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    Der menschliche Faktor
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Der menschliche Faktor

    AfD reimt sich nicht auf Funny Games

    Von FILMSTARTS-Team
    Alles beginnt wie in einem Horrorfilm. Ein Ferienhaus, irgendwo an der belgischen Küste. Leere Flure im Schummerlicht, die Kamera kriecht langsam hindurch wie durch ein Spukhaus. Vieles könnte lauern in diesen düsteren Gängen. Tatsächlich knüpft „Der menschliche Faktor“, der nach einigen Dokumentar- und Kurzfilmen zweite Spielfilm des Südtiroler Filmemachers Ronny Trocker, in seinen ersten Sequenzen an das Genre des Home-Invasion-Films an. Der eröffnende Schock taucht das lange Zeit enigmatische Geschehen in ein gewisses Zwielicht, das lange ein wenig darüber hinwegtäuscht, dass hier nur wenig auserzählt (oder auch nur weit genug gedacht) wird.

    Die Hamburger Familie Peeters, der das Ferienhaus gehört, besteht aus den Eltern Nina (Sabine Timoteo) und Jan (Mark Waschke), der Teenagertochter Emma (Jule Hermann) sowie Sohn Max nebst seiner (später noch bedeutsamen) Ratte Zorro. Wir wissen noch nichts über diese Familie, da wird ihre Gemeinschaft bereits erschüttert durch einen unerhörten Zwischenfall: Eindringlinge, die wir jedoch nicht zu sehen bekommen, erschrecken Nina zu Tode und versetzen alle in Angst. Ist der Privatraum kein geschützter Raum mehr, wird die Familie von unsichtbaren Fremden bedroht? Und was könnte der Anlass dafür sein?

    Bei Nina und Jan kriselt es längst stärker, als es sich die Eheleute selbst eingestehen wollen.


    Nina und Jan leiten eine kriselnde Werbeagentur in Deutschland, und ein zentraler Konflikt steht noch unausgesprochen drohend im Raum, da Jan ohne Rücksprache mit seiner Frau in Verhandlungen mit einer politischen Partei getreten ist, deren Europawahlkampagne vor allem auf gezielte Provokationen setzen soll. In einem vorbereitenden Gespräch fallen Sätze wie: „Man kann sich ja abends gar nicht mehr auf die Straße trauen“, und man kann sich selbst seine Gedanken machen, welche real existierende Partei damit gemeint sein könnte. „Wahlen gewinnt man heutzutage nicht über Empathie“, heißt es da jedenfalls.

    Als die Verhandlungen mit dem PR-Chef der kontroversen Partei bereits kurz vor dem Abschluss stehen, werden diese an die Presse durchgesteckt. Nina erfährt davon nicht von ihrem Ehemann, sondern aus der Zeitung, und eine Farbbeutelattacke, deren Verursacher wir erneut nicht sehen, richtet sich gegen die Agentur. Das Außen scheint plötzlich feindlich und von unsichtbaren Bedrohungen erfüllt, und man denkt kurz an Michael Haneke, aber so ganz reimt sich AfD hier dann doch nicht auf „Funny Games“. Vielmehr geht es um einen sezierenden Blick auf das Innenleben der Familie, das selbst längst in Zersetzung begriffen ist.

    Auflösung einer Familie


    Nina will mit der Kampagne eigentlich nichts zu tun haben, gibt Jan aber zunächst widerwillig ihre Zustimmung, den Vertrag abzuschließen. Im Anschluss an die Farbbeutelattacke fährt die Familie erneut ins Wochenendhaus, und auch die unsichtbaren Eindringlinge scheinen zurückzukehren. Schlagende Türen, Flüstern und Schreien im Treppenhaus, Nina blutet an der Stirn, sie hat sie sich am Türrahmen aufgeschlagen. Ninas schwuler Bruder Flo (Daniel Séjourné) ist auch angereist und hat seinen neuen Partner Alexander (Hannes Perkmann) mitgebracht, mit Jan versteht sich Flo nicht gut. Zwischenzeitlich ist Max verschwunden, er hat seine tote Ratte im Gebüsch gefunden und sie in den Dünen begraben. Der Streit zwischen Nina und Jan eskaliert, Emma schleicht sich mit ihrer Freundin Amélie zu einer verbotenen Party, und als sie dort entsetzt in eine brutale Schlägerei einschreitet, entpuppt sich diese als konsensuelles Spiel unter den testosteronprotzenden Jungs.

    Nach der erneuten Rückkehr nach Hamburg lässt sich die Fassade der Harmonie nicht mehr aufrechterhalten, und Nina beschließt, aus der gemeinsamen Agentur auszusteigen. „Wegen einem Projekt“, fragt Jan sie entgeistert, und versteht wirklich nicht Ninas Entsetzen über seine Ansicht, die neuen Kunden seien „nicht die Schlimmsten“. Der Graben, der uns politisch entzweit, verläuft mitten durch die Partnerschaften und die Familien, so könnte man vielleicht das eigentliche Thema von „Der menschliche Faktor“ benennen. Diese Gesellschaftsdiagnose könnte einen wunden Punkt treffen, was aber leider nur bedingt glückt.

    Der Einbruch hat Zorro, der Ratte von Sohn Max, das Leben gekostet.


    Dabei versucht Ronny Trocker spürbar, sich dieser These mit betont subtilem, mehrdeutigem Instrumentarium anzunähern – es handelt sich bei „Der menschliche Faktor“ keinesfalls um einen diskursiven Themenfilm über das spaltende Potenzial des Rechtspopulismus. Um einen Horrorfilm handelt es sich allerdings ebenso wenig, und das Experiment Trockers, seine Inszenierung möglichst lange in einem möglichst vagen, ungreifbaren Zwischenzustand zu belassen, geht seiner stets spürbaren Ambition zum Trotz nur zum Teil auf.

    Über weite Strecken versucht Trocker, vor allem eine Art atmosphärisches Unwohlsein zu erzeugen, das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, etwas außer Kontrolle geraten ist, auch wenn es sich noch nicht genau benennen lässt oder mit aller Macht unter der familiären Bettdecke gehalten werden soll. Die atmosphärische Dichte, derer es bedarf, um dieses Konzept filmisch zum Leben zu erwecken, geht Trockers Inszenierung jedoch über weite Strecken ab. Zuviel Zeit geht für Füllszenen drauf, die dem bereits anfangs etablierten Konzept wenig hinzufügen, und zu kraftlos sind oft jene Sequenzen, in denen sich das Unbehagen auf nicht narrative, sondern ästhetische Weise verdichten soll.

    Einen Ausweg aus diesem etwas ziellosen Irrlichtern findet Trocker erst in den letzten Minuten des Films, die als eine Art Epilog zum zwar konsequent, aber nicht sehr aufregend zu Ende geführten Plot hinzutreten und diesem noch eine Art immersive, enigmatische Coda hinzufügen. Somit wird man zwar etwas versöhnt und mit der stärksten Passage der gesamten 102 Minuten heimgeschickt, kommt aber doch nicht umhin, vor allem den verpassten Chancen dieses ambitionierten Films nachzutrauern.

    Fazit: Rechtspopulismus trifft auf Home Invasion, aber leider entsteht aus der spannenden Prämisse nur ein mäßig überzeugender Film. „Der menschliche Faktor“ zielt auf einen wunden Punkt der gegenwärtigen Gesellschaft, ist aber filmisch auf keiner Ebene so stark, wie er sein müsste, um sein Konzept mit Leben zu füllen.

    Eine Filmkritik von Jochen Werner

    Wir haben „Der menschliche Faktor“ im Rahmen der Berlinale 2021 gesehen, wo er in der Sektion Panorama gezeigt wird.

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