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    One Of These Days
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    One Of These Days

    Ein amerikanischer (Alb-)Traum

    Von Daniel Fabian
    Das mit dem American Dream ist eben so eine Sache. Denn natürlich werden die allermeisten Amerikaner ihren Lebensstandard für sich und ihre Familie auch dann nicht merklich erhöhen können, wenn sie sich immer voll reinhängen und im Job (bzw. in drei Jobs gleichzeitig) alles geben. In „One Of These Days“ fühlt der deutsche Regisseur Bastian Günther („Tatort: Wer bin ich?“) dem Amerikanischen Traum nun in einer ganz speziellen Versuchsanordnung auf den Zahn – mit dem Parkplatz eines Provinz-Autohändlers als ultimativem Ausstellungsort des American Way of Life. Das Ergebnis ist ein kurzweiliges, letztlich aber auch ein wenig oberflächlich geratenes Drama mit einigen herrlich fiesen satirischen Spitzen.

    In einer texanischen Kleinstadt wittern 20 Glückspilze die Chance ihres Lebens: Sie dürfen am alljährlichen „Hands On“-Wettbewerb teilnehmen, bei dem es einen brandneuen Pick-up-Truck zu gewinnen gibt! Alles, was sie dafür tun müssen, ist länger als alle anderen Kandidaten mindestens eine Hand an dem Wagen zu lassen (im Stehen und ohne Anlehnen). Zumindest gibt es stündlich ein kurzes Time-Out für den Toilettengang sowie alle sechs Stunden eine 15-minütige Pause, um mal ganz kurz die Augen schließen zu können. Als aus Stunden irgendwann Tage werden, fordern die Hitze und der Schlafmangel von Kyle Parsons (Joe Cole, „Peaky Blinders“) und seinen Mitstreitern zunehmend Tribut. Und während sich die zombieartig wankenden Kandidaten immer verzweifelter an ihren Traum klammern, halten die Kameras vom lokalen TV-Sender weiterhin immer schön drauf...

    Knallhart: Wer auch nur für eine Sekunde die Hand vom Wagen nimmt, hat sofort verloren!


    Als ein pfiffiger Autohändler im US-Staat Texas 1992 auf die Idee kam, das später als Hands on a Hardbody berühmt-berüchtigt gewordene Event ins Leben zu rufen, ahnte wohl noch niemand, welche Ausmaße das Ganze einmal annehmen würde. Bereits die erste Ausgabe dauert schließlich 87 (!) Stunden, was damals noch als der denkbar purste Ausdruck menschlicher Willenskraft bejubelt wurde. Ob das alles überhaupt ethisch vertretbar ist, zumal bald darauf auch erstmals die 100-Stunden-Marke durchbrochen wurde, fragte sich lange Zeit niemand – bis es irgendwann zu spät war und es zur Katastrophe kam.

    Dauersonne, ein fast schon aufdringlich warmer Look und freundliche Menschen, die unbekümmert ihren gemächlichen Alltag in der texanischen Provinz bestreiten: „One Of These Days“ zelebriert gerade zu Beginn diese typisch amerikanische, immer auch ein bisschen aufgesetzte Kleinstadt-Freundlichkeit, die vor allem von der anpackenden Marketing-Managerin Joan (Carrie Preston) perfekt verkörpert wird. Das könnte man fast als gute Laune oder gar sowas wie Glück missverstehen – und warum auch nicht, es gibt ja schließlich ein nigelnagelneues Auto zu gewinnen! Aber wie bei den Römern einst Sklaven als Gladiatoren in der Arena aufeinander losgelassen wurden, versammeln sich mehr als 2.000 Jahre später nun eben die mittellosen Leute der Arbeiterklasse in der Arena des Kapitalismus (in diesem Fall der schmucklose Parkplatz eines Autohändlers).

    Moderne Gladiatoren


    Dabei geht es zwar nicht mehr um Leben und Tod (zumindest sieht es am Anfang nicht danach aus), aber um was geht es eigentlich dann? Wirklich nur um ein Auto? Oder um Anerkennung – von der Gesellschaft, der Familie, sich selbst? Ein ähnliches Thema hat vor einigen Jahren auch schon der Indie-Thriller „Cheap Thrills“ angeschnitten, in dem ein reicher Psychopath zwei pleitegegangene Schulfreunde dafür bezahlt, sich zu demütigen und zu verletzen. „One Of These Days“ ist da schon subtiler, wenn es darum geht, den Materialismus-Wahn vorzuführen – schließlich fühlt sich die erste Hälfte eher an wie ein Underdog-Sportfilm, bei dem man seinem Favoriten die Daumen drückt. Selbst als einer der Teilnehmer enthüllt, dass er einen vollen Urinbeutel unter dem Hosenbein versteckt, um nicht aufs Klo gehen zu müssen, ist das zwar schon erniedrigend, aber zugleich auch irgendwie amüsant skurril. Erst als einer der Kandidaten in der Hitze kollabiert, aber ihm niemand zu Hilfe kommt, weil ja eine Hand immer am Wagen bleiben muss, bleibt einem als Zuschauer das Lachen endgültig im Halse stecken.

    Die Darsteller machen ihre Sache allesamt gut, selbst wenn den einzelnen Wettbewerbsteilnehmern von Beginn an klare und nicht sonderlich tiefgründige Rollenbilder - vom Kriegsheimkehrer bis zur Bibelfanatikerin – zugewiesen werden. Trotzdem: Man lacht, leidet und fragt sich irgendwann auch mit den Kandidaten, wozu das alles eigentlich gut sein soll. Das schwankt die ersten 90 Minuten zwischen seicht-amüsant und bissig-satirisch, bis der Film sein angestrebtes Paukenschlag-Finale leider ziemlich in den Sand setzt: Nicht nur ist der Twist psychologisch nicht gut genug vorbereitet, weshalb er auch nicht wirklich glaubwürdig rüberkommt. Zudem schließt sich dann auch noch eine viel, viel zu lange und die Hintergründe kaum weiter erhellende Rückblende an, durch die die zwischenzeitliche Schock-Wirkung beim Rollen des Abspanns schon längst wieder verflogen ist.

    Fazit: Eigentlich ein perfektes Szenario für eine Satire über den Amerikanischen Traum – aber am Ende reicht es dann leider doch nur für ein kurzweiliges, ab und an bissiges, aber auch überwiegend bloß an der Oberfläche kratzendes „American Beauty light“.

    Wir haben „One Of These Days“ im Rahmen der Berlinale 2020 gesehen, wo er in der Sektion Panorama gezeigt wurde.
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