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    Boys Don´t Cry
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Boys Don´t Cry
    Von Ulrich Behrens
    Teena Brandon gehörte zu den Menschen, die, wie man sagt, im falschen Körper steckten. Als Frau geboren, fühlte sie sich dennoch als Mann. Sie verliebte sich in Frauen, schnitt sich die Haare kurz, zog sich an wie ein Mann. Für eine entsprechende Behandlung (Operation) fehlte Teena, die sich fortan Brandon Teena nannte, zunächst das Geld, und vielleicht auch ein bisschen der Mut. Dann jedoch begann sie eine Hormontherapie zur Vorbereitung einer solchen Operation. Kimberley Peirces Film aus dem Jahre 1999 greift die Geschichte Teena Brandons auf, die am 30. Dezember 1993 von John Lotter und Tom Nissen, mit denen sie u.a. umhergezogen war, erschossen wurde. Einige Tage zuvor hatten die beiden sie, nachdem sie erfahren hatten, dass Brandon im physischen Sinne eine Frau war, vergewaltigt. Das alles geschah in Falls City in Nebraska. Die Presse berichtete damals eingehend über den Fall. In einer Dokumentation von 1998 „The Brendan Teena Story” hatten Susan Muska und Greta Olafsdottir die Geschichte der jungen Frau / des jungen Mannes bereits filmisch aufgegriffen. Mit einigen Abweichungen schildert Peirces Film in etwa, was in dieser Dokumentation an Fakten offen gelegt worden war.

    Peirces Film schildert die letzten Wochen oder Monate im Leben von Brandon, der von Hilary Swank in einer grandiosen Rolle gespielt wird. Brandon haut aus ihrem Heimatort Lincoln in Nebraska ab. Sie trifft auf die beiden Ex-Sträflinge John Lotter (Peter Sarsgaard) und Tom Nissen (Brendan Sexton III) sowie Candace (Alicia Goranson), die sie aus einer misslichen Situation in einer Kneipe retten und nach Falls City mitnehmen. Dort lernt sie Lana Tisdel (Chloë Sevigny) und ihre Mutter (Jeanetta Arnette), Kate (Alison Folland) und Nicole (Cheyenne Rushing) kennen. Die jungen Erwachsenen vertreiben sich die Zeit mit Autorennen, Six-Packs, Mutproben, kleinen Diebstählen und so weiter. Lanas Mutter verbringt den Tag betrunken auf der Couch. Für Brandon allerdings sind sie alle die ersten, in deren Gemeinschaft er sich wohl fühlt. Brandons Cousin Lonny (Matt McGrath) aus Lincoln, mit dem er ab und zu telefoniert, mahnt Brandon, nicht wieder mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten und sich endlich einer Behandlung zu unterziehen. Für ihre neuen Freunde jedoch ist Brandon ein Mann, und Brandon verliebt sich in Lana, die von einer Karriere als Karaoke-Sängerin träumt. Für Lana wiederum ist Brandon der einzige Mensch, der sich wirklich für sie interessiert und ein bisschen Licht und Wärme in den überwiegend tristen Alltag in Falls City bringt. Als die beiden das erste Mal Sex miteinander haben, versteht es Brandon geschickt, seine wahre Physis vor Lana zu verbergen.

    Als Lotter davon erfährt, stellt er Lana zur Rede. Er hält Brandon für einen ganz netten Kerl, aber auch für ein Weichei. Zur Katastrophe kommt es, als durch eine Anzeige wegen eines Verkehrsvergehens die wahre Identität Brandons offenbar wird.

    „Boys Don’t Cry” ist alles andere als eine soziologische Studie. Peirce konzentriert sich darauf, das Lebensgefühl in einer Gegend wiederzugeben, in die – zunächst unbemerkt – ein Mensch kommt, der „anders” ist als die anderen. So freundschaftlich, wie Brandon anfangs aufgenommen wird, so brutal reagiert diese Gemeinschaft, als ihre physische Identität offenbar wird. Es sind nicht nur die beiden Mörder Brandons, auch Lanas Mutter und ihre Freundinnen reagieren abweisend oder mit absolutem Unverständnis auf die junge Frau, die ein Mann sein will. Sie wird als Lesbe, pervers, ja als Verbrecherin tituliert und behandelt.

    Peirce vermeidet es – hierin ganz Hollywood-untypisch –, das Verhalten der Personen zu theatralisieren. Sie zeigt es, ohne zu Übertreibungen, Überspitzungen zu greifen. Dadurch erreicht sie, dass auch die Brüchigkeit der Freundschaft zwischen den Personen um Brandon herum deutlich wird. Sie hält nämlich nur so lange, wie der Konsens einer Gemeinschaft nicht durch Fremdes erschüttert wird oder Lotter selbst in Gefahr gerät. Als die jungen Leute von einer Polizeistreife angehalten werden, reagiert Lotter aggressiv auf Brandon und die anderen, die ihn angeblich in diese Situation gebracht hätten. Dabei hatte er selbst die anderen dazu animiert, ein Verfolgungsrennen mit jungen Leuten in einem anderen Auto aufzunehmen.

    In Presseberichten über das damalige Geschehen wird Falls City als ein Ort beschrieben, in dem es fast nur Weiße gibt, in dem Arbeitslosigkeit und Armut herrschen, der weniger als 5.000 Einwohner hat. Die Bewohner haben vielleicht schon einmal von Schwulen, Lesben, Transsexuellen und Menschen wie Brandon gehört, aber Kontakt haben sie nicht mit diesen Menschen und wollen auch keinen mit ihnen haben.

    Die einzige, die zu Brandon hält, ist Lana, die nach der brutalen Vergewaltigung Brandons durch Lotter und Nissen das erste Mal ein wirkliches Gespräch mit Brandon führt. Lana ist es gleichgültig, welche körperlichen Merkmale Brandon hat. Sie liebt Brandon, ist sogar bereit, mit ihm/ihr Falls City zu verlassen. Der Film schildert plastisch und in seiner ganzen Dramaturgie überzeugend die engstirnige Mentalität einer Gemeinschaft, für die Fremdes in welcher Art auch immer eine Bedrohung darstellt. Dieser Gemeinschaft ist es nicht möglich, im Fremden etwas Eigenes zu erkennen. Das einzige Problem, was Teena Brandon hat, ist, dass sie sich als Mann fühlt, der in einem Frauenkörper steckt. Eine entsprechende Hormonbehandlung und eine nachfolgende Operation könnten dieses Problem ein für allemal lösen. Doch für Lotter, Nissen und die anderen ist dies alles etwas „Unnatürliches”, vor dem sie Angst haben, die sich in Aggression äußert, weil sie ihre eigene Natur nicht verstehen, die in ein Korsett von Vorurteilen und unverbrüchlich feststehenden Rollenzuweisungen und sozialen Mechanismen gepresst ist, das sie nicht ablegen können.

    Hilary Swank (zuletzt etwa in Insomnia – Schlaflos, 2002, an der Seite Al Pacinos) spielt Brandon Teena nicht als heroisches und makelloses Opfer, sondern als Mensch mit Fehlern und Schwächen – aber eben auch mit einer unstillbaren Sehnsucht nach dem eigenen Ich. Ihr wurden vor allem durch Sevigny, Sarsgaard und Arnette Partner zur Seite gestellt, die die emotionale und soziale Atmosphäre überzeugend vermitteln können, in der Mord und Vergewaltigung zu den ungeschriebenen Gesetzen der Rache und Ausmerzung gehören, die diese Gemeinschaft prägen, sobald „Fremdkörper” in sie „eindringen”. Kimberly Peirces Film schildert überzeugend und ohne Manierismus ein Einzelschicksal, das so viel über die Mentalität und Atmosphäre eines Teils der amerikanischen Bevölkerung aussagt, dass einem der Film noch lange in Gedächtnis und Herz verhaftet bleibt.
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