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    Black 47
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Black 47
    Von Björn Becher

    In der Folge mehrerer Missernten, ausgelöst durch eine neuartige Kartoffelfäule, wurde Irland zwischen 1845 und 1852 von einer großen Hungersnot heimgesucht. Am Ende der sieben Jahre war ein Drittel der Bevölkerung des Landes verschwunden – die meisten sind nach Amerika geflüchtet, doch über eine Millionen ist auch elendig verreckt. In Irland ist diese einschneidende historische Periode auch heutzutage noch immer ein großes Thema - die große Hungersnot wird in vielen Liedern thematisiert, in zahlreichen Städten stehen Denkmäler für die Opfer. Er sei überrascht gewesen, dass dieses einscheidende Ereignis bisher noch nie im Kino thematisiert wurde, hat Regisseur Lance Daly („Das Leben ist ein Kinderspiel“) in einem Interview gesagt. Mit seinem außer Konkurrenz im Wettbewerb der Berlinale uraufgeführten „Black 47“ wolle er da Abhilfe schaffen. Aber das gelingt nur zum Teil – denn die dramatische Schilderung des Überlebenskampfs während der Hungersnot wird schnell von einer arg archetypischen Rachegeschichte überlagert, die genauso auch überall anders spielen könnte.

    Irland im Jahr 1847: Feeney (James Frecheville) hat für die britische Armee im Ausland gekämpft, ist dann jedoch desertiert, um zu seiner notleidenden Familie nach Hause zurückkehren zu können. Allerdings findet er dort nicht mehr viel vor: Seine Mutter ist verhungert, nachdem sie sich geweigert hat, die Suppe der Protestanten zu essen, und sein Bruder wurde erhängt, weil er einen Gerichtsvollzieher niedergestochen hat, der der Familie buchstäblich das Dach über dem Kopf wegnehmen wollte. Als Feeney dann auch noch miterleben muss, wie die englischen Beamten seiner Schwägerin und ihren Kindern das Haus wegnehmen, was in der eisigen Kälte einem sofortigen Todesurteil gleichkommt, hat er endgültig genug und startet einen Rachefeldzug, bei dem er sich langsam in der Hierarchie der englischen Besatzer nach oben vorarbeitet. Der eingebildete Armee-Offizier Pope (Freddie Fox) und Feeneys früherer Vorgesetzter Hannah (Hugo Weaving), dem selbst wegen eines Gefangenenmordes die Todesstrafe droht, erhalten den Auftrag, den bärtigen Racheengel zu jagen und mit allen Mitteln aufzuhalten…

    Immer wieder zeigt Regisseur Lance Daly karge Landschaften und leidende Menschen - das Irland jener Zeit hatte eben wahrlich nur sehr wenig mit der grünen Wiesenidylle heutiger Postkartenmotive gemein. Die englischen Beamten, die sich immer wieder damit rausreden, ja nur ihre Arbeit zu machen, sind ebenso eisig wie die Böden, eine absolut tödliche Kombination für den ärmeren Teil der Bevölkerung. Doch trotz dieser harschen Bilder (in denen budgetbedingt die gemalten Hintergründe immer wieder leicht als solche zu erkennen sind) bleibt das Leiden der Iren unter brutalem Hunger und englischer Besatzung aber meist nur ein Hintergrundrauschen. Wirklich nahe gehen einem die Schicksale schon deshalb nicht, weil Daly uns ganz bewusst auf Distanz zu seinen Figuren hält. Wenn Feeney neben der toten Familie seines Bruders hockt, dann sehen wir da keinen Leidenden, sondern einen irren Rächer. Wenn der junge irische Soldat Hobson (Barry Keoghan, „Dunkirk“) später durchdreht und mit Waffengewalt die Herausgabe von Essen an die Bevölkerung durchzusetzen versucht, kommt das so plötzlich aus dem Nichts, dass es eher wie eine halbherzige Erinnerung daran anmutet, dass Mitleid vielleicht doch auch eine Alternative sein könnte.

    Mit Feeney und Hannah gibt es zwei sich sehr ähnliche Hauptfiguren. Beide sind verbitterte Einzelgänger, alte Kriegskameraden, die einst zusammen kämpften und sich mit dem Töten bestens auskennen. Dass Daly zwischen ihren Perspektiven hin und her wechselt, wobei einer der beiden jeweils für längere Zeit komplett außen vor bleibt, macht es nicht einfacher, mit zumindest einem von ihnen mitzufiebern. Und dass sich Feeney gegen jede noch so große Übermacht behaupten kann, er eigentlich fast schon als rächender Superheld auftritt, schadet der Spannung ebenfalls. Zumal sich der Regisseur dann auch nicht traut, seinen übermenschlich talentierten Anti-Helden vollends von der Leine zu lassen und seine Rache-Geschichte ganz zum gepfefferten Genre-Reißer zu machen. Wenn sich Feeney auf einer Polizeistation durch eine ganze Horde von britischen Beamten schlachtet, ist der Türrahmen stets so im Weg, dass die Szene längst nicht die archaische Kraft entfaltet, die eigentlich in der Situation stecken könnte. Die betont reduzierte Brutalität steht in einem wenig produktiven Widerspruch zur eigentlich gelungenen, so rau wie die Landschaft daherkommenden Choreografie der Kämpfe.

    Apropos gelungene Actionszenen: Weil die Waffen jener Zeit nur einen Schuss haben, sehr umständlich mit Schießpulver neu gestopft werden müssen und dann gerne auch mal nicht funktionieren, sobald es auch nur ein bisschen feucht wird, ist ein Kampf hier noch lange nicht entschieden, nur weil einer eine Pistole oder ein Gewehr auf den Kontrahenten richtet. Daly nutzt dies mehrfach, um eine Auseinandersetzung noch ein wenig in die Länge zu ziehen und so mit den Erwartungen des Publikums zu spielen. Man stelle sich eine Szene aus „John Wick“ vor, in der Keanu Reeves eine der schwer bewachten Behausungen seiner Widersacher stürmt, aber statt die Bodyguard-Horden im Stile eines Pistolenballetts niederzumähen, muss er nach jeder einzelnen Kugel erst einmal umständlich nachladen – so in etwa sehen die Actionsequenzen in „Black 47“ aus. Neben dem namhaften und größtenteils überzeugenden Cast, dem auch Stephen Rea („Michael Collins“) und Oscarpreisträger Jim Broadbent („Iris“) angehören, sind diese historischen Shooutouts definitiv das reizvollste Element des Films.

    Fazit: Regisseur Lance Daly verliert sich irgendwo zwischen historischem Drama, moralischer Predigt und geradlinigem Genre-Reißer – so entpuppt sich „Black 47“ letztendlich trotz durchaus gelungener Actioneinschübe als insgesamt eher enttäuschende Rachegeschichte.

    Wir haben „Black 47“ bei der Berlinale 2018 gesehen, wo der Film außer Konkurrenz im Wettbewerb gezeigt wird.

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