Die (verspätete) Fortsetzung zum epischen Kino-Hit!
Von Björn SchneiderVor zwölf Jahren inszenierte Regisseur Philipp Stölzl („Schachnovelle“) in „Der Medicus“ die Erfindung der modernen Medizin als üppige, bildgewaltige Abenteuer-Reise quer durch den Orient des Hochmittelalters. Der auf dem gleichnamigen Weltbestseller von Noah Gordon basierende Film über den Waisen Rob Cole und dessen Entwicklung zum hochgebildeten Wunderarzt erhielt damals allerdings trotz seiner Schauwerte nicht gerade überschwänglich positive Kritiken. Die Fachpresse – darunter auch die offizielle FILMSTARTS-Kritik – verwies stattdessen auf vor allem dramaturgische Mängel sowie die Auslassung zentraler Themen und Handlungsstränge der Buchvorlage. Das Publikum störte das hingegen wenig: „Der Medicus“ entwickelte sich zu einem der erfolgreichsten deutschen Leinwandabenteuer der letzten Jahre und lockte mehr als dreieinhalb Millionen Mittelalter-Fans in die Kinos.
Da muss eigentlich ein Sequel her, aber auch wenn Noah Gordon nach dem Erscheinen seines Romans im Jahr 1986 selbst zwei weitere Teile seines Mammutwerks veröffentlichte, haben diese nun nichts mit der Filmfortsetzung zu tun. Stattdessen entwickelte Stölzl gemeinsam mit Drehbuchautor Jan Berger eine komplett neue Story und tauschte zudem fast die komplette Crew. So kehrt der Held im etwas verspäteten „Der Medicus 2“ jetzt in seine angelsächsische Heimat zurück, um sich dort nach dem Körper auch der Seele zuzuwenden. Einige der Neuerungen sind mutig und bringen frischen Wind in das Szenario. Andererseits wiederholen die Macher einige Fehler des Vorgängers – inklusive einer mitunter ärgerlich-oberflächlichen Behandlung vieler Figuren und Themen.
11. Jahrhundert: Nach seiner Flucht aus Persien strandet der Medicus Rob Cole (Tom Payne) in seiner alten Heimat London, wo sein medizinisches Wissen unters Volk zu bringen versucht. Bei den dortigen Eliten und beim Königshaus stoßen die Methoden von Cole und seiner ihm treu ergebenen Heiler jedoch auf Skepsis. Dennoch bittet ihn der britische König (Liam Cunningham), seiner an Wahnvorstellungen und Depressionen erkrankten Tochter zu helfen. Ein völlig neues Feld für den Medicus: Erstmals muss er sich mit Seelenheilungen und somit der Komplexität der menschlichen Psyche beschäftigen. Kann er der kranken jungen Frau helfen? Woher kommen ihre Qualen und welche Rolle spielt die undurchsichtige Gemahlin (Emily Cox) des Königs?
Constantin Film
„Der Medicus 2“ beginnt wie ein rasantes Abenteuerspektakel und geht in den ersten zehn Minuten gleich direkt in die Vollen: Cole und seine Getreuen geraten auf ihrem Schiff nach der Abreise aus Isfahan in einen heftigen Sturm. Stölzl inszeniert diesen schier aussichtslosen Überlebenskampf auf der tosenden, unerbittlichen See und gegen die Naturgewalten audiovisuell derart dringlich und fesselnd, dass man sich stellenweise wie in Wolfgang Petersens aufregendem Katastrophen-Klassiker „Der Sturm“ wähnt. Doch das war es dann auch erst einmal mit Spannung und unerwarteten Ereignissen …
… stattdessen setzt Stölzl in den folgenden 60 Minuten auf Entschleunigung und, man muss es leider so sagen, gepflegte Langweile. Wir beobachten Cole und sein „Ärzteteam“ die meiste Zeit dabei, wie sie in den Elendsvierteln außerhalb der Stadtmauern (und gelegentlich auch im Königspalast) ihre Heilmethoden und unorthodoxen Verfahren an den unter allerlei Wehwehchen leidenden Städter*innen vollziehen. Strenggenommen passiert, neben der ein oder anderen Intrige im Königshaus, in der ersten Filmhälfte nicht viel mehr. Der Hauptunterschied zum ersten Teil: Zu den körperlichen Gebrechen kommen in „Medicus 2“ eben noch die mentalen Qualen und psychischen Krankheiten hinzukommen.
Unfreiwillig komisch geraten hierbei einige alternative rituelle Heilungsmethoden, bei denen sich der Medicus und seine Helfer seltsamer Gesänge und abstruser Tänze bedienen. Ebenso nicht frei von Fremdscham – und mindestens unglücklich – ist die Darstellung der psychisch Kranken im Film: Sie sind mehr Tier als Mensch. Völlig überzogen laufen einige der „Schwachsinnigen“ auf allen Vieren (und laut grunzend) durchs Bild. Oder sie erscheinen wie besessene, unkontrollierbare und noch dazu völlig verwahrloste Kreaturen, die ganz dringend eine Teufelsaustreibung nötig haben. An Exorzismus-Gruselfilme erinnern dann auch die ersten Szenen vom Medicus mit der Königstochter. Doch diese Ausflüge ins Segment des „Besessenen-Horrors“ sind wenig unheimlich.
Ähnliches gilt für die metaphorischen (Alp-) Traumsequenzen, die das Geheimnis um die Ursache für die Erkrankung der Tochter bereits nach kurzer Zeit – und ziemlich vorhersehbar – lüften. Ohne zu viel zu verraten: Es geht um die Entstehung und Auswirkungen unbehandelter Traumata. Leider nicht wirklich neu oder originell. Darüber hinaus fehlen die großen Themen. Was genau will der Film erzählen? Was ist seine Botschaft? Es wird nie so ganz klar. Am stärksten ist „Der Medicus 2“ immer dann, wenn sich Stölzl an die Vorzüge und Lichtblicke des Vorgängers erinnert: Vor allem in der zweiten Hälfte, wenn es den Medicus in den Norden Englands zieht, überzeugt der Film durch seine detailreichen Kulissen und die landschaftlichen Weiten. Die üppigen Sets, darunter eine beeindruckende mittelalterliche Klosteranlage und eine Burg, versetzen einen mitsamt mit den prächtigen Kostümen glaubhaft in die Zeit des europäischen Hochmittelalters.
Auch die Darsteller*innen machen ihre Sache gut, im Gedächtnis bleiben allerdings in erster Linie die Antagonist*innen: Brillant ist etwa Aidan Gillen („Peaky Blinders“) als durchtriebener, öfter mal die Seiten wechselnder Leibarzt der Königsfamilie. Eine rätselhafte Aura verleiht ferner Emily Cox ihrer Figur. Beide, Gillen und Cox, ziehen das Publikum mit ihrem zwischen kühler Distanz und emotionaler Verletzlichkeit schwankendem Spiel schnell in ihren Bann. Und Tom Payne als titelgebender Medicus? Der ist freilich gereift und gibt nun den mittelalten, erfahrenen Naturkundler und Mediziner – aber es macht es erneut gut. Payne ist charismatisch und agiert mit einer angenehmen Feinfühligkeit, seine Figur erscheint menschlich glaubhaft und nahbar. Der Medicus besitzt Identifikationspotential.
Das kann man von den übrigen Personen allerdings nicht behaupten. Stölzl verwendet wenig Zeit und Mühen darauf, den anderen Handelnden (und davon gibt es viele!) emotionale Tiefe zu verleihen. Sie wirken hastig und regelrecht schlampig angelegt. Die Folge: Sie bleiben seltsam fremd und man dringt zu keiner Zeit zu ihnen durch (Erinnerungen an Teil 1 werden wach).
Constantin Film
Deutlich zu gehetzt geht es auch im letzten Drittel zu, wenn sich die Ereignisse regelrecht überschlagen und man als Betrachter*in kaum noch hinterherkommt. Von der Stadt geht es zum Königspalast, von dort zum Kloster und kurz darauf in den Norden – um nur die wichtigsten Handlungsorte zu nennen, die innerhalb weniger Minuten abgearbeitet werden. Der häufige, übereilte Schauplatzwechsel passt dann aber leider auch wieder ganz gut zur Gesamtwirkung des von einem dramatisierenden, extrem dominanten Orchester-Sound geprägten Films: „Der Medicus 2“ krankt an einem vollgestopften Drehbuch und einer im zweiten und dritten Akt allzu fahrigen, fast gestressten Inszenierung. Als hätte man versucht, in die ohnehin schon üppige Laufzeit von fast 150 Minuten mit Gewalt noch mehr hineinzustopfen.
Fazit: „Der Medicus 2“ ist ein erlesen ausgestattetes, visuell berauschendes Historien-Abenteuer mit gut aufgelegtem Cast. Schauwerte und gute Schauspieler*innen machen aber noch lange keinen guten Film – vor allem, wenn es an Charakteren mit Tiefgang und Identifikationsfiguren mangelt. So bleibt die recht freie Fortsetzung der ersten filmischen Adaption des Weltbestsellers insgesamt ziemlich blutleer und thematisch nicht dringlich genug. Und die Versuche, Horror-Elemente inmitten eines gediegenen Reise-, Abenteuer- und Medizin-Settings zu etablieren, scheitern krachend.