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    Das Mädchen mit den goldenen Händen
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Das Mädchen mit den goldenen Händen

    Das Regiedebüt der "Tatort"-Rekordmörderin

    Von Lars-Christian Daniels
    Die studierte Theaterschauspielerin Katharina Marie Schubert („Ein Geschenk der Götter“) machte in den vergangenen Jahren vor allem durch ihre Auftritte in der quotenstärksten deutschen Krimireihe auf sich aufmerksam: Vor den Augen von Millionen TV-Zuschauern mimte sie 2019 im beklemmenden Stuttgarter „Tatort: Anne und der Tod“, dem schrägen Frankfurter „Tatort: Falscher Hase“ und dem spaßigen Weimarer „Tatort: Die harte Kern“ binnen vier Monaten gleich dreimal die Mörderin. Rekordverdächtig!

    Doch Schubert steht nicht nur regelmäßig auf der Theaterbühne und für Filmproduktionen vor der Kamera, sondern versucht sich auch erfolgreich als Regisseurin: Nachdem zwei ihrer Kurzfilme bereits auf den Hofer Filmtagen zu sehen waren, feierte nun ihr erster Langfilm beim Filmfest München seine Premiere: In „Das Mädchen mit den goldenen Händen“ wirft Schubert den Blick zurück auf die Zeit vor der Jahrtausendwende und erzählt die Geschichte einer verbitterten Mutter, die die Vergangenheit nicht loslassen und ihrer Tochter nur wenig Wertschätzung entgegenbringen kann.

    Selbst auf ihrer eigenen Geburtstagsfeier sammelt Gudrun (Corinna Harfouch) nicht sonderlich viele Sympathiepunkte.


    Briesenow im Jahr 1999: Gudrun Pfaff (Corinna Harfouch) hat groß zu ihrem 60. Geburtstag eingeladen. Unter den Gästen sind ihre Freundin Jutta (Gabriela Maria Schmeide), ihr Mann Werner (Peter René Lüdicke) und ihre Tochter Lara (Birte Schnöink), die schon vor Jahren nach Berlin gezogen ist. Das im Ort allseits beliebte Geburtstagskind hingegen ist seiner Heimat im Speckgürtel der Hauptstadt treu geblieben: Die Feier findet im Saal eines baufälligen Kinderheims statt, in dem Gudrun aufgewachsen ist und das sie in Eigenregie renoviert. Als die Feier in vollem Gange ist, offenbart Bürgermeister Jens (Jörg Schüttauf) der Gastgeberin einen Plan, der überhaupt nicht in ihrem Sinne ist: Er will das Gebäude, an dem für Gudrun viele Erinnerungen hängen, an einen westdeutschen Investor verkaufen und in ein Hotel umbauen lassen…

    Das lebhafte Kleinstadtdrama, zu dem Schubert auch das Drehbuch geschrieben hat, teilt sich formal in drei Teile: Vor jedem Abschnitt erscheint eine Texttafel in der Farbe der Kleidung, die die im Text genannte Figur in der darauffolgenden Sequenz trägt. Vor dem Kapitel „Gudrun“ leuchtet die weiße Schrift vor rotem Grund, der dem Farbton ihrer Jacke entspricht, „Lara“ steht vor dem Lilablau ihres Oberteils und „Werner“ vor dem Graublau seines Bademantels, der direkt einer „Dittsche“-Episode entnommen scheint. Bei genauerer Betrachtung entpuppen sich die farbigen Einschübe aber eher als ästhetische Fingerübung, denn das Episodenhafte geht der Geschichte ab: Laras vom Drehbuch weitestgehend links liegen gelassener Stiefvater Werner spielt auch in „seinem“ Teil nur die dritte Geige, während wir in Laras Abschnitt Gudruns Flucht aus dem Krankenhaus beiwohnen.

    Zum Auftakt die Gebrüder Grimm


    Der Film beginnt und schließt zudem mit den Zeilen des Märchens „Das Mädchen ohne Hände“, in der ein mittelloser Müller seine Tochter beim Teufel gegen Reichtum eintauscht – doch Anleihen aus der Geschichte der Gebrüder Grimm gibt es hier allenfalls im übertragenen Sinne. Vielmehr ist die Märchenstunde mit Mama die schönste Kindheitserinnerung der mittlerweile erwachsenen und mit beiden Beinen im Leben stehenden Lara – viel mehr Positives scheint der jungen Autorin, die sich mit einem Aushilfsjob an der Oper über Wasser hält, mit Blick auf die glückliche Momente mit ihrer Mutter auch nicht einzufallen.

    Aus der schwierigen Beziehung zwischen Gudrun und Lara zieht der Film großen Reiz – wenngleich die Frage nach ihrem unbekanntem Erzeuger nicht allzu schwer zu beantworten ist. Wie kühl sich das Verhältnis zwischen der glücklich in Briesenow lebenden Gudrun und ihrer nach Berlin umgesiedelten Tochter gestaltet, skizziert Schubert bereits in der Einleitung messerscharf: Während Lara stets um Harmonie bemüht ist, straft das Geburtstagskind sie mit Desinteresse und Ablehnung. Dem Geschenk ihrer enttäuschten Tochter schenkt Gudrun kaum Aufmerksamkeit, Laras vermeintliche Schwäche für Marzipan ist in Wahrheit ihre eigene und die fest eingeplante Geburtstagsrede, die Lara mit viel Herzblut zu Papier gebracht hat, diktiert sie direkt nach ihrem Gusto um.

    Eine Geburtstagsfeier, in der sich jeder wiedererkennt


    Die Sympathien des Publikums sind damit schnell verteilt: Während Hauptdarstellerin Corinna Harfouch („Lara“), die wie ihre Figur in der DDR aufwuchs und vielleicht die beste deutsche Schauspielerin ihrer Generation ist, mit ihrer vielschichtigen Rolle trotz erstklassiger Performance wenig Sympathiepunkte sammelt, finden wir in Lara eine Identifikationsfigur. Das wird mitunter aber zum Problem, denn die meiste Kamerazeit ist ihrer anstrengenden Mutter vergönnt – und spätestens auf der Zielgeraden werden die eigenwilligen Aktionen der sturen Gudrun immer weniger nachvollziehbar.

    Auf dem bisweilen etwas zähen Weg dorthin ist die Präzision in Ton und Detail ansonsten die größte Stärke des Films: Allein in der hektisch durchexerzierten Geburtstagsfeier dürfte sich jeder, der ein solches Event schon einmal vorbereiten musste, sofort wiederfinden. Intensive Momente hat „Das Mädchen mit den goldenen Händen“ auch dann, wenn sich die Eigendynamik der in tristen Bildern eingefangenen Kleinstadt Bahn bricht und das Abschließen-Wollen auf das Festhalten-Wollen trifft. So sehr wir Gudruns Kampf um das Kinderheim verstehen, so gut sind auch die Gründe des Bürgermeisters, der die Zukunft des strukturschwachen Ortes in Gefahr sieht. Beide Welten sind nicht miteinander vereinbar.

    Neben Gudruns Kampf, der auch zu einem köstlichen Besuch bei ihrem verdutzten Finanzberater führt, ist Laras Recherche über die Vergangenheit ihrer Mutter die zweite Antriebsfeder der Handlung – doch die Begegnung mit dem selbstkritischen Künstler Peter Melzner (Stephan Bissmeier), der sich mit VHS-Kursen zu Acrylmalerei über Wasser halten muss, erhöht die Durchschlagskraft des Dramas letztlich kaum. Der Handlungsstrang endet abrupt und versickert in Harmlosigkeit – ein stärkerer Fokus auf Werner, der es über Jahre mit der wirklich schwierigen Gudrun ausgehalten hat, wäre für den Film vielleicht ein größerer Gewinn gewesen.

    Fazit: Katharina Marie Schubert feiert mit ihrem präzise beobachteten und überzeugend gespielten Drama „Das Mädchen mit den goldenen Händen“ ein gelungenes Langfilmdebüt – die ganz große Wucht entfaltet ihr Werk unterm Strich aber nicht.

    Wir haben „Das Mädchen mit den goldenen Händen“ beim 38. Filmfest München gesehen.

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