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    Tatort: Sonnenwende
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Tatort: Sonnenwende
    Von Lars-Christian Daniels
    Als Jungschauspielerin Gro Swantje Kohlhof („Wir sind die Flut“) im Jahr 2016 zuletzt in einem „Tatort“ von Regisseur Umut Dag („Das deutsche Kind“) zu sehen war, fielen die Publikumsreaktionen euphorisch aus: Der an das reale Schicksal von Natascha Kampusch angelehnte „Tatort: Rebecca“, in dem Kohlhof die wichtigste Nebenrolle spielte, gehört zu den meistgelobten Sonntagskrimis der vergangenen Jahre und zugleich zu den besten Fällen der 2016 abgesetzten Bodensee-Ermittler Klara Blum (Eva Mattes) und Kai Perlmann (Sebastian Bezzel). Im ebenfalls von Umut Dag inszenierten „Tatort: Sonnenwende“ ist Kohlhof nun erneut mit von der Partie; doch spielt sie diesmal ein Opfer, dessen Mörder die vom SWR auserkorenen Nachfolger der Konstanzer Kommissare finden müssen: Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) und Franziska Tobler (Eva Löbau) sind seit 2017 im Schwarzwald im Einsatz und legten mit dem „Tatort: Goldbach“ ein überzeugendes Debüt hin. Ihr zweiter Fall kann da nicht ganz mithalten: „Sonnenwende“ ist zwar ein ansprechend inszenierter und stark fotografierter Krimi, die arge Vorhersehbarkeit der Geschichte und einige Klischees über die bäuerliche Landbevölkerung führen allerdings zu deutlichen Abstrichen.

    Der Bio-Bauer Volkmar Böttger (Nicki von Tempelhoff) betreibt mit seiner Familie einen traditionell geführten Hof im Schwarzwald. Seine Frau Almut (Alexandra Schalaudek) geht ihm ebenso zur Hand wie seine Töchter Mechthild (Janina Fautz) und Sonnhild (Gro Swantje Kohlhof). Als Sonnhild, deren Freund Torsten Schmidt (David Zimmerschied) ebenfalls auf dem „Sonnenhof“ mitanpackt, mit dem Verdacht auf eine falsche Diabetesbehandlung stirbt, bekommen die Böttgers Besuch von einem alten Bekannten: Hauptkommissar Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner), der selbst den Hof seines Vaters übernommen hat und bei den Ermittlungen von seiner Kollegin Franziska Tobler (Eva Löbau) und der Rechtsmedizinerin Dr. Andrea Binder (Christina Große) unterstützt wird, kennt Böttger aus seiner Jugend und ist ihm freundschaftlich verbunden. Weil der Arzt der Familie, Dr. Otfrid Ruhnke (Rainer Steffen), den Verdacht auf die Falschbehandlung nicht bestätigt, scheint die Todesursache eine natürliche zu sein. Doch bei Tobler bleiben Zweifel: Sie misstraut dem Arzt und findet heraus, dass der Freund der Toten der völkischen Heimatschutzstaffel angehört, die sich den Kampf gegen die vermeintliche Überfremdung auf die Fahnen geschrieben hat...

    Die 1058. Ausgabe der beliebtesten deutschen Krimireihe ist eine dieser Folgen, bei denen man gleich das Gefühl hat, das alles schon einmal gesehen zu haben: Der Kommissar ist mal wieder ein Einzelgänger, der auf seinem abgelegenen Hof die Einsamkeit sucht, seine Partnerin hingegen ein Beziehungsmensch, der vor privaten Problemen flüchtet und in den Ermittlungen willkommene Ablenkung findet. Ähnliche Konstellationen kennen wir zum Beispiel aus dem Kölner „Tatort“ mit Dauersingle Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Familienmensch Freddy Schenk (Dietmar Bär), und auch für die persönliche Betroffenheit eines Ermittlers – hier: Berg, der einen Jugendfreund wiedertrifft – wird Drehbuchautor Patrick Brunken („Die Fahnderin“) keinen Innovationspreis gewinnen. Das Eintauchen in die Provinz, in der die Uhren in Zeiten von Smartphones und Online-Shopping noch anders ticken, gehört in ähnlich überzeichneter Form zum festen Konzept der „Tatort“-Folgen aus Niedersachsen mit Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und der vielen Regionalkrimis, die bei ARD und ZDF momentan Hochkonjunktur genießen – und doch startet der zweite Fall von Tobler und Berg mit einer interessanten Ausgangslage, ehe sich das melancholisch-düstere Krimidrama im Mittelteil zum ambitionierten Staatschutz-Thriller wandelt.

    Der Kampf gegen gewiefte Rechtspopulisten, besorgte Bürger und wenig zimperliche Ausländerfeinde beschäftigte die Kommissare der Sonntagskrimis in den vergangenen Jahren sehr häufig – allein 2017 im Hamburger „Tatort: Dunkle Zeit“, im Kölner „Tatort: Wacht am Rhein“ oder im Frankfurter „Tatort: Land in dieser Zeit“. Diesmal reichern die Filmemacher ihren ansonsten sehr schematischen Politplot mit Wikinger-Mythologie und Auszügen aus dem Nibelungenlied an – das passt gut zu den regelmäßig zu sehenden nächtlichen Nebelpanoramen, die die auffallend finstere Schwarzwald-Atmosphäre in diesem „Tatort“ gezielt verstärken. Trotz der Einbettung in den historischen Kontext und der stimmungsvollen Lagerfeuer-Lieder wirkt das Ganze aber über weite Strecken wie alter Wein in neuen Schläuchen: Die obligatorischen Scherereien zwischen den engagierten Ermittlern, der blassen Kripochefin Cornelia Harms (Steffi Kühnert) und dem undurchsichtigen Staatsschutz-Kollegen Harald Schaffel (Jörg Witte) sind wie in so vielen „Tatort“-Folgen nur eine Frage der Zeit, weil der Staatsschutz natürlich einen V-Mann in die rechte Szene eingeschleust hat und mal wieder bis zum Hals in den Fall verwickelt ist.

    So verlieren die Macher sich vor rauer Naturkulisse in dieser schon häufig erzählten Geschichte statt den Spielraum für eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Höfesterben im Schwarzwald, den Folgen der industriellen Nahrungsmittelproduktion und dem Überlebenskampf der traditionell wirtschaftenden Bauern zu nutzen: Außer einer enttäuschend endenden Diskussion im Dienstwagen, bei der Berg erwartungsgemäß eine Lanze für die Öko-Höfe bricht, und wenigen Sätzen bei der gemeinsamen Ernte auf Bergs Hof wird das Thema nur am Rande gestreift. Bei der Besetzung gibt sich der SWR allerdings keine Blöße: Neben den überzeugenden Jungschauspielerinnen Gro Swantje Kohlhof und Janina Fautz („Meine teuflisch gute Freundin“) liefert auch Routinier Nicki von Tempelhoff („Die Familienanwältin“) als fremdenfeindlicher Fortschrittsverweigerer eine sehr charismatische Performance ab. Im Polizeipräsidium läuft hingegen vieles auf Autopilot: Die Chemie zwischen Tobler, Berg und Kühnert stimmt zwar, aber so richtig auf Betriebstemperatur kommt das neue Schwarzwaldtrio noch nicht. Nach gerade mal zwei gemeinsamen „Tatort“-Einsätzen bleibt dafür aber ja auch noch Zeit.

    Fazit: Umut Dags „Tatort: Sonnenwende“ ist ein düsterer Schwarzwald-Krimi, dessen überzeugende Darsteller und Naturaufnahmen die Schwächen des Drehbuchs nicht ganz kompensieren können.
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