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    Tatort: Der gute Weg
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Tatort: Der gute Weg

    "Tatort" trifft "4 Blocks"

    Von Lars-Christian Daniels
    Der Berliner „Tatort“ mit Meret Becker und Mark Waschke geht schon seit jeher dahin, wo’s weh tut: Bereits im überraschend brutalen „Tatort: Das Muli“, mit dem die beiden Hauptdarsteller 2015 ihr Debüt für die öffentlich-rechtliche Krimireihe gaben, präsentierten die Filmemacher dem TV-Publikum vorwiegend die hässlichen Ecken der Hauptstadt. Gedreht wurde auch in den Jahren danach viel an heruntergekommenen Bahnstationen, in schummerigen Hinterhöfen und in Berliner Problembezirken, in denen man sich nach Einbruch der Dunkelheit nur ungern auf die Straße begibt. Im „Tatort: Der gute Weg“ ist das nicht anders: Der neunte Fall mit Becker und Waschke spielt unter anderem am Kottbusser Tor – einem der Berliner Brennpunkte, was Kriminalität und Drogen angeht. Dass das spannende Krimidrama unter Regie von Christian von Castelberg („Die Toten von Hameln“) unterm Strich etwas konstruiert wirkt und sich die Filmemacher auffällig viel bei der erfolgreichen TNT-Serie „4 Blocks“ abgeschaut haben, schmälert den hohen Unterhaltungswert nur geringfügig.

    Tolja Rubin (Jonas Hämmerle), der Sohn der Berliner Hauptkommissarin Nina Rubin (Meret Becker), absolviert ein Praktikum im Streifendienst. Dabei gerät er bei einem nächtlichen Einsatz unter Beschuss: Der kurz vor der Pensionierung stehende Polizist Harald Stracke (Peter Trabner) stürmt gemeinsam mit Tolja und seiner jungen Kollegin Sandra Ehlers (Anna Herrmann) eine Wohnung, in der sich der libanesische Al-Thari-Clan eingenistet hat. Der junge Drogendealer Yakut Yavas (Rauand Taleb) schießt Ehlers und Tolja in die Brust – der trägt zum Glück eine Schutzweste und kommt anders als seine Kollegin, die sofort tot ist, mit dem Schrecken davon. Auch Stracke überlebt den Kugelhagel: Yavas jagt ihm eine Kugel ins Bein, während Stracke selbst den Dealer Mussah Al Thari (Ayoub El-Hammoud) in Notwehr erschießt. Als Nina Rubin von dem Vorfall erfährt, ist sie völlig aufgelöst – doch ihr Sohn Tolja reagiert abweisend und vertraut sich ihrem Kollegen Robert Karow (Mark Waschke) an. Ihm gegenüber sagt Tolja aus, dass der flüchtige Yavas Ehlers erschossen habe – Stracke hingegen behauptet, es sei jemand anders gewesen. Warum lügt Stracke? Und warum wurde er selbst von Yavas verschont?

    Nina Rubins Sohn Tolja wurde bei einem Einsatz der Streifenpolizei angeschossen (© rbb/Stefan Erhard).


    Die Parallelen zum vielgelobten TNT-Hit „4 Blocks“ sind nicht zu übersehen: Da wäre zunächst mal der Schauplatz Berlin – genauer gesagt die Drogenszene der Hauptstadt, die von libanesischen Clans dominiert wird und in der die Al Tharis zum „Tatort“-Pendant der Hamady-Sippschaft werden. Dann ist da der auffallend ähnliche Soundtrack: Schon in den Anfangsminuten der 1093. „Tatort“-Folge erklingen gewohnt pragmatische Textzeilen der Deutschrapper Fler und Massiv (letzterer versucht sich in „4 Blocks“ auch als Schauspieler), ehe die junge Streifenpolizistin Ehlers Minuten vor ihrem Tod sogar zum spontanen Freestyle ansetzt. Und dann sind da noch die Schauspieler Rauand Taleb (hier wie dort in einer auffallend ähnlichen Rolle zu sehen) und Maryam Zaree, die in „4 Blocks“ Kalila Hamady spielt und im „Tatort: Der gute Weg“ zum letzten Mal Rechtsmedizinerin Nasrin Resa mimt. Wer die TNT-Serie kennt, erlebt in den ersten zwanzig Minuten gleich reihenweise Déjà-vus – den Tiefgang des überzeugenden Pay-TV-Formats erreicht der „Tatort“ aber gerade im Hinblick auf die Clanstrukturen nicht, weil diese nur kurz umrissen werden und außer dem jungen Dealer Yavas kein weiterer Kleinkrimineller in den Fokus der Ermittler gerät.

    Vielmehr löst Drehbuchautor Christoph Darnstädt, der auch die Bücher zu den ersten vier Hamburger „Tatort“-Folgen mit Til Schweiger und Fahri Yardim beisteuerte, sein Krimidrama nach einer knappen halben Stunde von den zahlreichen Motiven aus „4 Blocks“ und erzählt die Geschichte aus der für die Krimireihe üblichen Ermittlerperspektive: Statt eines fiebrigen Milieuthrillers setzt Darnstädt auf einen sonntagabendgerechten, aber sehr kurzweilig variierten Whydunit (!), bei dem sich der Zuschauer von Beginn an auf die Seite des Praktikanten Tolja schlägt. Dass der junge Mann einleitend überhaupt in die missliche Lage gerät, ist schließlich dem undurchsichtigen Haudegen Stracke zu verdanken – und anders als die Kommissare weiß der Zuschauer auch von Beginn an um die Tatsache, dass Kolja die Wahrheit sagt und Stracke Rubin und Karow einen Bären aufbindet. Eine ganz ähnliche Ausgangslage mit einem Kripo-Kollegen im Brennpunkt des Geschehens gab es erst wenige Wochen zuvor im Kölner „Tatort: Weiter, immer weiter“, der in einem verblüffenden Twist gipfelte – die Auflösung fällt hier zwar nicht unbedingt glaubwürdiger, dank einiger Rückblenden aber vorhersehbarer aus, was das Vergnügen jedoch kaum schmälert.

    Starke Darsteller


    Denn mit dem Auftritt von Strackes etwas lethargisch wirkenden Gattin Verena (Nina Vorbrodt), die seit dem Tod ihres Sohnes nur mit Tabletten den Weg in den Schlaf findet, wandelt sich der Film auch zum beklemmenden Familien- und Polizistendrama, in dem die Frage aufgearbeitet wird, wie der knallharte Arbeitsalltag am „Kotti“ einen Menschen über die Jahre verändern kann. In seiner Schlüsselrolle darf Schauspieler Peter Trabner auch außerhalb seiner gefeierten Auftritte in Indie-Filmen wie „Alki Alki“ zeigen, dass deutlich mehr in ihm steckt als nur der Rechtsmediziner Dr. Falko Lammert im „Tatort“ aus Dresden und dem Web-Spin-Off „Lammerts Leichen“: In der Rolle des verbitterten Streifenbullen liefert Trabner eine mitreißende Performance ab, der man sich spätestens auf der Zielgeraden des Films kaum noch entziehen kann. Auch die Ermittler sind voll in ihrem Element: Befeuert durch den zentralen Konflikt, dass sich ihr Sohn lieber ihrem Kollegen anvertraut, verpasst Rubin Karow eine Ohrfeige, als der mal wieder provoziert – die Feindseligkeit schimmert aber gelegentlich auch subtiler durch (etwa wenn Karow sich weigert, ihr einen Kaffee mitzukochen). Nur mit Anna Feil (Carolyn Genzkow) scheint der federführende RBB nicht mehr viel vorzuhaben: Durfte die junge Kommissarsanwärterin im „Tatort: Dunkelfeld“ noch an vorderster Front ermitteln, verbringt sie ihre Zeit mittlerweile nur noch am Rechner im Präsidium.

    Fazit: Christian von Castelbergs „Tatort: Der gute Weg“ ist ein spannend arrangiertes und überzeugend gespieltes Krimidrama, dem etwas mehr Eigenständigkeit aber gut zu Gesicht gestanden hätte.
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