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    Antiporno
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Antiporno

    Stimulierend, aber nicht so wir ihr denkt

    Von Björn Becher

    Die Wikipedia erklärt, dass der Pornofilm „die sexuelle Stimulierung des Konsumenten zum Ziel hat“. Dass trifft sicher auf das Gros der einschlägigen Werke zu, doch gerade Filminteressierte wissen, dass der Porno auch eine ganz andere Seite hat, es gerade in diesem Genre besonders viel Experimentierfreudigkeit gab und daraus resultierend große Filmkunst entstanden ist – im Westen vor allem in den 1970er Jahren während der sogenannten Goldene Ära des Pornos. Gerade in Japan hat der Sexfilm jedoch noch einmal einen ganz anderen kulturellen Stellenwert. Das sogenannte Pinku-Eiga-Genre machte zu jener Zeit schließlich die Hälfte (!) der jährlichen japanischen Kinofilmproduktion aus. Der Sex stand bei einigen Werken jedoch nur an zweiter Stelle. Stattdessen nutzten viele Filmemacher den Umstand, dass sie so ziemlich alles machen konnten, solange sie nur eine Handvoll Sexszenen mit einbauen, gnadenlos aus, um ihre avantgardistischen Künstlertriebe auszuleben. Genau daran knüpfte nun das japanische Regie-Enfant-Terrible Sion Sono an. Der Regisseur von extravaganten Kultfilmen wie „Love Exposure“ oder „Guilty Of Romance“ erhielt 2016 den Auftrag, eine Hommage an die sogenannte „Roman Porno“-Serie zu drehen. Daraus entstand „Antiporno“, der mit drei Jahren Verspätung nun auch in die deutschen Kinos kommt – und der Titel ist Programm: Zur sexuellen Stimulierung taugt der Film trotz zahlreicher ästhetischer Nacktszenen nicht. Stattdessen entfesselt Sono einen so verstörenden wie komplexen Bilderrausch.

    Die Künstlerin Kyoko (Ami Tomite) ist allein in ihrer knallbunten Wohnung. Vordergründig führt sie ein großartiges Leben, in Wirklichkeit fühlt sie sich aber wie die in einer Flasche eingesperrte Echse auf ihrem Nachtisch. Nachdem sie ein wenig nackt durch ihr Appartement getanzt ist und sich an ihre tote Schwester erinnert hat, kommt ihre Assistentin Noriko (Mariko Tsutsui) vorbei, um ihr den anstehenden Tagesplan voller langweiliger Interviews zu erläutern. Die junge Kyoko interessiert sich dafür aber wenig, sondern hat sichtlich Spaß daran, ihre ältere Gehilfin zu demütigen. Als Reporterin, Fotografin und Make-Up-Crew für das erste Interview kommen, setzt man dieses Spiel gemeinsam fort und erniedrigt Noriko immer weiter. Plötzlich schallt ein „Cut“ durch den Raum. Das bisherige Treiben der Frauen erweist sich als Filmset, an dem hinter der Kamera nur Männer arbeiten und auch das Machtverhältnis zwischen Noriko und Kyoko dreht sich um. Aber das ist bei weitem nicht die letzte Wendung, die hier alles auf den Kopf stellt…

    Wer erniedrigt hier wen?

    Ab 1971 gehörte das Studio Nikkatsu mit seiner „Roman Porno“-Reihe zu den bekanntesten japanischen Produzenten von Erotikfilmen. Wie bei vielen anderen Pinku-Eiga-Produktionen hatten Regisseure dabei eine fast maximale Freiheit. Sie durften sich komplett austoben – solange es nur regelmäßig Sexszenen gab. Dabei entstanden über die Jahre einige sehr politische und systemkritische Filme, aber vor allem auch ziemlich kunstfertige. Denn gerade junge Filmemacher nutzten diese Autarkie, um sich auszuprobieren. So machte zum Beispiel der bekannte japanische Regisseur Yôjirô Takita, dessen Drama „Nokan - Die Kunst des Ausklangs“ 2009 mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, mit Nikkatsus „Roman Pornos“ seine ersten Schritte. Zum 25-jährigen Jubiläum gab das japanische Studio 2016 diversen Filmemachern jeweils dasselbe Budget – nur mit der Vorgabe, eine bestimmte Anzahl von Sexszenen über die Laufzeit zu verteilen, aber davon abgesehen völlig freie Hand.

    Gerade Sion Sono nutzt in „Antiporno“ diese völlige Freiheit gnadenlos aus. Der gerade am Anfang seiner Karriere aufgrund der Darstellung von Frauen immer wieder selbst kritisierte Filmemacher setzt nicht nur ein feministisches Statement, sondern dekonstruiert auch das Filmemachen selbst. Dabei macht er auch schnell deutlich, dass „Antiporno“ nicht zur sexuellen Erregung taugt. Die erste Sexszene des Films wird mit Hilfe eines Beamers von Kyoko an ihre gelbe Wand projiziert. Während sich die Bedeutung dieses Moments erst viel später offenbart, fällt direkt ins Auge, wie asexuell das Geschehen ist – was noch dadurch verstärkt wird, dass Kyoko selbst nach kurzer Zeit zu ihrer Toilette rennen muss, um sich zu übergeben (und danach noch über ihren Stuhlgang referiert). Eine Unterbrechung, die übrigens so ähnlich mehrfach benutzt wird, um aufkeimende erotische Stimmungen im wahrsten Sinne des Wortes abzuwürgen.

    Der Sieg des Kinos über den Porno

    Von der ersten Sekunde an etabliert Sion Sono zudem die Wohnung seiner Hauptfigur als weiteren Protagonisten. Er lässt seine Kamera durch die offenen, in jeweils einer anderen Farbe gestrichenen Räume gleiten; oder er flutet das Wohnzimmer mit gleißendem Licht. Sono zelebriert die Kraft des Kinos, indem er in diesem Setting immer wieder kunstvolle, an avantgardistische Gemälde erinnernde Bilder kreiert, die einfach für die große Leinwand bestimmt sind – auch das ist eine Hommage an die Roman-Porno-Reihe. Schließlich wurden die Filme damals auch nicht für den (noch nicht existenten) Heimkinomarkt, sondern für die Lichtspielhäuser gedreht.

    Während es anfangs noch so aussieht, als sei „Antiporno“ einfach nur dieser kunstvoller Bilderrausch, eröffnet Sono mit seiner ersten von sehr vielen Wendungen auch eine inhaltliche Ebene. Seine Aussage scheint überdeutlich zu sein: nur Frauen vor, nur Männer hinter der Kamera; ein Regisseur, der gegenüber seiner jungen Hauptdarstellerin physisch und psychisch übergriffig wird. Doch wer Sono kennt, ahnt schnell, dass es ihm nicht um ein plakatives „Böse Männer, unterdrückte Frauen“ geht, sondern er viel mehr zu sagen hat. Schnell wird so auch so klar, dass nichts ist, wie es scheint und man sich ähnlich wie in Bret Easton Ellis‘ Roman-Meisterwerk „Glamorama“ die Frage stellen muss, ob die Filmkameras wirklich existieren und was hier Realität, was Wahnsinn ist.

    Kyoko erwacht!

    Fast schon im Minutentakt bricht Sono nun seine Erzählung auf und gibt ihr immer wieder eine neue Richtung. Da ist nicht immer einfach (wenn junge japanische Frauen überdreht-hysterisch agieren, kann es zudem ziemlich anstrengend werden), aber immer interessant. Da gibt es dann auch unvermittelt und fast aus dem Nichts ein absurdes Frühstücksgespräch, in dem Eltern mit ihren beiden Töchtern über „Schwänze“ und „Muschis“ diskutieren, und davon erzählen, wie gerne sie miteinander „ficken“, aber wie böse Sex ist, bevor darauf ein schockierender Tod folgt. Vieles muss man hier als Zuschauer selbst entschlüsseln und das ist nicht immer so simpel. Teilweise ist auch ein Wissen über japanische Kultur, Historie und Gegenwart nötig, damit sich bestimmte Momente überhaupt erschließen.

    Wenn auf einem TV-Gerät plötzlich eine Demonstration gegen ein neues Gesetz gezeigt wird, dann muss man wissen, welche Diskussion dort 2014/2015 über eine schließlich auch umgesetzte Neuinterpretation der japanischen Verfassung lief. Obwohl in deren Artikel 9 das Land eigentlich als pazifistisch deklariert wird und sich selbst die Kriegsführung verbietet, hat es Japan nämlich sich nun erlaubt, an Konflikten wie im Irak oder in Afghanistan mit Verbündeten kämpferisch zu beteiligen, was gerade von vielen jungen Menschen und Kulturschaffenden massiv kritisiert wurde. Auch wenn das nur ein kurzer Moment ist, bezieht Sono damit selbst Position, erinnert auf einer zweiten Ebene damit aber auch an die politische Sprengkraft der Sexfilme vergangener Jahrzehnte.

    Pornos raus aus dem Versteck!

    Man kann sogar eine Verbeugung vor Kōji Wakamatsu, dem 2012 verstorbenen, mehrfach preisgekrönten, berühmten und regierungskritischen Polit-Sex-Filmer-Aktivisten in einem solchen Einschub sehen – und das wäre gerade in dieser von Nikkatsu beauftragen Hommage auch ein weiteres Statement: Denn Wakamatsu zerstritt sich einst (und zwar noch vor der Roman-Porno-Reihe) endgültig mit dem Studio, als er einen seiner Sexfilme eigenmächtig zu den Filmfestspielen nach Berlin brachte (wo das Werk gefeiert wurde), obwohl man in Japan darauf bedacht war, mit den scheinbaren Schundfilmchen zu Hause zwar viel Geld zu verdienen, sie aber vor der restlichen Welt ein wenig zu verstecken. Wakamatsu hat so bewiesen, dass einige dieser Filme große Kunst sind und eine internationale Aufmerksamkeit verdient haben. Heute wird das auch bei Nikkatsu so gesehen: „Antiporno“ und die weiteren im Rahmen der Hommage entstandenen Werke wurden stolz auf renommierten Festivals rund um die Welt präsentiert.

    Fazit: Mit „Antiporno“ beschert uns Sion Sono eine wilde Neuauflage des japanischen Sexfilms. Die ist so voll mit Ideen und Absurditäten, dass man unmöglich alles erfassen kann und auch immer mal wieder heillos überfordert wird. Macht aber nix: Genießen kann man den bunten Bilderrausch trotzdem!

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