Optisch berauschender Alptraum!
Ari Asters Horrorfilmdebüt „Hereditary“ war in meinen Augen einer der besten und effektivsten Horrorfilme der letzten Jahre. Nicht nur weil er qualitativ gut gemacht wurde, sondern weil Aster erstaunlich gut mit seinen Schauspielern umgehen kann. Toni Colette gab dort eine ihrer besten Performances. 2019 war es an der Zeit für Asters neuen Horrorfilm: „Midsommar“, basierend auf skandinavischen Kult-Sagen. Gleich vorweg: Je weniger man über diesen Film weiß, desto besser, weswegen es keine Spoiler geben wird.
Dani ist Studentin und in einer schwierigen Beziehung mit ihrem Freund Christian. Nach einem tragischen Unfall in ihrer Familie, versinkt sie weiter in Depressionen. Die Rettung scheint in Form einer Reise zu kommen: Ihr Freund will mit seinen Kumpels nach Schweden reisen zum großen Mittsommer-Fest…
„Midsommar“ ist ein sehr ungewöhnlicher Horrorfilm für die heutigen Verhältnisse. Oftmals werden dunkle Umgebungen benutzt, um die Atmosphäre des Films zu untermalen. Hier aber benutzen Ari Aster und sein talentierter Kameramann Pawel Pogorzelski fast immer das einladende Sonnenlicht Schwedens, welches dort im Sommer fast 24 Stunden am Tag zu sehen ist. Weiterhin benutzen sie kräftige Farben und generell wirklich schöne Landschaftsaufnahmen. Das Ganze bietet einen umwerfenden Kontrast zu den dunklen Dingen, die dort passieren. Großes Kompliment an die Kameraarbeit (besonders eine Einstellung, in der die Kamera einem fahrenden Auto folgt und dann über das Auto hinwegfliegt und das Bild auf den Kopf stellt!). Auch viele subtile Effekte, die benutzt werden um beispielsweise einen Drogentrip zu veranschaulichen, ergänzen diesen wundervollen Horrortrip großartig. Hinzu kommt ein ebenso fantastischer Soundtrack von Bobby Krlic, der mit vielen folkloristischen Klängen arbeitet, aber auch mit dissonanten Harmonien.
Aster versteht es aber auch seine Figuren realistisch darzustellen und arbeitet mit wirklich starken Motiven und emotionalen Hintergründen, was gerade im Anfang des Films gezeigt wird. „Midsommar“ lebt von sehr echten Beziehungen und Gefühlen, darüber baut Aster ein unheimliches Horrorgerüst, welches oftmals als metaphorische Schiene dient, aber auch ohne sehr effektiv wirkt. Dabei sei gesagt, dass „Midsommar“ ein sehr langsamer Film ist und zwar in guter Hinsicht. Er nimmt sich Zeit und der Aufbau für die Ereignisse gegen Ende ist wirklich stark. Billige Jumpscares oder flache Horrorkonzepte sucht man hier vergebens. Aster nimmt sich Zeit die Kultur dieses Kults zu zeigen und vor allem wie manipulativ solche Menschen arbeiten. Es ist zwar eine imaginäre Gruppierung, die hier gezeigt wird, aber die Hintergründe dafür sind echt. Erschreckend echt! Und das schafft Aster nach wie vor sehr gut: Er zeigt uns Horror auf eine beeindruckende realistische Art und Weise, die man sonst nie sieht.
Mir gefällt auch die sehr intelligente und schlüssige Art, die Ari Aster eine Figuren und Themen inszeniert. Gemälde an Wänden erzählen quasi die Geschichte und was passieren wird, aber auf eine gute Art. Nahezu alles wirkt wichtig und essentiell zur Story und besonders durch die guten Figuren, die der Film etabliert, wird das Ganze zu einem Ganzen.
Schauspielerisch bin ich wieder sehr beeindruckt. Florence Pugh ist die mit Abstand beste Darstellerin in dem Film und besonders ihre bröckelnde Beziehung zu ihrem Freund. Dieser wird von Jack Reynor gespielt, welcher leider nicht ganz so überzeugend ist. Auf eine gewisse Art und Weise passt das jedoch zur Story und Thematik. Die anderen Darsteller sind allesamt gut dargestellt, wenn auch nicht ganz so stark wie etwa in „Hereditary“.
Apropos: Wenn ich etwas kritisieren müsste, dann, dass der Film sehr viele Ähnlichkeiten zu „Hereditary“ hat. Die Art wie Aster seinen Horror verpackt, wie er familiäre Tragödien mit einbaut und sogar wie er den Film enden lässt. Das alles ist wirklich stark gemacht, jedoch hätte ich „Midsommar“ denke ich noch besser gefunden, wenn es „Hereditary“ nicht geben würde. So aber fielen mir manchmal zu viele Parallelen auf. Weiterhin erinnert der Film sehr stark an „The Wicker Man“ mit Nicolas Cage… Zudem wirken einige der „verstörenden“ Szenen fast zu aufgesetzt und forciert, sodass der Horrorfaktor nicht so ganz funktioniert...
Fazit: „Midsommar“ ist dennoch ein sehr sehenswerter und besonderer Horrorfilm. Ari Aster hat einen besonderen und unverwechselbaren Stil, der mir sehr gefällt. Einige Ecken und Kanten hat der Streifen am Ende zwar, aber Fans von atmosphärischen Horrorfilmen werden trotzdem sicherlich ihren Spaß haben!