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    Der Mondmann
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    5,0
    Meisterwerk
    Der Mondmann
    Von Carsten Baumgardt
    Genie oder Wahnsinniger? Brüllend komisch oder todlangweilig? Kühl-berechnend oder völlig durchgeknallt? Das hängt vom eigenen Betrachtungsstandpunkt ab. Nicht diskutierbar ist die „eigentliche Qualität“ von Milos Formans grandiosem Biopic-Essay „Der Mondmann“. Doch das Meisterwerk über den zeitlebens umstrittenen, 1984 im Alter von nur 35 Jahren verstorbenen Performance-Künstler Andy Kaufman hat einen kleinen Haken: Wer die eingangs gestellten Fragen mit zweiterer Antwort versieht, wird die Magie dieses Films nie erfassen und somit auch nicht zu schätzen wissen können.

    Nach dem Abschluss des Graham Junior Colleges in Boston im Jahr 1971 tingelt Andy Kaufman (Jim Carrey) als Stand-Up-Comedian die amerikanische Ostküste entlang, bis ihn der Manager George Shapiro (Danny DeVito) entdeckt und aufbaut. Kaufmans bizarre Komik ist mehr Anti-Humor als vordergründige Belustigung, was sein Publikum schon früh irritiert und später noch in den Wahnsinn treiben wird. Mit dem „Foreign Man“ gelingt Kaufman der Durchbruch. Diese fiktive Figur aus dem fiktiven Land „Caspia“ gefällt den Produzenten bei ABC so gut, dass sie Kaufman in leicht angepasster Form als naiven Mechaniker Latka Graves für die beliebte Comedyserie „Taxi“ engagieren. Doch Kaufman hasst diese Rolle, nimmt sie nur widerwillig an, um später an seine eigene Show zu gelangen. Aus Frust erschafft er sein Alter Ego Tony Clifton. Über den Charakter des abgefuckten Nachtclubsängers lässt Kaufman gewaltig Dampf ab. Zunächst kann die Öffentlichkeit nicht einmal einen Zusammenhang zwischen den beiden Personen herstellen, zumal Clifton Kaufman stets auf das Übelste beschimpft. Aber im Hintergrund ziehen Kaufman und sein kongenialer Produzent Bob Zmuda (Paul Giamatti) die Fäden und halten das Publikum zum Narren. Kaufman, inzwischen zum Star aufgestiegen, weigert sich zwanghaft, Erwartungen zu erfüllen und tut im Grunde immer nur das Gegenteil davon. Seine sonderbare Faszination für Wrestling bringt ihm neben jeder Menge Aufmerksamkeit auch viel Ärger ein. Die Crux: Er kämpft zwar im Ring wie ein Mann, aber nur gegen Frauen, was die Öffentlichkeit zum Rasen bringt. Als er später noch die kompletten Südstaaten durch derbste, herablassende Sprüche gegen sich aufbringt, steht Kaufmans Karriere am Scheideweg...

    Der zweifache Oscar-Preisträger Milos Forman (für Einer flog über´s Kuckucksnest und Amadeus) ist ganz eindeutig ein Mann für Biographien und Rebellen: Aber nicht nur, dass der gebürtige Tscheche mit „Amadeus“ und „Larry Flynt“ zwei große Biopics auf die Leinwand gebracht hat. Seine Helden sind nie stromlinienförmig, oft subversiv, dem Establishment entgegentretend. Das trifft auch in vollem Maße auf Andrew Geoffrey Kaufman (* 17. Januar 1949 in New York) zu. Von Millionen geliebt und verehrt, von noch mehr Millionen bis aufs Blut gehasst, weil er die Öffentlichkeit zeitlebens bitterböse aufs Kreuz legte. Nahezu alles war gefakt. Die Kernpunkte: Tony Clifton, der er selbst war, und die Wrestlingsmatches, die allesamt vorher abgesprochen waren. Selbst seine legendäre Blutfehde mit dem Wrestler Jerry Lawler war eine Verarsche, wie erst 1995, elf Jahre nach Kaufmans Tod, herauskam. Genau aus diesem Grund, weil Kaufman in seiner Kunst, die Leute hinters Licht zu führen, keine Scham und schon gar keine Grenzen kannte, dauerte es nach seinem Tod lange, bis überhaupt jemand anfing, daran zu glauben. Zu rüde hatte der New Yorker die Leute geleimt und sie damit unterhalten oder brüskiert (wieder je nach Standpunkt). Die Ironie: Kaufman starb an einer sehr seltenen Lungenkrebsart – obwohl er weder rauchte, noch trank und so gut wie kein Fleisch aß.

    Die Stationen seines Lebens arbeitet Forman recht konventionell und chronologisch ab – mit einem klaren Fokus auf den künstlerischen Schaffensjahren. Der private Kaufman scheint nur ab und an durch, doch dieser war in der Realität eh kaum greifbar, da er immer irgendeine Rolle spielte und sich vollkommen in diese reinsteigerte. Das bildet auch Forman in „Der Mondmann“ ab. Brillant bebildert er die Finesse, die Kaufman für seine Finten an den Tag legt. Somit ist wenigstens zu erahnen, was diesen Mann angetrieben hat.

    Schauspielerisch ist „Der Mondmann“ eine Offenbarung. Mit Peter Weirs Meisterwerk Die Truman Show (1998) hatte der bisherige Clown Jim Carrey („Ace Ventura“, „Die Maske“) plötzlich schauspielerisches Talent erkennen lassen, das zuvor niemand für möglich gehalten hatte. Doch in „Der Mondmann“ legt der Komiker noch einmal zu und liefert die beste Leistung seiner Karriere ab – eben weil die Rolle des Andy Kaufman, den Carrey bewundert hat, zu hundert Prozent auf seinen Leib passt. Niemand anderes hätte diese Rolle ähnlich stimmig spielen können. Skandalöserweise wurde Carrey bei den Oscars übergangen, staubte aber wenigstens den Golden Globe ab. Carrey wird eins mit der Figur des Andy Kaufman. Der restliche Cast ist ausgezeichnet besetzt, jeder passt perfekt in seine Rolle: Paul Giamatti (Sideways, Das Mädchen aus dem Wasser, American Splendor) als Kaufmans Producer und Bruder im Geiste, Danny DeVito (Der Rosenkrieg) als sein umtriebiger Manager und „Hole“-Frontfrau Courtney Love („Larry Flynt“) als seine Wrestling-Partnerin und spätere Ehefrau Lynne Margulies.

    Der Ton des Films ist Kaufmans Charakter angemessen tragisch-komisch. Obwohl er ständig über kreative Prozesse nachdachte, war er kein Clown, sondern zuweilen durchaus ernst, was in einer unglaublich atmosphärischen Szene kulminiert, die die Quintessenz des gesamten Films darstellt: Kaufman berichtet im Freundes- und Familienkreis, dass er Krebs habe. Die Gesichter und damit verbundenen unterschwellig ausbrechenden Emotionen seiner Angehörigen, als sie merken, dass er es todernst meint, sind allein das Eintrittsgeld wert. Diese tieftraurige Szene berührt bis ins Mark, was auch analog für die Qualität des Films gesehen werden kann.

    Kurz vor seinem realen Ableben hatte Kaufman noch mit Bob Zmuda darüber philosophiert, wie er seinen Tod vortäuschen könnte, um die Welt ultimativ zu narren. Welch bittere Ironie, dass es zu Kaufmans Finale genau anders herum gekommen ist und er vom Sensenmann aufs Kreuz gelegt wurde. Zu seinem 20. Todestag wollte er übrigens wieder auf der Bildfläche erscheinen. Seine Freunde hielten 2004 eine „Welcome Home, Andy“-Feier“ ab. Doch Kaufman erschien nicht... Er hätte Formans subversive, bitterböse, dramatische Komödie als Querschnitt seines Lebens definitiv gemocht, weil sie seinem Wesen gerecht wird. Und so ist es mit dem eigenwilligen Film wie mit dem eigenwilligen Kaufman selbst – die einen lieben ihn, die anderen hassen ihn. Aus ein und demselben Grund: Kaufman. Er war seiner Zeit weit voraus, so weit, dass ihn viele einfach nicht verstanden. Wer sich also für den Humor-Anarchisten interessiert, wird an Formans meisterhaftem Film seine wahre Freude haben. Schufen R.E.M. ihrem Helden mit dem Song „Man On The Moon“ 1992 ein musikalisches Denkmal, so setzt Forman dies acht Jahre später filmisch um. Titelmusik: Natürlich R.E.M. mit „Man On The Moon“.
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