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    Memory Box
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Memory Box

    Das Analoge und das Digitale

    Von FILMSTARTS-Team
    Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.
    von William Faulkner


    Die titelgebende „Memory Box“ im Berlinale-Wettbewerbsbeitrag von Joana Hadjithomas und Khalil Joreige ist eine große Kiste voller Memorabilia, die anfangs gleichermaßen mit der Post wie aus der Tiefe der Zeit hereingeschneit kommt ins von einem Blizzard heimgesuchte Montreal: Sie ist randvoll mit Fotos, Tagebüchern und besprochenen Kassetten aus den Teenagerjahren, die die alleinerziehende Maia (Rim Turki) damals in den Achtzigern inmitten der Wirren des libanesischen Bürgerkriegs verbracht hat. Trotz des mütterlichen Verbots ist Maias Tochter Alex (Manal Issa) viel zu neugierig und beginnt heimlich den Inhalt der mysteriösen Kiste zu studieren. So stößt sie auch auf eine Episode der eigenen Familiengeschichte, über die die verschlossene Maia niemals zu sprechen bereit war.

    In den ersten Minuten bedient sich „Memory Box“ einer multimedialen Bildästhetik, wenn Videocalls und mit einem „Bing“ aufpoppende Textnachrichten die Leinwand beherrschen und die Regiearbeit des tatsächlich auch im Medienkunstbereich beheimateten Filmemacher*innenduos Joana Hadjithomas und Khalil Joreige in Richtung des Desktop-Cinema rücken. Dieser fast schon gewollt zeitgemäße Stil tritt jedoch schon bald zurück hinter klassischere mediale Formatierungen, wenn der Film gemeinsam mit Alex beginnt, Maias Erinnerungen zum Leben zu erwecken und sich so deren Geschichte Stück für Stück anzueignen.

    Ein ausgelassener Moment im kriegsgebeutelten Libanon der 1980er Jahre.


    Zunächst geschieht das etwa, indem Alex die analogen Fotografien mit der Handykamera abfotografiert, was Hadjithomas und Joreige wiederum zum Anlass nehmen, die digitalen Fotoserien als kleine Stop-Motion-Clips zu animieren. Das Analoge und das Digitale, das Kontemporäre und das Historisierende – diese vermeintlichen Widersprüche kristallisieren sich schnell als eines der zentralen Themen des Films hinaus. In diesen ersten Passagen von Alex' Eintauchen in das fremde Leben der plötzlich gar nicht mehr so vertrauten Mutter findet „Memory Box“ dann auch seine schönsten Momente.

    Wenn etwa Gewehrsalven das Fotopapier versengen und Bombenteppiche so lange Brandflecke hinterlassen, bis den sich immer enger zusammenkauernden Porträtierten kaum noch Platz auf dem rechteckigen Foto bleibt. Oder wenn die Kamera die verlorene Protagonistin in einem sich scheinbar endlos nach oben verlängernden, surreal verformten Innenraum verortet, schieben sich Gestern und Heute, historisches Dokument und subjektives Erleben, Erinnerung und Fiebertraum auf eindrückliche Weise über- und ineinander.

    Erst frech, dann brav


    Leider scheint der Film dann aber diesem originellen und durchaus nicht bloß selbstzweckhaften Formenrepertoire mit fortschreitender Dauer immer weniger zu vertrauen. Wenn zum Ende hin Mutter und Tochter miteinander ins Gespräch kommen, Erzählstränge zu Ende geführt und dunkle Familiengeheimnisse enthüllt werden, erzählt „Memory Box“ das nach dem formal so kreativen Auftakt dann plötzlich doch auf recht konventionelle Weise und brav der Reihe nach herunter. Das ist ein bisschen schade, entsteht so doch im Nachhinein der Verdacht, dass es sich auch bei den freieren Formen, die er anfangs noch auf erfrischende Weise zu erforschen wagte, zum Teil eher um dekorative und weniger um strukturgebende Elemente gehandelt haben könnte.

    Wir erfahren bereits im Vorspann, dass die Notizbücher und Tonbänder, mit denen die „Memory Box“ angefüllt ist, einen autobiografischen Hintergrund haben und auf Aufzeichnungen zurückgehen, die Joana Hadjithomas selbst in den Achtzigerjahren im Libanon anfertigte. Ergänzt werden sie durch Fotografien, die ihr Co-Regisseur Khalil Joreige selbst im Bürgerkrieg aufnahm. Die Perspektive der Filmemacher*innen ist also eher die von Maia als die von Alex, und das, so könnte man jedenfalls mutmaßen, schreibt sich in die überzeugenden wie die weniger überzeugenden Passagen ihres Films durchaus ein.

    Die Protagonisten werden von den Brandflecken auf dem alten Foto wie in einem Monsterfilm immer weiter in die Enge getrieben.


    In den weniger überzeugenden Momenten schrumpft Alex von der eigentlichen Protagonistin des Films zum bloßen Medium, durch das die Elterngeneration ihre Geschichten erzählt – dazu passt übrigens auch der Umstand, dass es sich durch die anfängliche narrative Präsenz von Alex' Großmutter eigentlich um ein Porträt dreier Frauengenerationen handelt, was zum Ende hin, auch wenn der Plot zur Weitergabe familiärer Traumata über die Generationen hinweg eigentlich vieles zu sagen hätte, auf eine irritierend unspektakuläre Weise aus dem Film herausfällt, als habe man es einfach vergessen oder sich nicht weiter dafür interessiert.

    Somit bleibt nach gut 100 Minuten der etwas zwiespältige Eindruck eines inhaltlich wie formal zwar ambitionierten Filmes zurück, der sich jedoch letztlich für die meisten Dinge, die ihn aus dem Arthouse-Standardkino herausheben, immer ein bisschen zu wenig zu interessieren scheint und sein intellektuelles wie ästhetisches Potenzial nur anreißt statt es wirklich einzulösen. Dass er schließlich mit einer ausgelassenen, generationsübergreifenden Party im heutigen Beirut, in dem neben Kriegsruinen auch Hochhäuser aus Glas und Stahl gebaut werden, (fast) endet, gibt „Memory Box“ einen dezidiert lichten, hoffnungsfrohen Ausklang. Eine letzte Wendung gen Zukunft, die sich sehr passend anfühlt und beinahe zur Gänze wieder mit diesem unperfekten, aber doch schönen Film versöhnt. In Beirut geht die Sonne auf, immer wieder.

    Fazit: So ganz überzeugt diese über drei Generationen erzählte Familienbiografie zwischen libanesischen Bürgerkriegswirren und kanadischem Exil nicht, da zu viele inhaltliche wie formale Ambitionen in Ansätzen stecken bleiben. In einzelnen Sequenzen ist der Film der Multimediakünstler*innen Joana Hadjithomas und Khalil Joreige brillant, in anderen enttäuschend konventionell.

    Eine Filmkritik von Jochen Werner

    Wir haben „Memory Box“ auf der Berlinale 2021 gesehen, wo er in den offiziellen Wettbewerb eingeladen wurde.
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