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    Ron läuft schief
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Ron läuft schief

    Die Mitchells – Knuddeliges Robowabohu

    Von Sidney Schering
    Digitale Technologie ist natürlich schon seit Jahrzehnten nicht mehr aus den Kinderzimmern wegzudenken. Aber was sich lange Zeit auf Videospiele und Spielzeug mit etwas technischem Schnickschnack beschränkte, ist inzwischen längst in ganz andere Sphären vorgedrungen: Selbst wenn sich manche Eltern sträuben, dem Nachwuchs ein Handy zu kaufen, ist es doch eher die Normalität, dass sich selbst Grundschulkinder via Smartphone vernetzen, sich beim Blödeln, Tanzen und Streiche spielen filmen oder sogar Livestreams veranstalten. Hinzu kommen die allmächtigen Algorithmen der sozialen Netzwerke und ihr enormer Einfluss auf die individuelle Onlineerfahrung – und schon ist das heutige Kindsein meilenweit von der Kindheit der Eltern entfernt.

    Allmählich entdecken auch die großen Animationsstudios dieses Sujet für sich. Nach dem charmanten, chaotisch-cleveren Netflix-Trickspaß „Die Mitchells gegen die Maschinen“, in dem ein Betriebssystem die Robo-Apokalypse in Gang setzt, folgt nun „Ron läuft schief“. Das Langfilmdebüt der britischen Trickschmiede Locksmith Animation ist allerdings weniger schnippisch und turbulent als der Mitchell-Chaostrip. Das Regie-Team Jean-Philippe Vine und Sarah Smith setzt stattdessen ganz stark auf den Knuddelfaktor!

    Auf dem Schulhof ist Barney ein totaler Außenseiter ...


    In der Schule ist Barney (Stimme im englischen Original: Jack Dylan Grazer) ein Außenseiter. Deshalb fürchtet er sich auch vor der großen Pause, denn dann wird auf dem Schulhof für alle besonders ersichtlich, dass der unbeholfene und schüchterne Junge immerzu alleine auf der Bank sitzt. Zumindest, wenn sich nicht gerade eine Lehrerin mit überfürsorglichen Worten aufdrängt oder einer der Schulrüpel vorbeikommt, um ihn zu demütigen. Als eine Tech-Firma Bubble Bots (oder kurz: B-Bots) erfindet, um Kindern einen Spielkameraden zu verschaffen, der Profile über sie erstellt und ihnen beim Finden weiterer Freunde hilft, keimt kurz Hoffnung auf …

    … aber dann wird für Barney alles nur noch viel schlimmer: Denn zunächst weigern sich sein erfolgloser Vater (Ed Helms) und seine kauzige Großmutter (Olivia Colman) einfach, ihm so ein kostspieliges Spielzeug zu kaufen. Und als Barney schließlich doch noch einen eigenen B-Bot (Zach Galifianakis) erhält, erweist sich dieser als beschädigte Ware – statt ihm bei der Suche nach Freunden zu helfen, bringt das auf den Namen Ron getaufte digitale Spielzeug mit seiner hibbelig-verpeilten Art alles nur noch viel mehr durcheinander!

    "Die Mitchells" trifft "Baymax"


    Trickfilmfans kommt beim Anblick des „Ron läuft schief“- Titelhelden sicherlich sofort der titelgebende Gesundheitsassistent aus Disneys „Baymax – Riesiges Robowabohu“ in den Sinn. Nicht nur ist Baymax wie Ron rundlich und weiß, beide fallen auch durch ihre begriffsstutzige, wenngleich wohlmeinende Art auf. Mit dieser verhelfen die Roboter ihrem jeweiligen jungen menschlichen Kompagnon bei einem wilden Abenteuer zu mehr zwischenmenschlichem Kontakt. Kurios sind die Ähnlichkeiten auch deshalb, weil Locksmith Animation vor Jahren einen (inzwischen wieder beendeten) Vertriebsdeal mit 20th Century Studios abschloss, was nach dem Merger mit Disney nun dazu führt, dass „Ron läuft schief“ wie „Baymax“ ebenfalls vom Mäusestudio in die Kinos gebracht wird.

    Allerdings sind zugleich auch so viele Unterschiede vorhanden, dass es unangebracht wäre, Locksmith Animation des Ideendiebstahls zu bezichtigen. Allein schon dadurch, dass Baymax ein Gesundheits-Roboter ist, der begreift, dass körperliches und seelisches Wohl dieselbe Fürsorge verlangen, während Ron quasi als (defektes) Smartphone mit Persönlichkeit auftaucht, ergeben sich gänzlich andere Plotpunkte und Gag-Vorlagen. Zudem ist Ron wesentlich aufgepeitschter als Baymax: Im Original vom ansteckend-amüsierten „Hangover“-Star Zach Galifianakis gesprochen, ist die winzige, vorlaute Maschine ein wahres Energiebündel.

    Barney schmettert osteuropäische Ohrwürmer und ist immer bester Laune – und wenn er mal gerade keine lockeren Sprüche klopft, sorgt er dank seines Wesens ständig für Situationskomik. Das komödiantische Timing von Vine & Smith ist spitze – daher es braucht es auch nicht viel Zeit, bis einem Ron und Barney ans Herz wachsen. Die Interaktion zwischen dem defekten Roboter und dem Außenseiter, der falsche Erwartungen hatte, was Freundschaft ausmacht, ist ebenso goldig wie plausibel. Insbesondere jene Szenen, die sich schwerpunktmäßig um das ungleiche Duo drehen, geraten daher gleichermaßen lustig wie knuffig-herzlich.

    ... zumindest bis sein defekter und gerade deshalb so chaotischer / effektiver B-Bot ihm bei der Freundessuche unter die Arme greift.


    Enttäuschend ist derweil der Umgang des Drehbuch-Duos Peter Baynham und Sarah Smith mit den thematischen Implikationen ihrer Prämisse: Es ist ernüchtern, wie kurzatmig die kritischen Äußerungen über unseren Umgang mit Apps & Co. ausfallen. Es werden viel mehr Probleme aufgebaut als schlussendlich behandelt. So verlässt sich in einer frühen Massenszene ein Kind darauf, dass sein B-Bot anzeigt, ob es die Straße überqueren kann, statt selber nach links und rechts zu schauen. Wir erleben zudem aus Barneys Perspektive, wie Kinder, die den technischen Fortschritt nicht mitgemacht haben, sozial ausgegrenzt werden.

    Im ersten Akt wird wiederholt und mit bissiger Ironie vorgeführt, wie oberflächlich solche gefilterten „Freundschaften“ (stellvertretend für unsere Social-Media-Erfahrungen) sind: Die B-Bots scannen die Daten über „ihre“ Kinder und tun dann immer exakt das, was die Kinder wollen. Die Freunde-Finden-Funktion der Bots operiert nach derselben Logik: Zwei Mitschüler sind sich sympathisch, aber es gibt eine Differenz bezüglich der Hobbys? Freundschaftsanfrage verhindert! Baynham und Smith kritisieren diese künstliche Reibungslosigkeit zwar, indem sie ihr mit Ron und Barney eine von Gemeinsamkeiten und (!) Unterschieden geprägte Freundschaft gegenüberstellen, verlieren dabei andere Aspekte aber aus dem Blick. Daher bleibt in der Welt von „Ron läuft schief“ bis zum Schluss ein gewisser Grad an unhinterfragter Technologiehörigkeit bestehen – was erzählerisch wie inszenatorisch als Happy End markiert wird, obwohl ein bitterer Nachgeschmack bleibt, wenn man die Implikationen des Gezeigten selbst zu Ende denkt.

    Ein Happy End mit Geschmäckle


    Es wäre sicherlich verlogen und unzeitgemäß, dem Film ein pathetisches Anti-Social-Media-Ende abzuverlangen, in dem sich sämtliche Kinder von allen strombetriebenen Spielzeugen lossagen. Das stark vereinfachte „Man kann sich ruhig blind auf Technologie verlassen – es muss nur die richtige sein, und man muss ab und zu an die frische Luft“-Ende wird den Schattenseiten von Social Media, die der Film zuvor selbst aufzeigt, aber trotzdem nicht gerecht. Da hat „Die Mitchells gegen die Maschinen“ im direkten Vergleich die Balance zwischen Begeisterung für moderne Möglichkeiten und Mahnung zu einer ausreichenden kritischen Distanz deutlich besser hinbekommen.

    Dessen ungeachtet: „Ron läuft schief“ wird sicherlich einige Kinder erstmals auf die Gefahr von Cyber-Bullying hinweisen und anderen Kindern dabei helfen, die Vergleiche zu finden, die sie brauchen, um ihre schlechten Erfahrungen zu verbalisieren. Ältere können sich dagegen bei seichten Seitenhieben auf Targeted Ads und Kundendurchleuchtung amüsieren. Kurzum: Es gab schon deutlich schwächere Trickstudio-Debuts …

    Fazit: In Sachen Unterhaltungsfaktor liefert „Ron läuft schief“ dank seines quirligen Titelhelden voll ab – und knuffig-herzlich ist der Film über Freundschaftssuche obendrein. Die angeschnittene Kritik über Technologiehörigkeit und Social-Media-Sucht fällt allerdings enttäuschend halbgar aus.

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