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    Schönefeld Boulevard
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Schönefeld Boulevard
    Von Tim Slagman

    Schon in ihrem beim Deutschen Filmpreis mit einer Silbernen Lola ausgezeichneten Kinodebüt „Kroko“ hat sich Sylke Enders ganz auf eine unkonventionelle jugendliche Protagonistin eingelassen, Berliner Schnauze inklusive. Ihre neueste Arbeit, die sensible Komödie „Schönefeld Bouvelard“, trägt die Erinnerung an diesen Film natürlich genauso in sich wie die an einen großen, anderen, an den der Titel sich anlehnt, Billy Wilders „Sunset Boulevard - Boulevard der Dämmerung“ – zu dem sie aber keine Gemeinsamkeiten sucht außer die einer Frau im Zentrum der Geschichte, die träumt von einem Leben, das anders, glamouröser, sozialer ist als das, das sie tatsächlich führt.

    Traumverloren beginnt es dann auch, in der Weite des nicht eröffneten Berliner Großflughafens, der um sich herum die größte Freiluftwartehalle der Welt geschaffen hat. Neben der Startbahn fliegen wenigstens in Zeitlupe die Barbiepuppen, die Cindys schnoddriger Kumpel Danny (Daniel Sträßer) zerrissen und verstümmelt hat. Die rundliche Cindy (Julia Jendroßek) steht kurz vor dem Abitur und so wie die Arbeiten am Flughafen – dies eine wirklich auffällige Metapher – stagniert auch ihr eigenes Leben, das doch jetzt gefällig durchstarten, aufbrechen sollte. Im Netz taucht ein mehr als unvorteilhaftes Foto von ihr auf, Cindy verdächtigt zwei Mitschülerinnen, die sie für ihre Freundinnen hielt. Danny geht als Zeitsoldat nach Afghanistan, Cindy wirft sich einem finnischen Ingenieur (Jani Volanen) ungelenk an den Hals, aber aus der Sache wird nichts. In den Menschen aus aller Welt, die auf der Riesenbaustelle arbeiten, sucht sie – nach dem einen… nach dem, der ihr die Unschuld nimmt … nach einer Begleitung für den Abi-Ball… Als Danny zurückkehrt, ist er nicht mehr derselbe.

    Sylke Enders hat sich auf ein riskantes Spiel eingelassen: Sie hat einen Film gewagt, bei dem sie ständig balanciert zwischen dem Traum, ohne je Kitsch zu werden, und der Monotonie des Alltags, ohne je auch nur in die Nähe des viel kritisierten „poverty porn“ zu geraten. Sie reißt Geschichten an, ohne sie zu Ende zu erzählen, sie fährt auf einem so gar nicht vorherbestimmten Parcours durch Ereignisse, die eine Heranwachsende prägen könnten oder auch nicht. Bevor ein Abschluss gefunden werden kann, geht es auch schon wieder weiter. Es ist keine Dramaturgie, die sich da vor den Augen der Zuschauer entfaltet, sondern so etwas Ähnliches wie das Leben.

    Bildgestalter Benedict Neuenfels („Die Fälscher“) hält sich zurück mit Interpretation oder Stilisierung, er erweckt gekonnt den Anschein des Beobachters: Innenräume dominieren – eben keine weiten Prachtboulevards –, und das Draußen schnurrt zumeist zusammen auf die Umgebung der Figuren, auf die es ja nun mal auch ankommt. Newcomerin Julia Jendroßek bildet wie selbstverständlich das Zentrum. In den ersten Szenen scheint sie ein wenig unsicher durch Cindys Geschichte zu stapfen, aber mit der Zeit spielt sie immer treffsicherer all den Charme und die Peinlichkeit und den Mut aus, zu denen Cindy sich aufschwingt. Es ist der kleine Witz in den Dialogen, die treffsicheren, originellen Miniaturen – etwa ein Tischtennisspiel mit einem neuen Bekannten aus Korea (Yung Ngo), das inmitten einer Verfallslandschaft stattfindet –, die verhindern, dass die mäandernde Struktur der Erzählung kalt ließe.

    Der Beliebigkeit entkommt Sylke Enders durch die ständige Rückkopplung an all die Erzählungen und Erinnerungen zwischen Geschichten und Wirklichkeit, vom Kino, vom Flughafenfiasko, vom Erwachsenwerden, von erwachenden Gefühlen – also all dem Hörensagen und den Träumen, auf deren leicht gewebtem Teppich der Film schwebt. Dass manche Wendung schwach motiviert scheint, ist vor diesem Hintergrund nicht nur nebensächlich, sondern sogar ziemlich folgerichtig. Warum aber hat Sylke Enders sich dann entschlossen, ihre doch so offene Erzählung zum Ende hin wieder zu verschließen? Warum beschwert sie ihren balancierenden Film mit einer Last, die ihn zum Kippen bringen muss? Warum folgt sie künstlichen dramaturgischen Regeln von Konstellation, Motivation und Opfer? Das bleibt ein Rätsel. So ist ihr neuer Film einer, der im Gedächtnis besser wird, je stärker dort dieser Schluss verblasst.

    Fazit: Sylke Enders hat mit „Schönefeld Boulevard“ einen Film gedreht, der bis zum unpassenden Ende gekonnt zwischen träumerischer Schwärmerei und sozialem Realismus balanciert.

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