieder die vierte Wand und unterläuft ganz gezielt gängige Vorstellungen dokumentarischer Authentizität: Rollinger kennt die Mechanismen des Dokumentarischen und spielt nur genau so lange mit, wie er sich selbst als Herr der Inszenierung seiner Person behaupten kann. Dabei sieht man ihm den Heidenspaß, den er dabei hat, auch immerzu an. Wenn ihm jedoch etwas nicht passt, macht er Stunk – und gerade seine gelegentliche Verweigerungshaltung macht „Naked Opera" umso interessanter.

    Als ihn Christlieb fragt, was das Wort „Glück" bedeute, macht er sie schnippisch darauf aufmerksam, dass er kein Wörterbuch sei, sie das Wort jedoch gerne googeln könne, wenn sie denn schon so wissbegierig sei. Wenn er sich an anderer Stelle vor ein Fenster stellen und hinaus blicken soll – ein gängiger Doku-Kniff, um nachdenkliche Figuren zu zeichnen – motzt er: „Wenn's der Wahrheitsfindung dient!". Rollinger lässt sich nicht mit den üblichen Mitteln banalisieren und auch Christlieb begnügt sich nicht damit, einfach nur ihrem Star an den Fersen zu kleben. Immer wieder gibt es offensichtlich gespielte Szenen, die vor allem von den visuell opulenten Tableaus leben, die Kameramann Jerzy Palacz hier orchestriert und vor denen die Selbstinszenierung Rollingers bis an die Grenze der Lächerlichkeit und dann einen Schritt weiter getrieben wird. In Momenten wie diesen schafft sich die Dokumentation eine zweite Seite, die nicht direkt als Spielfilm zu bezeichnen ist, sondern vielmehr als Suche nach dem Drama in Rollingers Leben mit den Mitteln der Poetik. Und dass dabei weder der Film noch sein Star ihre Würde einbüßen, das ist wahrlich eine beachtliche Regie-Leistung.

    Fazit: „Naked Opera" lebt von seinen erlesenen Bildern und seinem schrulligen Star. Hier kommt auch ein Publikum auf seine Kosten, das mit Opern, Dandys und kultiviertem Weltekel sonst eher wenig anfangen kann. Kurz: Ein tragikomischer, kurzweiliger Spaß auf hohem Niveau.

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