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    Parfum des Lebens
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Parfum des Lebens

    Die Geruchsberaterin und ihr Chauffeur

    Von Jörg Brandes
    Es ist schon toll, ein „feines Näschen“ oder „den richtigen Riecher“ zu haben, bedeutet das doch sprichwörtlich in etwa so viel wie ein gutes Gespür für etwas zu besitzen. Wird aus der sprichwörtlichen hingegen eine buchstäbliche Qualität, hat also jemand tatsächlich ein besonders empfindsames Riechorgan, dann prädestiniert es den Träger oder die Trägerin für einen Job in der Parfumentwicklung. Aber es gibt auch noch andere Jobs für solche Supernasen:

    So wird die Protagonistin in Grégory MagnesDas Parfum des Lebens“ etwa damit betraut, das strenge Lederaroma von frisch produzierten Handtaschen zu neutralisieren, den Gestank von Industrieabgasen zu neutralisieren oder gar den Geruch einer Höhle mit schützenswerten prähistorischen Malereien für einen originalgetreuen Nachbau zu rekreieren. Das Ergebnis ist eine ganz und gar unaufgeregte Dramödie, in die man sich erst ein wenig reingucken muss, bevor sie einen nach und nach schier unwiderstehlichen Charme entwickelt.

    Geruchsberaterin Anne Walberg (Emmanuelle Devos) in ihrem Versuchslabor.


    Bevor die erwähnte Ex-Parfümeurin Anne Walberg (Emmanuelle Devos) auf der Bildfläche erscheint, wird uns jedoch erst einmal Guillaume Favre (Grégory Montel) vorgestellt. Der Chauffeur kämpft gerade um das gemeinsame Sorgerecht für seine Tochter Léa (Zélie Rixhon), hat aber mit seinem Ein-Zimmer-Appartement vor Gericht schlechte Karten. Zudem muss er um seinen Job bangen, weil er Probleme mit dem Einhalten von Geschwindigkeitsbeschränkungen hat.

    Immerhin gibt ihm sein Boss Arsène (Gustave Kervern) noch eine letzte Chance: Er soll sich um die ebenso anspruchsvolle wie anstrengende Kundin Anne kümmern, die nach der Erholung von einem „Riechsturz“ als Geruchsberaterin beruflich langsam wieder Fuß fasst – und schon drei Fahrer verschlissen hat. Guillaume droht dasselbe Schicksal. Doch nach seinem ersten, nicht gerade glücklich verlaufenen Einsatz besteht sie zu seiner Überraschung darauf, dass beim nächsten Mal wieder er sie fährt...

    Gegensätze ziehen sich an


    Es liegt auf der Hand, dass Guillaume, von Grégory Montel („Call My Agent!“) überzeugend als etwas chaotischer Typ verkörpert, Schwierigkeiten mit der Art seiner Kundin hat. Schließlich trägt die von Emmanuelle Devos („Der Sohn der Anderen“) herrlich spröde gespielte Anne ihre Nase hoch bis an den Rand der Arroganz. Überdies spannt sie ihren Fahrer – nicht zuletzt mit Verweisen auf dessen leicht frisierte Spesenabrechnungen – gern für Sonderaufgaben ein und drängt ihn so in die Rolle eines persönlichen Assistenten. Überdies sind „Bitte“ und „Danke“ für sie Fremdworte. Annes hochfein differenzierendem Geruchssinn steht ein bedauerliches Manko an zwischenmenschlichem Kommunikationsvermögen gegenüber.

    Es muss hier weiter kein Geheimnis bleiben, dass sich zwischen den beiden so gegensätzlichen Charakteren mit der Zeit trotzdem Sympathie entwickelt. Der schwergängige Beginn der Arbeitsbeziehung mündet allmählich in ein Geben und Nehmen, von dem beide Seiten profitieren. Dabei bedarf es weder großer Worte noch großer Gesten. Den beiden Hauptdarstellern merkt man das allmähliche Ziemlich-beste-Freunde-Werden ihrer Figuren auch so an.

    Der Chuffeur Guillaume Favre (Grégory Montel) will unbedingt das Sorgerecht für seine Tochter behalten.


    Dabei erweist sich Regisseur und Drehbuchautor Grégory Magne, dessen erster Film eine Doku über seine Solo-Atlantiküberquerung mit einem Segelboot war, als sensibler Beobachter. Seine Dramödie findet ihre Kraft in der (relativen) Ruhe, die sie auch in den etwas dramatischeren Situationen weiterhin ausstrahlt. Und sie sucht Humor nie in Schenkelklopf-Momenten. Stattdessen punktet das Werk, dem Magne melancholische Untertöne beimischt, mit feinem, unaufdringlichem Witz.

    Schön auch, dass es dem Regisseur gelingt, seinem Publikum die vielfältige Welt der Düfte beschreibend zu erschließen. Wenn etwa Anne ihrem Chauffeur diktiert, welche Geruchsaromen sie in der zu konservierenden Höhle wahrnimmt, fühlen sich auch die eigenen Riechnerven direkt angesprochen. Eine Bereicherung des eigenen Wortschatzes ist angesichts des Films ebenfalls nicht ausgeschlossen. Wer zum Beispiel weiß, dass der Fachbegriff für den Verlust des Geruchssinns „Anosmie“ lautet (die ein Arzt bei Anne nach einem Rückfall diagnostiziert), hebe jetzt gern die Hand.

    Fazit: „Parfum des Lebens“ ist eine sicherlich nicht spektakulär, aber dafür feinfühlig und mit verhaltenem Humor erzählte Dramödie mit zwei ganz hervorragenden Hauptdarstellern. Reinschnuppern lohnt sich also!

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