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    Love
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Love
    Von Michael Meyns

    Neben Lars von Trier ist er DER Skandalregisseur des zeitgenössischen Arthouse-Kinos: Gaspar Noé. Der Argentinier konfrontierte sein Publikum unter anderem mit einer minutenlangen Vergewaltigungsszene in einer einzigen gnadenlos ausharrenden Einstellung (in „Irreversibel“) und zeigte ihm in „Enter the Void“ einen Cumshot aus Sicht der Vagina. Wenn solch ein Künstler ankündigt, einen Film zu drehen, in dem es explizit um die sexuelle Seite der Liebe geht und das auch noch in 3D, dann liegen gewisse Erwartungen nahe. Und nach gut einer Stunde seines Sexdramas „Liebe“ kommt er dann auch, im wahrsten Sinne des Wortes: Ein Cumshot direkt in die Kamera, was allerdings keineswegs ein cineastischer Höhepunkt ist. Denn diesmal verliert sich Noé zwischen solchen hohlen Provokationen und erzählerischen Banalitäten, seine Stärken sind streckenweise nur noch zu erahnen, während seine Schwächen umso deutlicher zu Tage treten. So ist der nach dem kommerziellen Flop von „Enter the Void“ mit geringem Budget entstandene „Love“ insgesamt misslungen und nur im Ansatz ein interessanter Film.

    Murphy (Karl Glusman) und Electra (Aomi Muyock) führen eine wilde, von Drogen und Sex bestimmte Beziehung und schwanken zwischen überschwänglichen Glücksgefühlen und in Hass ausartender Eifersucht. Eines Tages haben sie einen Dreier mit der Nachbarin Omi (Klara Kristin), die Murphy auch in Electras Abwesenheit weiter trifft, was die Beziehung des Paares zunehmend belastet. Als Murphy Omi schließlich geschwängert hat, verlässt ihn Electra. Er trauert seiner großen Liebe nach...

    Ähnlich wie in „Irreversible“ erzählt Gaspar Noé auch diese Geschichte rückwärts, allerdings mit dem Unterschied, dass er die umgekehrte Chronologie immer wieder mit Schnitten in die „Gegenwart“ unterbricht, in der Murphy nach dem Ende der Beziehung zu Electra mit seinem Leben als Freund von Omi und junger Familienvater hadert. Im Lauf der Zeit ist seine Liebe zu Electra immer schwieriger geworden, hat sich die anfangs romantische, innige Beziehung zu einem ewigen Kampf entwickelt, der auch durch exzessiven Sex auf die Dauer nicht zu beenden war. Das durchaus spannende Thema einer durch Extreme geprägten Liebe wird von Noé allerdings weitgehend verschenkt.

    Die unerfahrenen Schauspieler sind mit den darstellerischen Feinheiten einer Charakterstudie offenbar überfordert, was den Verdacht nahelegt, dass sie vor allem deswegen engagiert wurden, weil sie willens waren, den sexuell expliziten Dreh mitzumachen. Bei „Enter the Void“ konnte Noé ähnliche Probleme noch überzeugend mit ausufernden Kamerafahrten, maßgefertigten Sets und Ähnlichem kaschieren. Doch hier gesellen sich zu den zwar sehr offenherzigen, aber dabei meist überraschend konventionell inszenierten Sexszenen banale Sprüche in der Art von „Liebe ist harte Arbeit“ oder „Das Leben ist schwierig“, die keinerlei emotionales Gewicht bekommen. Trotz immer wieder exquisiter 3D-Bilder seines Stammkameramanns Benoît Debie („Spring Breakers“, „Every Thing Will Be Fine“) findet Noé keine überzeugende Form für seine Liebesachterbahnfahrt und bleibt weit hinter den an- und aufregenden Qualitäten seines bisherigen Werks zurück.

    Fazit: In seinem vierten Spielfilm „Love“ widmet sich der argentinische Skandalregisseur Gaspar Noé einer zerstörerischen Liebe - und scheitert.

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