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    Aznavour By Charles
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Aznavour By Charles

    Die Kamera immer im Anschlag

    Von Oliver Kube
    Fans des französischen Sängers (ca. 200 Millionen verkaufte Platten), Schauspielers („Schießen Sie auf den Pianisten“), Entertainers und Humanisten Charles Aznavour werden „Aznavour By Charles“ sowieso sehen wollen. Aber auch alle, die sich freuen, wenn eine Kino-Doku mal nicht wie üblich einfach die biografischen Stationen abklappert, kommen hier voll auf ihre Kosten. Denn die Entstehung des Films über den 2018 im Alter von 94 Jahren verstorbenen Kultur-Allstar ist fast ebenso ungewöhnlich wie das darin erzählte Leben. Die Regie der Dokumentation übernahm der bisher hauptsächlich als Musik- und Theater-Produzent in Erscheinung getretene Marc di Domenico, der sich den Credit offiziell mit Aznavour teilt, der ihm wiederum seinen vielleicht größten Schatz zur posthumen Verwertung hinterließ.

    Schon im Jahr 1948 erhielt Charles Aznavour eine erste Schmalfilmkamere (eine Paillard-Bolex) von seiner engen Freundin Edith Piaf als Geschenk. Von da an hatte er, egal wohin es den in den 1950ern zum Weltstar avancierenden Pariser auch verschlug, immer eine Kamera im Anschlag. Er filmte alles, was ihm vor die Linse kam – wichtige Momente in seinem Privatleben, seine Reisen, Begegnungen mit großen Persönlichkeiten, aber auch alle möglichen vermeintlichen und tatsächlichen Nebensächlichkeiten. Eine Art visuelles Tagebuch also.

    Jahrzehntelang war die Kamera ein ständiger Begleiter...


    Er wüsste nicht einmal mehr, warum er überhaupt damit begonnen habe, wird Aznavour gleich zu Beginn des Films zitiert. Trotzdem hat er bis Anfang der 1980er beinahe durchgehend die Kamera laufen lassen. Selbst angeschaut hat er sich seine Aufzeichnungen der eigenen Vergangenheit dann aber viel zu selten - er war zeitlebens zu beschäftigt mit der Gegenwart. Erst kurz vor seinem Tod präsentierte er seinem Freund Marc di Domenico etwas, was zuvor noch kein anderer Mensch außer ihm selbst gesehen hatte: Verstaut in einer Geheimkammer in seinem Haus stapelten sich kartonweise Filmspulen in Schwarzweiß und Farbe.

    Die Aufnahmen, die er uns auf diesem Weg hinterlassen hat, sind hochspannende Zeitdokumente aus dem ganz persönlichen Blickwinkel eines Mannes, der aus einfachsten Verhältnissen in die höchsten Höhen des Showbusiness und in späteren Jahren dann – als UN-Botschafter Armeniens – auch der Politik aufstieg. Wir leisten ihm Gesellschaft in einem Boot auf dem Ubangi im Kongo, bei einer Zugreise durch Japan, auf einem Straßenmarkt in La Paz sowie auf einem Ozeanriesen bei der Überfahrt nach New York. Wir begleiten ihn außerdem bei einer Konzertreise ins damals noch sowjetische, für westliche Künstler eigentlich unerreichbare Moskau, sind anwesend bei seiner dritten Hochzeit mit der Schwedin Ulla, wenn er Zeit mit seinen Kindern verbringt und bei seinem ersten Besuch in Armenien, der Heimat seiner Eltern.

    Völlig verzaubert


    Auch exklusive Einblicke hinter die Kulissen einiger seiner Filme werden uns gewährt. So etwa sieht man ihn am Set des 1960 unter der Regie von Denys de La Patellière entstandenen Antikriegsfilms „Taxi nach Tobruk“ mit Lino Ventura herumalbern. Oder wie er beim Dreh von „Ein Schrei gegen Mauern“ offensichtlich von der Schönheit Anouk Aimées und dem Genie von Filmemacher Georges Franju völlig verzaubert ist. Hier ist er noch selten selbst zu sehen, weil er meist hinter der Kamera steht. Später drückte er aber gern auch mal wildfremden Menschen das Gerät in die Hand, damit er sich selbst mit ins Bild setzen kann.

    Marc di Domenico kreiert aus dem Rohmaterial einen wunderbar fließenden, niemals hetzenden, aber doch rasant voranschreitenden Film, der Aznavours Leben sowie seine Gedanken während dieser dreieinhalb für ihn so turbulenten Dekaden immer nachvollziehbar illustriert. Die in „Aznavour By Charles“ per Voiceover erzählte Geschichte baut auf den Memoiren, Interviews und persönlichen Notizen des Protagonisten auf.

    Später ließ sich Aznavour immer öfter auch selbst von anderen filmen.


    Der dabei vom französischen Kinostar Romain Duris („L'Auberge Espagnole“) mit viel Gefühl für die jeweilige Situation gesprochene Text ist meist nachdenklich gehalten - wie es eben zu einem Mann, der nach 94 Jahren auf ein bewegtes Leben zurückblickt, passt. Zwischen den ernsten gibt es zwar auch immer wieder amüsante Momente - am berührendsten wie beeindruckendsten sind aber dennoch jene, in denen wir den Superstar über seine eigenen Ängste, Unsicherheiten und Charakterschwächen sinnieren hören.

    An diesem Punkt in der mit einer enormen Sogwirkung ausgestatteten Clip-Collage hat das Publikum längst vergessen, dass es nicht Aznavour selbst ist, der hier spricht. So echt, so authentisch klingen die von Romain Duris verbalisierten Emotionen in Verbindung mit den stimmungsvollen Bildern oft kleiner Nichtigkeiten. So, als wären sie geradewegs aus einem der fast 1.000 von ihm aufgenommenen, meist von melancholischer Wahrheit durchzogenen Chansons entliehen.

    Leben im Zeitraffer


    Dazu hat Marc di Domenico Archivaufnahmen und Fotos des Sängers auf der Bühne und dahinter, bei offiziellen Anlässen oder bei Treffen mit anderen Berühmtheiten hineingeschnitten. Und natürlich kommt auch immer wieder die einzigartige Musik zum Einsatz, mit der Aznavour Millionen auf der ganzen Welt berührte, zum Weinen, zum Lachen, zum Nachdenken und sogar zum Handeln brachte.

    Am Ende fühlen wir uns, als hätten wir – zumindest im Zeitraffer – dieses Leben mitgeführt. Als würden wir ihn kennen, wissen, wie er tickte, was ihn berührte, wovor er sich fürchtete, was er liebte und verabscheute. Das ist doch deutlich mehr, als man über das Zuschauererlebnis bei den allermeisten Bio-Pics sagen kann.

    Fazit: Eine in ihrer Machart ungewöhnliche, dabei hochinteressante, aber vor allem emotional mitreißende biografische Dokumentation über einen einzigartigen Künstler. „Aznavour By Charles“ hätte ruhig noch um einiges länger laufen dürfen als die knappen 76 Minuten, die die Kino-Doku nun dauert.

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