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    Mulholland Drive
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    5,0
    Meisterwerk
    Mulholland Drive
    Von Carsten Baumgardt
    Genie oder Wahnsinn? Magier oder Scharlatan? Ist David Lynch mit dem verstörenden Bilderrätsel-Thriller „Mulholland Drive“ sein persönliches Meisterwerk gelungen oder ist der Regie-Exzentriker endgültig durchgedreht? Die Antwort muss sich jeder selbst geben.

    Das hübsche Landei Betty (Naomi Watts), frisch aus Ontario/Kanada angekommen, will Schauspielerin werden und Hollywood erobern. Da passt es ihr gerade recht, dass sie das Haus ihrer reichen Tante, ein alternder Filmstar, hüten soll. Als sie sich in dem L.A.-Appartment einrichten will, steht plötzlich eine wildfremde Schönheit (Laura Elena Harring) unter ihrer Dusche. Sie ist völlig verwirrt, wurde bei einem mysteriösen Autounfall, den sie als einzige überlebte, verletzt. Sie nennt sich Rita, kann sich aber an nichts erinnern, nicht einmal an ihren richtigen Namen. Statt die Polizei zu rufen, freundet sich Betty mit der geheimnisvollen Fremden mehr als an und versucht herauszufinden, wer sie ist. Szenenwechsel: Jung-Regisseur Adam Kesher (Justin Theroux) ist eitel und eigen. Niemand hat ihm bisher vorgeschrieben, wen er für eine Hauptrolle in einem seiner Filme besetzen soll. Doch diesmal ist es anders. Ehe er sich versieht, springt er über seinen Schatten. Die sonderbaren, extrem bedrohlichen Geldgeber aus Mafiakreisen bringen ihn nach einiger „Überredungskunst“ des Cowboys (Monty Montgomery) dazu, eine Ausnahme zu machen.

    Schnitt: Was steht in dem schwarzen Buch? Immerhin tötete der stümperhafter Killer Joe (Mark Pellegrino) dafür drei Menschen. Ist der fiese Zwerg Mr. Roque (Michael John Anderson) der Auftraggeber? Kontrolliert er von seiner Zentrale unter der Erde alles? Warum ist der junge Mann im Coffee-Shop zu Tode geängstigt? Was hat die Kellnerin Diane mit allem zu tun? Und wer ist die tote Frau in ihrer verlassenen Wohnung?

    Das hört sich komplett wirr an, macht keinen Sinn? Richtig. Willkommen in der Welt von David Lynch. Nach dem beschaulich-versöhnlichen „The Straight Story“ kehrt der Regie-Extremist zu seinen Wurzeln zurück: Obsession, Sex und Gewalt regieren hier. Mit seinem neunten Kinofilm „Mulholland Drive“ hat der Schamane jenes Stadium erreicht, wo er jeglichen Bodenkontakt verloren hat. Der als Mystery-Thriller angelegte Albtraum ist ein einziges verstörend-beklemmendes, manchmal absurd-komisches, aber durchgehend faszinierendes Rätsel. Aber der Film funktioniert nur unter einer Voraussetzung: Der Betrachter muss akzeptieren, dass das Puzzle nicht eindeutig zusammenzusetzen ist. Es gibt nur Versuche, das Gesehene zu entwirren, eine allgegenwärtige Lösung bietet sich nicht. Jeder kann deuten, was er will. Das Ergebnis ist nie das gleiche. Verkauft Lynch seinen Wahnsinn als Kunst? Möglicherweise. Ist es Kunst? Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Und genau an diesem Punkt hat Lynch wahrscheinlich erreicht, was er bezweckte. Jeder sieht in den Figuren, was er sehen will.

    Wer erwartet, die drei Haupthandlungsstränge werden am Ende auf wundersame Weise zusammengefügt und alles ergibt doch noch einen offensichtlichen Sinn, wird bitter enttäuscht. Spätestens nach knapp zwei Stunden, wenn der Film einen inhaltlichen Quantensprung nach vorne oder hinten - wer weiß das schon - macht, und die ersten multiplen Persönlichkeiten auftauchen, ahnt der Betrachter schon, dass der Schluss mehr Fragen aufwirft, als er beantworten kann. Doch was macht „Mulholland Drive“, ursprünglich als Pilot-Film für eine ABC-Fernsehserie konzipiert, aus? Man kann sich der abgründigen Faszination der Bilder nicht entziehen, es sei denn man verlässt (verärgert) das Kino, was einige garantiert machen werden. Lynch komponiert wahnsinnige, atemberaubende Sequenzen, die für sich gesehen Maßstäbe setzen, in Serie. Das Schöne: Je öfter der Zuschauer sich den Film anguckt, desto mehr entdeckt er in jedem Bild, das Lynch auf den Betrachter loslässt. Spätestens nach dem zweiten Gucken präzisieren sich erste Lösungstheorien, der Film wächst mit jedem Durchlauf.

    Zu guter Letzt gebührt Lynch, der in Cannes mit dem Regiepreis ausgezeichnet und für den Oscar nominiert wurde, noch ein besonderes Lob. Er bringt die grandiose Naomi Watts heraus. Die in Australien aufgewachsene Britin ist schlicht eine Offenbarung als All-American-Girl Betty und später als White-Trash-Gegenstück Diane. Watts bildet mit der ebenfalls herausragend spielenden Laura Elena Harring ein knisterndes Duo, wobei Betty/Diane definitiv der Schlüssel zur Entwirrung des Films ist. Es ist nur die Frage, wie jeder sein Wissen anwendet. Am besten lässt sich der Betrachter einfach in Lynchs Bilderorgie treiben. Das ist die beste Chance, „Mulholland Drive“ als Meisterwerk zu genießen. Das Gehirn gerät erst nach Ende der Vorstellung richtig ins Rotieren...

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