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    Three Thousand Years Of Longing
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Three Thousand Years Of Longing

    Endlich Neues vom "Mad Max"-Mastermind

    Von Annemarie Havran
    Sieben Jahre hat sich George Miller für seinen nächsten Film Zeit gelassen, nachdem er mit dem sechsfach oscarprämierten „Mad Max: Fury Road“ auf furiose Weise das Action-Blockbuster-Kino revolutionierte. Dementsprechend hoch waren natürlich die Erwartungen an den als Fantasy-Epos mit Tilda Swinton und Idris Elba als Flaschengeist angekündigten „Three Thousand Years Of Longing“. Weitere Infos gab es bis zum Tag der Premiere beim Filmfestival in Cannes, wo auch wir ihn gesehen haben, allerdings kaum – und der Verdacht liegt nahe, dass das auch damit zu tun hat, dass sich das Marketing-Team einfach nicht sicher war, wie der Film wohl am besten zu vermarkten wäre: Während der Trailer ein abgedrehtes, bildgewaltiges Fantasy-Spektakel vom „mad genius“ George Miller verspricht, entpuppt sich „Three Thousand Years Of Longing“ dann nämlich doch eher als eine etwas unentschlossene Mischung aus philosophischem Kammerspiel und CGI-lastiger Tausend-und-eine-Nacht-Märchenstunde, der die Ecken und Kanten fehlen.

    Aber auch ohne „Mad Max“-Wahnsinn hat „Three Thousand Years Of Longing“ vor allem dank seiner gutaufgelegten Stars sowie der opulenten Ausstattung der ansonsten etwas zu brav inszenierten Fantasy-Szenen definitiv seine Momente. Denn selbst wenn Miller das Potenzial seiner Idee einer 3.000 Jahre umspannenden Flaschengeist-Liebesgeschichte nicht voll ausschöpft, ist es absolut erfrischend, mal wieder einen Fantasy-Blockbuster ohne Franchise-Bezug auf der großen Leinwand zu sehen, der ein erzählerisches Wagnis eingeht und dessen Ende nicht nur darauf ausgelegt ist, mit Hilfe einer Post-Credit-Szene auch schon direkt die Fortsetzung anzuteasern.

    In "Three Thousand Years Of Longing" trifft philosophisches Kammerspiel auf Fantasy-Blockbuster.


    Die geschiedene Narratologie-Expertin Alithea Binnie (Tilda Swinton), die sich längst in ihrem kinderlosen Single-Leben eingerichtet hat, reist zu einer Konferenz nach Istanbul. Als sie in einem Antiquitätengeschäft eine kleine Flasche ersteht und sie in ihrem Hotelzimmer reinigt, befreit sie dabei versehentlich einen Dschinn (Idris Elba). Dieser will ihr dann auch direkt die drei obligatorischen Wünsche erfüllen – was Alithea allerdings dankend ablehnt.

    Schließlich weiß sie nur zu gut, dass das mit den Wünschen in den Geschichten und Mythen, mit denen sie sich den ganzen Tag lang beruflich befasst, nie gut ausgeht. Außerdem behauptet sie, ohnehin wunschlos glücklich zu sein. Der Dschinn, der nur frei sein kann, wenn er die drei Wünsche erfüllt, erzählt Alithea daraufhin seine eigene 3.000 Jahre umspannende Geschichte – auch um ihr zu zeigen, dass in jedem Herzen Begierden und Sehnsüchte schlummern, auch in ihrem eigenen…

    Was George Miller eben unter einem "kleinen Film" versteht


    Als George Miller mit seiner Idee für „Three Thousand Years Of Longing“, der auf der Kurzgeschichte „The Djinn In The Nightingale's Eye“ von A. S. Byatt basiert, an Tilda Swinton herantrat, stellte er ihr das Projekt als „kleinen Film“ und Quasi-Kammerspiel vor. Im Grunde gehe es um einen Dialog in einem Hotelzimmer – was natürlich nur zum Teil stimmt, das sagt ja schon der Filmtitel: Denn dass der Dschinn Alithea seine 3.000 Jahre andauernde Leidensgeschichte von Liebe, Sehnsucht und Verlust offenbart, was in drei episch bebilderten Rückblenden ausgebreitet wird, wäre – zumindest für die meisten anderen Regisseur*innen – ganz sicher alles, aber kein „kleiner Film“.

    Doch zwischen den märchenhaften Rückblicken geht es tatsächlich immer wieder zurück in das Hotelzimmer, in dem sich der Dschinn und seine neue Meisterin zunächst im Stil einer romantischen Komödie beschnuppern, bevor ihre Gespräche zunehmend ernster und tiefsinniger werden. Immer wieder wird in ihrer Unterhaltung die Gegenüberstellungen von Wissenschaft und Mythen als Allegorie auf den Kontrast von Verstand und Gefühl genutzt – bis Alithea, die zuvor felsenfest darauf beharrt hat, aus freien Stücken allein und damit glücklich zu sein, sogar ganz klar gesteht: Ihr akademisch denkendes Gehirn verschaffe ihr zwar Macht, aber auch Einsamkeit, und so wende sie sich Geschichten zu, um daraus Gefühle zu schöpfen.

    Es knistert nur leise


    Ziemlich schnell wird dann auch deutlich, wohin der Hase läuft: Alithea wird sich zu ihren Sehnsüchten und Begierden bekennen und ihre Gefühle befreien – genauso wie den Dschinn zuvor aus seiner Flasche. Dass sich ihr plötzliches romantisches Verlangen dann aber ausgerechnet auf den Dschinn selbst konzentriert, wird wenig glaubhaft vermittelt. Dafür prickelt es zwischen Alithea und dem Flaschengeist viel zu wenig, was allerdings nicht an den Schauspielleistungen von Idris Elba („Thor“) und Tilda Swinton („Doctor Strange“) liegt – beide agieren mit sichtlicher Freude und Zuneigung, nur die (erotische) Chemie kommt nicht richtig rüber.

    Überzeugender ist der von seinen eigenen Sehnsüchten und Gelüsten geplagte Dschinn da schon, wenn er von seinen verflossenen Leidenschaften erzählt. Auch wenn Miller selbst offenbar den Fokus auf das „kleine Kammerspiel“ legen wollte, nimmt „Three Thousand Years Of Longing“ nämlich vor allem immer dann an Fahrt auf, wenn es in die Vergangenheit des Dschinns geht, der seit seiner unglücklichen Liaison mit einer Fantasy-Variante der Königin von Saba über drei Jahrtausende hinweg immer wieder in seine enge Flasche gesperrt wurde.

    Mehr Länge hätte dem Film gut getan


    Doch auch wenn die Fantasy-Abschnitte die spannendsten im Films sind, schöpft Miller nicht ganz das Potenzial aus, das in ihnen schlummert: Mit vereinzelten abgefahrenen Einfällen wie einem sich teilweise selbstspielenden Instrument oder einem surrealen Fetisch-Harem teasert er immer wieder jene verrückte, teils psychedelische Welt an, wie sie auch im Trailer bereits angedeutet wird. Insgesamt löst er dieses Versprechen aber zu selten ein, sondern liefert größtenteils dann doch einfach nur braven Fantasy-Standard, der zwar schön anzusehen ist, aber eben kaum berauscht. Wenn man die Geschichte des Orients schon als Fantasy-Variante erzählt, hätte man da viel mehr draus machen können. Dass die Wahl des Poster-Motivs zudem Assoziationen an den Multiverse-Wahnsinn „Everything Everywhere All At Once“ herausbeschwört, tut „Three Thousand Years Of Longing“ ebenfalls nicht gut – bei diesem Vergleich zieht er nämlich klar den Kürzeren.

    Auch die Figuren in den Geschichten in den Geschichten wirken unausgereift – was wohl auch daran liegt, dass Miller sie eben nur als Staffage für seine eigentlich im Fokus stehende Philosophie-Lovestory zwischen dem Dschinn und der Akademikerin sieht. Trotz interessanter Gedanken, die da über das Zulassen von Sehnsüchten und die Gefahren emotionaler Abhängigkeit (mit dem Flaschen-Gefängnis als universeller Metapher) durchgespielt werden, lassen einen die dann doch recht akademischen Gespräche in der Gegenwart sehr viel kälter als die fantastischen Märchenstunden des Dschinns. Von diesen hätte man gern mehr gesehen – und letztendlich ist das vielleicht insgeheim sogar George Miller selbst so gegangen. Denn nach dem langsamen Aufbau im Hotelzimmer verpasst er seiner Geschichte von Alithea und ihrem Dschinn ein unerwartet-überhastetes Ende…

    Fazit: Immer wenn George Miller in seiner philosophisch angehauchten und episch bebilderten Liebesgeschichte den Fantasy-Hahn aufdreht, ist „Three Thousand Years Of Longing“ am stärksten, selbst wenn er dabei trotz vereinzelter kreativer Ideen insgesamt zu glatt bleibt. Zudem geht der ambitionierten Plan, ein Fantasy-Epos mit einem Kammerspiel zu verbinden, nicht ganz auf – in die nur eine Stunde und 48 Minuten dauernde Laufzeit des Films wurde einfach zu viel reingepackt, um der fantastischen Epik oder den akademischen Diskussionen genügend Raum zum Atmen zu geben. Die vielen Ideen, die Miller anreißt, hätten durchaus eine längere Laufzeit verdient gehabt – und eine Schippe mehr (inszenatorischen) Wahnsinn sowieso.

    Wir haben „Three Thousand Years Of Longing“ auf dem Filmfestival in Cannes 2022 gesehen, wo er seine Weltpremiere gefeiert hat.

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