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    Liebe bringt alles ins Rollen
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Liebe bringt alles ins Rollen
    Von Antje Wessels

    Drehbuchautor, Schauspieler und Comedian Franck Dubosc („Asterix bei den Olympischen Spielen“) kam ausgerechnet durch seine Mutter auf die Idee zu seinem Regiedebüt „Liebe bringt alles ins Rollen“. Als die aufgrund ihres Alters gehbehinderte Frau einen Rollstuhl erhielt, gewann sie dadurch ein großes Stück Selbständigkeit zurück. Gleichzeitig beschwerte sie sich häufig über Hindernisse wie Treppenstufen, die ihr die Freude an dieser neuen Freiheit ganz schön vermiesten. Der Sohn, der durch diese privaten Umstände erstmals mit dem Thema konfrontiert wurde, stellte die Alltagsprobleme von Rollstuhlfahrern prompt in den Mittelpunkt seines Einstands als Regisseur.

    Und tatsächlich ist dem Endergebnis die besondere emotionale Nähe des Machers und Hauptdarstellers zur Materie anzumerken. Nachdem in der ersten halben Stunde der französischen Liebeskomödie ein Klischee nach dem anderen abgefrühstückt wird, geht die Geschichte schließlich nicht nur ganz anders weiter, als man es erwartet. Sie gewinnt durch viele sympathische Ideen und einige angenehme Überraschungen auch eine Wahrhaftigkeit, die verhindert, dass der Film zu einer abgeschmackten Gag-Parade verkommt.

    Jocelyn (Franck Dubosc) ist Ende 40, führt erfolgreich eine Firma für Sportschuhe und liebt die Frauen. Das äußert sich darin, dass er jedes Wochenende mit einer anderen ins Bett steigt und keine Hemmungen hat, der Kellnerin im Restaurant ungeniert auf den Hintern zu starren. Kurzum: Jocelyn ist ein echter Macho, dessen neuester Fang die sympathische Nachbarin Julie (Caroline Anglade) werden soll. Durch einen unglücklichen Zufall glaubt diese, Jocelyn säße im Rollstuhl – und das soll auch erst einmal so bleiben, denn der Schwerenöter hofft auf einen Mitleidsbonus.

    Tatsächlich stimmt die Chemie zwischen Julie und Jocelyn. Sie nimmt den falschen Behinderten sogar mit zu ihren Eltern auf eine Gartenparty, wo er auch ihre charmante Schwester Florence (Alexandra Lamy) kennenlernt: Die talentierte Violonisten kann nicht laufen und ist tatsächlich auf einen Rollstuhl angewiesen. Nach dieser vermeintlichen Gemeinsamkeit entdecken Florence und Jocelyn noch viele weitere und beginnen, sich zu Dates zu verabreden. Dabei verpasst der sich langsam in sein hübsches Gegenüber verliebende Lebemann allerdings den Zeitpunkt, die Lüge aufzuklären…

    Einen Macho darüber zu definieren, dass er so ziemlich jeder ihm über den Weg laufenden Frau auf den Po starrt und sich nur schwer beherrschen kann, diesen nicht auch noch ohne ihr Einverständnis anzugrabschen, wirkt in Zeiten von #MeToo und Co. schon etwas befremdlich. Außerdem macht es sich Franck Dubosc mit der Zeichnung seiner männlichen Hauptfigur dadurch unnötig schwer: Weshalb diesem graumelierten Endvierziger die Herzen seiner weiblichen Mitmenschen zufliegen, ist erst einmal nicht zu erklären. Jocelyn lügt, betrügt, ist nicht einmal besonders charmant und hat selbst für seine ihm treu ergebene Assistentin kein wirklich nettes Wort übrig. So werden die ersten 30 Minuten von „Liebe bringt alles ins Rollen“ zu einer echten Geduldsprobe – mit dem perfiden Plan, mit Hilfe einer vorgetäuschten körperlichen Behinderung auf Frauenfang zu gehen, als traurigem Höhepunkt.

    Sobald jedoch Caroline Anglade („Zum Glück bleibt es in der Familie“) aufs Parkett tritt, hat Jocelyn endlich eine würdige Gegenspielerin, die ihm nicht nur den Wind aus den Segeln nimmt, sondern ihn auch ganz selbstverständlich auflaufen lässt. Erst bemitleidet die Pflegekraft den so um sein tatkräftiges Image bemühten Geschäftsmann, und dann geht sie zwar auf seine Flirtversuche ein, zeigt aber nie wirkliches Interesse. Sie stellt ihn nur deshalb ihren Eltern vor, um dem vermeintlich an den Rollstuhl gefesselten Mann etwas Abwechslung zu bieten. Dass sich Jocelyn hier in die charmante Florence verliebt, die ihm mit ihrem Charme und Selbstbewusstsein haushoch überlegen ist, wird zum ersten entscheidenden Wendepunkt von „Liebe bringt alles ins Rollen“.

    Läuft zunächst noch alles darauf hinaus, dass Jocelyn mit seiner Mitleidsnummer bei Julie zu landen versucht, geht es fortan um die aufkeimende Liebelei zwischen ihm und Florence – und das ist dann auch der Moment, in dem aus der platten Klischeeparade eine lebensechte Geschichte mit Herz und Verstand wird. Die von Alexandra Lamy („Vincent“) mit wundervoller Natürlichkeit verkörperte Florence verdreht Jocelyn nicht bloß den Kopf und macht ihn dabei zum besseren Menschen – das haben wir alles schon in diversen anderen Romantikkomödien gesehen. Franck Dubosc schmeißt vielmehr fortan sämtliche Klischees über Bord und inszeniert lieber ein ganz behutsames, subtiles Kennenlernen zweier Menschen, die sich vor allem aufgrund ihrer Unterschiede sympathisch finden.

    Dabei wird nicht einfach nur das banale Sprichwort „Gegensätze ziehen sich an“ zelebriert, sondern beide nehmen den jeweils anderen mit in ihre Welt und kitzeln dadurch Sympathien und Verständnis heraus. Hinzu kommt, dass das Zusammenspiel zwischen Alexandra Lamy und Franck Dubosc so echt wirkt, dass man tatsächlich glauben könnte, hier verlieben sich gerade zwei Menschen ineinander. Trotzdem hängt Jocelyns Lüge ob seiner Fake-Behinderung wie ein Damokles-Schwert über der jungen Liebe, was Dubosc zwischendurch immer wieder auch dazu nutzt, die Hürden und Probleme von Behinderten in einer nicht immer behindertengerechten Welt wie der unseren herauszuarbeiten.

    In „Liebe bringt alles ins Rollen“ gibt es eine ganze Reihe von Momenten, in denen es sich anbieten würde, die Bombe platzen zu lassen. Doch nach der ärgerlichen ersten halben Stunde nimmt der Film plötzlich immer genau den Weg, den man eben gerade nicht erwartet. Wenn sich ankündigt, dass Jocelyn aus Versehen von einer anderen Person enttarnt wird, tritt das ebenso wenig ein wie eine naheliegende Unachtsamkeit oder ein billiger Scherz. Selbst als es im Finale dann wirklich ans Eingemachte geht, reagieren alle beteiligten Personen ganz anders, als man es in einer Komödie dieser Art eigentlich erwarten würde.

    Was Jocelyn an Reife vermissen lässt, besitzt sein Umfeld nämlich im Überfluss. Sie alle handeln im Anbetracht der Umstände absolut nachvollziehbar und sorgen mit dafür, dass „Liebe bringt alles ins Rollen“ mit etwas Verzögerung, aber nicht zu spät zu einer charmant-lebensechten Liebeskomödie wird, die noch nicht einmal dann in Rührseligkeit versinkt, als Florence ihren Jocelyn auf dem Schoß über die Ziellinie beim Marathon fährt. Das ist in diesem Moment dann einfach wirklich nur romantisch.

    Fazit: Durch die erste halbe Stunde muss man sich durchbeißen. Doch dann wird aus „Liebe bringt alles ins Rollen“ eine äußerst charmante, lebensechte RomCom, die mehr als einmal ordentlich überrascht.

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