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    Der letzte Kaiser
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    5,0
    Meisterwerk
    Der letzte Kaiser
    Von Ulf Lepelmeier

    Nach einer selbstverordneten sechsjährigen Schaffenspause kehrte Regisseur Bernardo Bertolucci im Jahre 1987 mit seinem bildgewaltigen Epos „Der letzte Kaiser“ zurück in die Öffentlichkeit. Bertolucci gelang es dafür nach einer Wartezeit von zwei Jahren als erstem Filmschaffenden, die Erlaubnis zu erhalten in der Verbotenen Stadt im Herzen Pekings zu drehen. Basierend auf der Biographie von Pu Yi „Ich war Kaiser von China“ zeichnet der mit neun Academy Awards bedachte Film in monumentalen Bildern das ereignisreiche Leben einer der wohl tragischsten Figuren der jüngeren Weltgeschichte nach.

    Im Jahre 1908 bestimmt die im Sterben liegende Kaiserin Cixi den erst zweijährigen Aisin Gioro Pu Yi (Richard Vuu, später Tsou Tijger, John Lone) zu ihrem Nachfolger. Der Junge wird seiner Mutter entrissen und in die Verbotene Stadt gebracht. Er wird zum Herrn der 1000 Jahre und damit zum Herrscher über 500 Millionen Chinesen. Doch bereits drei Jahre später wird China zur Republik und er muss abdanken. In einem Edikt zur „Wohlwollenden Behandlung des Kaisers der Großen Qing-Dynastie“ werden Pu Yi aber weiterhin Titel und Würden sowie ein Wohnrecht im Kaiserpalast zugesagt. Der junge entmachtete Kaiser wächst von der Außenwelt gänzlich isoliert in einem gigantischen Hofstaat auf. Erst sein schottischer Lehrer Johnston (Peter O’Toole) klärt ihn über den Wandel auf, in welchem sich China befindet und lässt in ihm das Interesse an der westlichen Welt aufkeimen. 1924 wird er schließlich doch von republikanischen Truppen aus dem Kaiserpalast vertrieben und sucht zusammen mit seinen beiden Frauen Zuflucht in der japanischen Konzession Tianjin. Dort lebt er sieben Jahre lang in einer vornehmen Villa als Playboy westlicher Prägung unter dem Schutz der Japaner. Als Pu Yi von den Japanern schließlich das Angebot bekommt die, von ihnen besetzte, Mandschurei zu regieren, sieht er endlich die Chance gekommen, die Geschicke eines Staates zu lenken. Doch die Fäden in Mandschuko, dass nur von einer Handvoll Staaten anerkannt wird, haben die Japaner fest in ihrer Hand, wie Pu Yi schmerzlich erfahren muss. Mit dem Abwurf der Atombomben auf Japan endet nicht nur die Besetzung Chinas, sondern auch die Pseudoherrschaft Pu Yis in Mandschuko. Bei der Flucht aus dem Marionettenstaat wird er von den Russen gefangen genommen, die ihn später an die chinesischen Kommunisten ausliefern. Diese stecken ihn in einer Umerziehungsanstalt.

    Der Film beginnt mit einem Selbstmordversuch Pu Yis und dessen darauf folgender Internierung im Umerziehungslager. Die Insassen werden dort dazu aufgerufen, ihre Lebensgeschichte niederzuschreiben und ihre Vergehen zu gestehen. Pu Yi, zum Gefangenen 981 degradiert, wird vorgeworfen, ein Verräter, Kollaborateur und Kontrarevolutionär zu sein. Ausgehend von den Verhören, den verordneten Niederschriften und Pu Yis Erinnerungen wird die bewegte Lebensgeschichte des letzten Kaisers von China vor den Augen des Zuschauers ausgerollt.

    Der erste Teil des Werkes spielt sich ausschließlich im Mikrokosmos der Verbotenen Stadt ab. Der junge Kaiser wird hier wie eine Gottheit hofiert, gleichzeitig ist er aber ein Gefangener in seinem riesigen Palast und wird hermetisch von der Außenwelt abgeschottet. Die höchsten Würdenträger am Hofe bestimmen über sein Leben, welches er im geräumigen goldenen Käfig fristet. Als Pu Yi schließlich die Räumung des Palastes befohlen wird, fängt ein neues Kapitel in seinem Leben an, welches seinen Höhepunkt in der Krönung zum Kaiser von Mandschuko findet. Doch allzu schnell muss der wieder ein Reich habende Regent erfahren, dass er sich nun wieder in Palastgefangenschaft befindet und ihm alles nur diktiert wird. Das Dasein als Marionettenkaiser bricht den Mann, der von Kindheit an zum Regieren bestimmt und erzogen worden war. John Lone (Im Jahr des Drachen, „Shanghai 1920“) versteht es dabei vortrefflich, die tragische Figur des letzten Kaisers, des Sohns des Himmels, zu verkörpern. Der charakterliche Wandel Pu Yis, der aus den so unterschiedlichen Lebensphasen resultiert, wird von ihm fein herausgearbeitet. Von der schauspielerischen Leistung wird er nur durch die brillierende Joan Chen („Tai Pan“, „Das Geheimnis von Twin Peaks“), die Pu Yis Hauptfrau Wan Jung spielt, übertroffen. Wan Jung wird von den Japanern in die Opiumsucht getrieben, um ihren Einfluss auf Pu Yi zu schmälern. Sie erkennt die Blindheit ihres Mannes, dessen Reich Mandschuko in Wirklichkeit unter der Leitung des im Hintergrund agierenden Japaners Amakaso (Ryuichi Sakamoto) steht. Wenn Wan Jung unter Tränen auf einem Ball im mandschurischen Staatspalast anfängt, weiße Blüten zu verspeisen und kurz darauf aufsteht, um die Worte „10.000 Jahre für den Kaiser von Mandschuko“ auszusprechen, fressen sich diese Szenen der Verzweiflung in das Gedächtnis des Betrachters.

    Neben der gelungenen Herausarbeitung der wichtigsten Charaktere wartet „Der letzte Kaiser“ vor allem mit ernormen Schauwerten auf. Bertolucci, der das Glück hatte, an den Originalschauplätzen drehen zu dürfen, erweckt die Verbotene Stadt förmlich wieder zum Leben. Er wartet mit einer der wohl prächtigsten Ausstattungen der Filmgeschichte auf, lässt 19.000 Komparsen auftreten und den erwürdigen Palast durch perfekt in Szene gesetzte Aufnahmen im alten Glanze erstrahlen. Doch diese Detailversessenheit ist nicht auf die gigantische Palastanlage beschränkt, sondern zieht sich durch alle Szenerien des Films, so dass der Zuschauer sich wirklich in die Zeit des letzten Kaisers zurückversetzt fühlt. Die eher bedächtige Erzählweise lässt dabei den erforderlichen Raum, um die visuellen Eindrücke verarbeiten zu können. Die von Extremen geprägte Geschichte Pu Yis, die zugleich den Wandel Chinas in diesen schicksalhaften Dekaden vermittelt, wird durch die beeindruckenden Bilder hervorragend transportiert. Wenn der zum einfachen Gärtner gewordene ehemalige Kaiser von China an seinem Lebensabend in die zum Museum gewordene Verbotene Stadt zurückkehrt, an den Ort, an dem er das Erbe der Quing-Dynastie fortführen sollte, schließt sich der Kreis eines faszinierenden Lebens, dem das Werk Bertoluccis ein würdiges, meisterliches filmisches Denkmal setzt. „Der letzte Kaiser“ ist bewegendes, bildgewaltiges und monumentales Kino mit fesselndem historischen Hintergrund, das die Machtlosigkeit des Einzelnen in den Wogen der sich im Umbruch befindenden Geschichte aufzeigt.

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