Verloren zwischen KI-Vision und Familiendrama
Von Ulf LepelmeierWenn es um Künstliche Intelligenz geht, pendeln die Visionen zwischen grenzenlosen Möglichkeiten – etwa der Heilung schwerster Krankheiten oder der Lösung globaler Probleme – und der Angst vor einer übermächtigen Entität, die sich irgendwann verselbstständigt. In „Electric Child“ greift der Schweizer Regisseur Simon Jaquemet („Der Unschuldige“), der 2014 mit seinem kompromisslosen Debüt „Chrieg“ für Gesprächsstoff sorgte, dieses Spannungsfeld auf. Im Zentrum steht ein begnadeter Programmierer, der nach einer tödlichen Diagnose für sein Neugeborenes alles daransetzt, ein selbstlernendes KI-System zur Rettung seines Sohnes zu nutzen. Jaquemet verknüpft Sci-Fi-Elemente mit einem Familiendrama und wagt sich dabei visuell immer wieder in experimentelle Gefilde, etwa wenn der Lernprozess der KI auf eine metaphorische Insel verlagert wird, auf der ein androgynes Wesen in einer Art Survival-Szenario bestehen muss. Eine spannende Idee, die aber nur schwer zugänglich bleibt. Trotz des aktuellen Themas und einiger interessanter Ansätze bleiben die moralischen Fragen, die sich aus der Nutzung einer Superintelligenz für individuelle Zwecke ergeben, an der Oberfläche.
Sonnys (Elliott Crosset Hove) und Akikos (Rila Fukushima) Freude über ihr erstes Kind schlägt in Panik um, als die Ärzte mitteilen, dass ihr Sohn Toru nicht mehr lange leben wird. Verzweifelt versucht der brillante, aber zunehmend getriebene Programmierer ein radikales Experiment: In der Hoffnung, das medizinisch Unmögliche möglich zu machen, füttert er das selbstlernende KI-System, an dem er gerade arbeitet, mit allen verfügbaren Daten zur Nervenkrankheit seines Sohnes. Während Akiko die begrenzte Zeit mit ihrem Kind achtsam nutzen will, verliert sich Sonny immer mehr in seiner digitalen Obsession und klinkt sich verbotenerweise in den evolutionären Lernprozess ein, den die KI auf einer virtuellen Insel durchläuft, um mit ihr einen Pakt zu schließen.
Port au Prince Pictures GmbH
Visuell werden die unterschiedlichen Welten von „Electric Child“ durch eigene Farbkonzepte klar voneinander abgegrenzt: das satte Grün der virtuellen Insel, das kühle Grau der Universität mit den blau blinkenden Servern, die in diffuses Licht getauchte Wohnung des Paares sowie die warmen Töne der Sonnenauf- und -untergänge sorgen für atmosphärische Kontraste. Doch was zunächst Neugier weckt, entpuppt sich bald als stilistischer Spagat, der die emotionale Bindung zu den Figuren erschwert. Die KI-Insel ist als symbolischer Raum eine reizvolle Idee, bleibt aber dramaturgisch schwer greifbar. Das ständige Hin und Her zwischen realer und virtueller Welt führt eher zu Entfremdung als zu einem wirklichen Zugang. Gerade zu Beginn erschwert das auch die emotionale Nähe zu den beiden Eltern, die mit dem Schicksal ihres Kindes ringen.
Jaquemets eigene Faszination für Künstliche Intelligenz und die mögliche Schaffung einer allgemeinen KI (AGI) wirken als ideologische Triebkraft des Films. Die Gegenüberstellung maschineller Logik mit der Unberechenbarkeit der Sterblichkeit und Zerbrechlichkeit eines jungen Lebens bildet das emotionale wie philosophische Spannungsfeld, das der Film zu verhandeln sucht, aber nur punktuell erschließt. Denn zentrale Fragen – etwa ab wann eine KI ein Bewusstsein entwickelt, was passiert, wenn ethische Verantwortung durch technischen Fortschritt ersetzt wird, oder wie weit man gehen darf, wenn es um Leben und Tod geht – werden leider nur angetippt. Stattdessen verliert sich der Film zunehmend in einer verschwommenen Handlung, in der logische Ungereimtheiten auftreten und eine potenziell spannende Antagonistenfigur einfach spurlos verschwindet.
Selbst die Hauptfigur bleibt über die gesamte Dauer emotional distanziert. Schon vor der Diagnose erscheint Elliott Crosset Hoves Sonny („Godland“) fahrig, erschöpft, innerlich abwesend. Seine Besessenheit mit dem Projekt wird zwar deutlich, aber nie wirklich nachvollziehbar. Eine sichtbare emotionale Wandlung nach der Diagnose – sei es visuell oder schauspielerisch – bleibt aus. Dass ihn seine Kolleg*innen dann noch mehrfach auf seine Erschöpfung ansprechen, wirkt fast ironisch, da er bereits zu Filmbeginn wie ein Getriebener wirkt. Doch auch die lange sprachlose KI-Figur selbst bleibt blass: Das von Sandra Guldberg Kampp verkörperte Wesen auf der Insel wirkt eher wie ein abstraktes Kunstobjekt – ohne Persönlichkeit, ohne wirklichen Konflikt. Was als existenzielles Gedankenexperiment beginnt, wird so zunehmend diffus – und verpufft am Ende vollständig.
Fazit: Starke Prämisse, aber schwache Ausführung: Mit „Electric Child“ versucht sich Simon Jaquemet an spannenden Fragen rund um Superintelligenz und den Wunsch nach der Überwindung der Sterblichkeit, scheitert aber an seiner fragmentierten Erzählweise und der emotionalen Distanz. Ein filmisches Experiment, das seinen Ambitionen nicht gerecht wird.