Mein Konto
    Ismael's Ghosts
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Ismael's Ghosts
    Von Christoph Petersen

    Die Wahl von „Ismael’s Ghosts“ als Eröffnungsfilm für das 70. Cannes-Jubiläum liegt auf der Hand: Schließlich ist Arnaud Desplechin („Ein Weihnachtsmärchen“) eine echte Entdeckung des Festivals, vor genau 25 Jahren gelang dem Regisseur hier im Wettbewerb mit dem Thriller „Die Wache“ der Durchbruch. Zudem ist der Film bis obenhin vollgestopft mit französischen Schauspielstars, die Hauptrollen spielen Bond-Bösewicht Mathieu Almaric („Ein Quantum Trost“), Charlotte Gainsbourg („Nymphomaniac“), Louis Garrel („Die Träumer“) und Oscarpreisträgerin Marion Cotillard („Inception“). Und als ob das nicht schon genug wäre, entpuppt sich „Ismael’s Ghosts“ dann auch noch als wild zwischen den Genres herspringende Liebeserklärung an das Kino selbst: Nicht nur Figuren, Themen und Techniken verweisen auf das eigene Schaffen und auf die ganz Großen der Filmkunst zurück, sondern selbst ganze Handlungsstränge werden hier zu Hommagen. Am Ende kommt all das zwar nicht wirklich zusammen (wenn man nicht weiß, worauf man sich einlässt, mag man sich sogar veräppelt vorkommen), aber auf dem Weg dorthin kann man vor allem als Kinoliebhaber durchaus eine Menge Spaß haben mit diesem angenehm frei erzählten, mehrfach verschachtelten Psychogramm eines Filmemachers in der Lebenskrise.

    Der Film beginnt mit tuschelnden und tratschenden Botschaftern – offenbar geht im französischen Außenministerium gerade etwas ganz Besonderes vor sich: Obwohl er mit 35 Jahren noch nie einen richtigen Job hatte und keine Universität besucht hat, wird Ivan (Louis Garrel)  mit den besten Testergebnissen aller Bewerber in den diplomatischen Dienst berufen – die sechs Sprachen, die er alle fließend beherrscht, hat er sich zu Hause selbst beigebracht. Viele der Alteingesessenen fürchten deshalb, dass es sich bei dem melancholischen Wunderjungen in Wahrheit um einen Spion handeln könnte… Ivan ist jedoch gar nicht echt, sondern eine Erfindung des Autors und Regisseurs Ismael (Mathieu Almaric), der gerade an einem Film über seinen in die Welt hinausgezogenen Bruder arbeitet. Seit zwei Jahren ist Ismael schon mit der Astrophysikerin Sylvia (Charlotte Gainsbourg) zusammen, als bei einer Reise ans Meer plötzlich seine Ex-Frau Carlotta (Marion Cotillard) wieder auftaucht, die vor 21 Jahren spurlos verschwunden ist und vor elf Jahren für tot erklärt wurde …

    Wenn man vorab nichts über „Ismael’s Ghosts“ weiß, ihn sich also wie einen „normalen“ Film anschaut, dann wirken die ersten 90 Minuten wie ein dramaturgisch zwar komplex aufgezogenes, aber zugleich auch betont klassisches Mystery-Melodram – mit stilistischen Querverweisen auf allerlei Kino-Ikonen von Alfred Hitchcock bis Max Ophüls. Man fragt sich, ob Carlotta wirklich Carlotta ist, wie Ismaels Zwei-Frauen-Dilemma mit der Film-im-Film-Handlung um Ivan zusammenhängt, was es wohl mit den ständigen Albträumen auf sich hat und ob Marion Cotillard in den melodramatischen Momenten einfach nur zu dick aufträgt oder nicht vielleicht doch Absicht dahintersteckt (immerhin erklärt Carlotta ihre lange Abwesenheit vor wehenden weißen Vorhängen wie auf einer Theaterbühne direkt dem Zuschauer – wir könnten es also mit einer Film-im-Film-im-Film-Geschichte zu tun haben). Und warum wirkt die Spionagegeschichte mitunter natürlicher als die „reale“ Handlung, in der plötzlich Genre-Spannungsmusik und klassische Stummfilm-Überblendungstechniken zum Einsatz kommen?

    Aber wer sich zu sehr in die verschiedenen Mysterien des Films hineinziehen lässt, der wird am Ende zwangsläufig enttäuscht – denn um die Auflösung von Geheimnissen geht es hier nicht. In einer im Film gar nicht mal besonders herausstechenden Szene kommt Ivan in einem Prager Museum mit einem russischen Kollegen vor Jackson Pollocks „Lavendelblauer Nebel“ ins Gespräch – sie sind sich einig, dass die Klecksgemälde in Wahrheit figurativ zu verstehen sind und der Maler lediglich die Menschen aus seinem Leben auf der Leinwand als Farbspritzer komprimiert (von der geliebten Mutter bis zum gehassten Bruder). Mit „Ismael’s Ghosts“ überträgt Desplechin dieses Vorgehen nun gewissermaßen auf die Kinoleinwand: Er selbst beschreibt es so, dass er einen ganzen Stapel an Fiktionen erfunden habe, um diese nach und nach an der Leinwand zu zerbrechen – und wenn alle zerbrochen sind, dann ist der Film zu Ende. Und tatsächlich: Die meisten Handlungsstränge von „Ismael’s Ghosts“ laufen einfach ins Leere! Befriedigend im klassischen Sinne ist das sicher nicht (gerade der Spionageplot wirkt nun, als hätte man eine Serie einfach nach der zweiten Folge abgebrochen), zumal sich viele Andeutungen und Konflikte im Nachhinein als (zumindest für den Ausgang des Film) bedeutungslos erweisen, während anstehenden Konfrontationen ausgewichen wird, etwa indem Sylvia plötzlich als Sprecherin die Vierte Wand durchbricht und damit eigentlich erwartete emotionale Höhepunkte einfach überspringt.

    Die einzelnen Fiktionen sind bei Desplechin übrigens nicht so eindeutig persönlich geprägt wie in  Pollocks Kunst, die Anspielungen führen hier vielmehr meist zu den Klassikern der Film- und Literaturgeschichte (so ist etwa der blasse melancholische Ivan einem typischen Tolstoi-Helden nachempfunden, es gibt nebelverhangene Friedhöfe im Morgengrauen und verwanzte Zimmer in der Prager Diplomatenwohnung). Während man gar nicht anders kann, als Desplechins Jonglierkünste zwischen all den verschiedenen Genres zu bewundern, verharrt „Ismael’s Ghosts“ so letztendlich auf dem Level einer unverbindlichen referenziellen Spielerei. Und ob man dies als ausreichend faszinierend empfindet, hängt auch damit zusammen, wie sehr man sich an den vermeintlichen Nebensächlichkeiten erfreuen kann – zum Beispiel daran, dass Desplechin eine Szene an einem Filmset, an dem Ismael offenbar gerade an einem Kostümschinken mit den üblichen Versailles-Perücken-Outfits arbeitet, ausgerechnet mit einem amerikanischen Rapsong unterlegt.

    Fazit: Arnaud Desplechin hat sein angestrebtes Opus magnum derart vollgestopft mit verschiedenen Handlungspfäden sowie Stil- und Genrewechseln, dass einem jedenfalls nie langweilig wird. Aber ein echter aufwühlender Jackson Pollock ist „Ismael’s Ghosts“ trotzdem nicht geworden.

    Wir haben „Ismael’s Ghosts“ im Rahmen des 70. Filmfestspiele in Cannes 2017 gesehen, wo er als Eröffnungsfilm gezeigt wird.

    Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
    Das könnte dich auch interessieren
    Back to Top