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    I Am Zlatan
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    I Am Zlatan

    Kick It Like Ibra

    Von Oliver Kube
    Für viele Fußballfans entscheidet sich die Frage nach dem besten Spieler seit der Jahrtausendwende allein zwischen Lionel Messi und Cristiano Ronaldo. Nach Meinung des Autors dieser Zeilen sollte allerdings noch ein dritter Akteur in Betracht gezogen werden: Zlatan Ibrahimović! Als der Stürmer 2011 bereits im Alter von nur 30 Jahren seine Biographie „Ich bin Zlatan“ veröffentlichte, avancierte diese in seiner Heimat Schweden aus dem Stand zum Bestseller. Ende 2017 wurde die Zahl der dort verkauften Ausgaben auf etwa 800.000 beziffert. Von den circa 10,5 Millionen Einwohnern des Landes erstand bis dahin also etwa jeder 13. das Buch. Kein Wunder, dass aus dem Bestseller irgendwann ein Film entstehen würde.

    Der Journalist und Romanautor David Lagercrantz, der damals mit dem Sportler gemeinsam die Biographie geschrieben hat, fungierte nun als Drehbuchautor und stellt damit sicher, dass auch das Kino-Biopic „I Am Zlatan“ nah an Ibrahimovićs eigener Sicht der Dinge bleibt. Die Inszenierung übernahm unterdessen der schwedische TV-Regisseur Jens Sjögren („Hanna Svensson - Blutsbande“), der den Film meist gradlinig und ohne viel Brimborium inszeniert. Bei den Fußballszenen zeichnet sich sein Film allerdings durch eine erfreuliche Dynamik und Authentizität aus.

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    Zlatan Ibrahimović wird als Sohn bosnischer Einwanderer im schwedischen Malmö geboren und wächst im Problemviertel Rosengård auf. Die Eltern (Cedomir Glisovic, Merima Dizdarevic) lassen sich früh scheiden und haben beide mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen. Neben nur widerwillig erledigten Schulbesuchen und seinem turbulenten Familienleben verbringt der Junge (Dominic Andersson Bajraktati) jeden Tag auf Bolzplätzen oder beim Training des lokalen Jugend-Teams. Zlatans Trainer erkennen früh sein außergewöhnliches Talent, sein Durchsetzungsvermögen, sein Ballgefühl und seinen Instinkt, im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein. Allerdings legt er sich durch seine laxe Disziplin und übermäßige Aggressivität dabei nicht nur auf dem Fußballfeld wiederholt selbst Steine in den Weg.

    Daran ändert sich auch nichts, als der Profiverein Malmö FF ihn als Teenager (jetzt: Granit Rushiti) verpflichtet. Immer wieder hat er Stress mit dem Coach (Håkan Bengtsson) oder Mitspielern, kommt zudem wegen Vandalismus und Kleindiebstählen mit dem Gesetz in Konflikt. Seine Leistungen auf dem Feld sind aber dermaßen überragend, dass der europäische Top-Club Ajax Amsterdam ihn dennoch in die Niederlande holt. Doch auch hier gerät er gleich mit dem Trainer (Gijs Naber) und seinen Mannschaftskameraden aneinander. Da begegnet er dem italienischen Sport-Agenten Mino Raiola (Emmanuele Aita), der Ibra eine Sache direkt klarmacht: Wenn er nur ernsthaft an sich arbeiten würde, könnte aus ihm einer der absoluten Top-Fußballer des Planeten werden…

    Schon als Junge ist Zlatan Ibrahimović jeden Tag auf dem Bolzplatz.


    Wer irgendwann einmal die deutsche TV-Serie „Manni, der Libero“ gesehen hat, wird sich daran erinnern, wie erbärmlich schlecht die Fußballszenen geschauspielert und inszeniert waren. Die Momente auf dem Sportplatz wirkten deshalb so „fake“, weil sie komplett choreografiert waren und dadurch furchtbar statisch daherkamen. Zudem war der damalige Teenie-Schwarm und Titelstar Tommi Ohrner offensichtlich alles andere als ein begnadeter Techniker am runden Leder. Die beiden Newcomer Dominic Andersson Bajraktati und Granit Rushiti, die hier Zlatan als Knaben beziehungsweise jungen Erwachsenen verkörpern, sind da schon deutlich talentierter. Dasselbe gilt für die Nebendarsteller und Statisten, mit denen sie jeweils auf dem Feld stehen. Offenbar hat Regisseur Sjögren sie alle auch aufgrund ihres fußballerischen Könnens gecastet. So konnte er sie meistens einfach spielen lassen: Dabei hat er die Kamera draufgehalten und sich erst hinterher Gedanken gemacht, wie er die Bilder am besten zusammenschneidet, damit sie in die Erzählung passen.

    Abseits des Platzes werden die Ereignisse, die zu Ibrahimovićs Aufstieg zum Superstar führten, nicht streng linear erzählt. Stattdessen springen wir zwischen Momenten mit dem Jungen und dem Teenager hin und her. Was zunächst ein wenig verwirrend und gelegentlich sogar willkürlich anmutet, ist letztlich aber eine sinnvolle Entscheidung. Denn so sehen wir Parallelen im Verhalten des Protagonisten an verschiedenen Stationen seines Leben: seinen unverbesserlich anmutenden Starrsinn, seine Wutanfälle, sein notorisches Zuspätkommen und seine – der reale Ibra gibt dies offen zu – wohl angeborene Faulheit. Weder sein Vater, seine Lehrer*innen noch diverse Trainer können ihn im Laufe des Films dazu bringen, sein Potenzial voll auszuschöpfen. Immer muss er erst selbst erkennen, dass weniger Talentierte bekommen, was er will – Aufstieg in die erste Mannschaft, ein Angebot von einem besseren Club, ein Date mit einem Mädchen, das ihm gefällt – bis er endlich aktiv wird und sein Verhalten anpasst.

    Nach den Anfängen ist direkt Schluss


    Das Hin und Her zwischen Ibrahimovićs dem Publikum größtenteils unbekannter Kindheit und den zum Allgemeinwissen eines Fußballfans zählenden Engagements bei seinen frühen Profi-Teams Malmö und Ajax sorgt zudem für etwas Schwung im Film. Die Story von „I Am Zlatan“ wirkt an vielen Stellen nämlich arg dünn. Während der gut 100 Minuten, die mit Ibrahimovićs Wechsel zu Juventus Turin enden, gibt es zwar diverse Andeutungen, die auf spätere Entwicklungen in der Karriere andeuten.

    Als Fan weiß man natürlich von Ibras Kampfsport-Tick und seinem Faible für Box-Legende Muhammad Ali; von der Fehde mit dem Ajax-Mitspieler und späteren HSV-Profi Rafael van der Vaart; von seinen beiden italienischen Meisterschaften mit Juventus, die dann aufgrund aufgedeckter Korruption in der Chefetage des Vereins aberkannt wurden. Wir wissen, wie der selbsternannte „Fußball-Gott“ sich später in Barcelona mit Trainer Pep Guardiola fetzte und so seinen Rauswurf provozierte, oder wie er es schaffte, dass halb Paris sich in ihn verliebte, während die andere Hälfte ihn hasste. Aber all das spielt hier eben (noch) keine Rolle.

    Auch bei seinem ersten Top-Club Ajax Amsterdam schlägt Zlatan Ibrahimović (Granit Rushiti) trotz Trainer-Stress ein wie eine Bombe.


    In der deutschen Synchro-Fassung ist aus dem Off immer wieder der ehemalige Sky-Mann Marcel Reif zu hören, der die nachgestellten Spielszenen in Live-Reporter-Manier kommentiert. Diese Art von Stunt-Casting hat „I Am Zlatan“ aber eigentlich gar nicht nötig. Das Sportler-Biopic zeigt ganz anständig, wie aus einem Underdog ein Megastar wird, ohne allerdings dem Sujet nennenswert Neues hinzuzufügen oder reflektierter auf die Gründe für das bis heute oft rüpelhafte Verhalten des Protagonisten einzugehen. „Er ist nun mal so“, scheint die letztendlich doch etwas platte Erklärung des Skripts zu sein.

    Ibra-Fans werden hier trotzdem ihren Spaß haben – nicht zuletzt aufgrund der Leistung der beiden ihn vor der Kamera darstellenden Nachwuchs-Schauspieler: Speziell Rushiti zeigt echtes Charisma und kommt seinem Vorbild dabei erstaunlich nahe. Menschen, die den Schweden und seine großmäulig-arrogante Art nicht mögen oder vielleicht gar nicht so genau wissen, wer der Typ ist, verpassen indes nicht wirklich etwas, wenn sie den Film auslassen. Sie sollten sich vielleicht erst einmal ein paar Clips seiner Leistungen auf dem Feld ansehen, um dann eventuell doch noch irgendwann auf „I Am Zlatan“ zurückzukommen.

    Fazit: Ein meist genre-typisch gestricktes Biopic über einen eher untypischen Sportler. Fans des schwedischen Superstars werden Freude daran haben, zu sehen, wie für ihn einst alles begann. Eine befriedigende Erklärung für sein oft grenzwertiges Auftretens sollte man dabei allerdings nicht erwarten.



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