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    In einem Land, das es nicht mehr gibt
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    In einem Land, das es nicht mehr gibt

    Eine selten beleuchtete Seite der DDR

    Von Janick Nolting
    Aelrun Goette zeigt in ihrem von der eigenen Biographie geprägten Film den DDR-Alltag in seinen letzten Zügen. Da sind bereits tiefe Gräben zwischen den Generationen spürbar. Bloß nicht wie die Eltern werden! Einige versuchen noch, das Projekt Sozialismus zu retten, während sich viele Heranwachsende längst von Anpassungsdruck und Staatsdoktrin entfremdet haben. Der Titel „In einem Land, das es nicht mehr gibt“ meint dabei also nicht nur den Blick aus unserer Gegenwart heraus auf die untergegangene Republik. Er meint auch den Alltag innerhalb eines Systems, das seine eigene Identität und die gewohnte Ordnung nur noch als Fassade aufrechterhält. Die Regisseurin und Drehbuchautorin Goette („Atempause“) erschließt dabei ein angenehm unverbrauchtes filmisches Sujet: Sie wirft einen Blick auf die Modeindustrie der DDR, an der sich Konflikte zwischen ideologischer Linie und künstlerischem Eigensinn besonders gut aufzeigen lassen.

    Ostberlin, 1989: Suzie (Marlene Burow) will studieren, einfach nur raus aus dem erdrückenden Elternhaus. Doch ihre Zukunft steht plötzlich auf der Kippe, als sie mit einem Exemplar des verbotenen George-Orwell-Romans „1984“ erwischt wird. In einer Fabrik soll sie fortan Strafdienst ableisten. Eines Tages nimmt ihr Schicksal allerdings eine weitere Wendung, als sie auf dem Weg zur Arbeit zufällig von dem rebellischen Coyote (David Schütter) fotografiert wird. Suzie landet in der Frauenzeitschrift „Sibylle“ und wird als Mannequin entdeckt. Die Modewelt scheint ihr plötzlich die nötigen Türen zu öffnen, um aus dem beschwerlichen Fabrikalltag entkommen zu können…

    In der oft ach so grauen filmischen Erinnerung an die DDR setzt „In einem Land, das es nicht mehr gibt“ immer wieder faszinierende Farbtupfer.


    Schönheit besänftigt die Nerven“, sagt Chefredakteurin Elsa (Claudia Michelsen), als sie der unbedarften Suzie ihr Metier erklärt. Michelsen mimt hier eine Art DDR-Version von Meryl Streeps Paraderolle aus „Der Teufel trägt Prada“ – eine abgebrühte, kühle, wenn auch nicht ganz so grantige Modeexpertin, die die Spielregeln ihrer Branche genauestens kennt. Zweifellos handelt es sich um eine der faszinierendsten und ambivalentesten Figuren dieses Films. Sie ist rettender Anker für die Protagonistin, lässt aber auch die Skrupellosigkeit der Modewelt durchschimmern, mit der sie sich in das diktatorische Regime nebst Zensurmühlen und Staatssicherheit eingliedern muss.

    Wenn Elsa zum Exkurs über Mode und Schönheit ausholt, ihre Spiegelfunktion von Ideologien, Realitätsflucht, aber auch ihre unterwandernde Kraft beschwört, dann zeigt Aelrun Goettes Film sein ganzes Potential. Man wünscht sich mehr davon, doch leider lassen sich solche nachdenklichen Momente an einer Hand abzählen. Die Modebranche als gesellschaftliches Brennglas bietet allerlei spannende Anknüpfungspunkte, zumal das Thema bislang kaum so prominent in einem Kinofilm über die DDR verhandelt wurde. Doch wenn man ehrlich ist: Sonderlich tief steigt das Coming-of-Age-Drama nicht in seine Materie ein.

    Aufstieg in die Haute Couture


    Schade ist besonders, dass „In einem Land, das es nicht mehr gibt“ so wenig ästhetische Varianz und Gestaltungsfreude bei der Inszenierung von Kleidung an den Tag legt. Da wird zwar versucht, eine kreative Gegenwelt aufzuzeigen, vor allem wenn Aelrun Goette tiefer in die Subkultur vordringt, von der sie damals selbst ein Teil war. Doch es fehlt ihrem Film an einem Spiel mit Materialität, letztlich auch mit der filmischen Form. Vieles bleibt gleichförmige Staffage, Glamour auf Sparflamme. Ein Gefühl für bestimmte Stile, Dimensionen, Verflechtungen will sich dadurch kaum einstellen. Goette erzählt abseits einer bloßen Kontrastierung eigentlich weder allzu viel über Mode im Allgemeinen noch über DDR-Mode im Besonderen.

    Dafür ist das Drama viel zu stark damit beschäftigt, seine Protagonistin durch ein recht gewöhnlich gestricktes Erzählkonstrukt zu treiben. Goette breitet im Kern ein berechenbares Aufstiegsmärchen mit autobiographischen Bezügen aus, das sich nach einigen Rückschlägen nur auf andere Weise fortsetzt. Die Schattenseiten, die unterwegs abgearbeitet werden müssen, ringen um großes Drama, blicken in ihrer gestelzten Aufbereitung aber ebenfalls nur auf eine Reihe vertaner Chancen.

    In einer der spannendsten Sequenzen des Films trifft die makellose Haute Couture auf den ölverschmierten Arbeiterinnen-Alltag.


    Gerade das zerfaserte letzte Filmdrittel leidet darunter, dass Diskurse um Geschlecht, körperliche Ausbeutung, Propaganda, ästhetische Normen und ihre Brüche keine gekonnte Verdichtung erfahren, sondern sich vielmehr gegenseitig in die Quere kommen. Die Folge dessen ist, dass auch Marlene Burow als Hauptfigur immer wieder die Show gestohlen wird – nicht nur von der bereits erwähnten Claudia Michelsen, sondern auch von Sabin Tambrea. Als queerer Designer sorgt er mit einem Auftritt in Frauenkleidung für einen folgenreichen Skandal. Das sind parallel ablaufende Geschichten, die fortwährend interessanter erscheinen als die Frage, ob Protagonistin Suzie nun ihr Glück als Model findet oder nicht.

    Stars des Alltags


    Mitreißend ist Goettes Film hingegen immer dann, wenn er sich von bloßer Charakterentwicklung lossagt und in das Momentane eintaucht. Gerade, wenn er sich einem gewissen Star-Kult in dem DDR-Setting annähert. Fotografie entpuppt sich dabei als aufschlussreiches Motiv – als Instrument für das Außerordentliche, als Waffe der Überwachung und Mittel der Dokumentation. Irgendwann soll Suzie unter strenger Aufsicht im kostbaren Gewand an der Werkbank posieren. Spontan holt der Fotograf Coyote weitere, nichtsahnende Frauen in ihrer schmutzigen Arbeitskluft als Models hinzu. Es ist der vielleicht stärkste Moment im Film: Das Bild von Star und Schönheit bricht, verteilt sich, steckt die Grenzen zwischen vermeintlich Gewöhnlichem, Normalem und Extraordinärem neu ab, schafft sich eine kleine Form der Revolte im Alltag. Zugleich verkennt der Film keineswegs das Vergängliche und Trügerische dieses Ausbruchs.

    Das ist eine Sequenz, in der plötzlich eine erstaunliche Dynamik innerhalb des Ensembles entsteht, die „In einem Land, das es nicht mehr gibt“ in seinen späteren starren Erzählstrukturen leider vermissen lässt. Überwachung, Republikflucht, Verhöre, Liebeswirren und Familienstreit werden pflichtbewusst als Einmaleins aus dem imaginären deutschen Historienfilm-Lehrbuch aufgesagt. Den frischen Schwerpunkten und Einsprengseln bleiben dabei wenige Optionen, außer sich erzählerischen Konventionen anzupassen. Allzu zerstreut schleppt man sich in Richtung Aufbruch und Mauerfall als historische Zäsur. Nur filmisch bleibt sie hier am Ende leider aus, die Revolution.

    Fazit: „In einem Land, das es nicht mehr gibt“ rückt eine spannende neue Facette in den Fokus filmischer DDR-Aufarbeitung. Aber davon abgesehen, verläuft hier trotz einiger ganz starker Momente doch zu viel in den altbekannten Bahnen, um einen allzu nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen.

     

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