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    Petite Maman
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Petite Maman

    Von Müttern und Töchtern

    Von Christoph Petersen
    Mit „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ mag sie die Goldene Palme in Cannes (ging an „Parasite“) und die französische Nominierung für den Auslands-Oscar (ging an „Die Wütenden - Les Misérables“) jeweils knapp verpasst haben. Aber in die Arthouse-A-Liga hat Céline Sciamma („Water Lillies“) mit ihrem historischen Liebes-Drama trotzdem katapultiert.

    Was große Budgets und namhafte Stars angeht, standen ihr im Anschluss sicherlich alle Türen offen. Aber statt größer ist ihr Berlinale-Wettbewerbsbeitrag „Petite Maman“ nun sogar eine ganze Ecke bescheidener ausgefallen – nur ist der märchenhafte Familienfilm deshalb kein bisschen weniger faszinierend oder berührend, ganz im Gegenteil.

    Auch wenn es nicht so aussieht: Hier schauen Mutter und Tochter stolz auf ihr gemeinsam errichtetes Bauwerk.


    Nach dem Tod der Großmutter hilft die achtjährige Nelly (Joséphine Sanz) ihren Eltern dabei, das Haus der Verstorbenen auszuräumen. Für Nellys Mutter (Nina Meurisse), die hier ihre Kindheit verbracht hat und sich offenbar nicht so gern an diese Zeit zurückerinnert, wird das jedoch schnell zu viel – schon am nächsten Morgen ist sie verschwunden, während Nelly mit ihrem Vater (Stéphane Varupenne) weiter Schränke ausräumt und Bücher sortiert.

    Im hinterm Haus gelegenen Wald trifft Nelly auf die gleichaltrige Marion (Gabrielle Sanz), die sich dort aus Ästen gerade eine behelfsmäßige Hütte errichtet. Die Mädchen freunden sich an, Marion nimmt Nelly sogar mit zu sich nach Hause. Allerdings dauert es dort kaum mehr als ein paar Minuten, bis Nelly durchschaut, dass das andere Mädchen ihre eigene Mutter im Kindesalter ist. Offenbar fungiert der Wald zugleich auch als Pforte zwischen den Generationen...

    Zeitreise? Na und!


    Wenn man Marion zum ersten Mal im Wald erspäht, versteht man als Zuschauer*in vermutlich sofort, dass sie Nellys Mutter als junges Mädchen sein muss – und ein wenig stellt man sich in diesem Moment schon darauf ein, später von diesem vermeintlichen „Twist“ ein Stück weit enttäuscht zu werden. Aber Céline Sciamma macht aus der „Enthüllung“ wenige Minuten später ebenso wenig eine große Sache wie die beiden Mädchen, die es mehr oder weniger einfach so hinnehmen, dass eine von ihnen – je nach Perspektive – aus der Vergangenheit oder aus der Zukunft stammt.

    Sowieso ist „Petite Maman“ alles andere als eine klassische Zeitreise-Geschichte: Die Mädchen kommen gar nicht erst auf die Idee, irgendetwas an der Vergangenheit zu verändern, obwohl gerade Nelly sehr genau weiß, dass im Leben ihrer oft depressiven Mutter nach diesem magischen Treffen nicht alles glattlaufen wird. Stattdessen werden die beiden „einfach nur“ beste Freundinnen, die zusammen Pfannkuchen backen und ein Krimi-Schauspiel aufführen. Marion will schließlich später einmal Schauspielerin werden und Nelly verrät ihr auch nicht, dass es anders kommen wird.

    Einfach natürlich


    Die Mädchen versichern sich beim Hüttenbauen im Wald gegenseitig ihrer Freundschaft und ihrer Zuneigung auf eine so vollkommen freie und unbelastete Art, wie es wohl nur die allerwenigsten Mütter und Töchter im wahren Leben können. Die sonst stets sprichwörtliche Begegnung auf Augenhöhe ist hier schließlich buchstäblich zu verstehen. Zugleich beleuchtet „Petite Maman“ aber nicht nur ein (erneutes) Kennenlernen zweier Generationen – sondern eben auch den gemeinsamen Abschied von einer dritten: Die Mädchen verarbeiten gemeinsam die Trauer über den Tod der geliebten Großmutter, was Nelly allein noch so unendlich schwergefallen ist.

    Dabei war es einfach ein perfekter Einfall, mit Joséphine und Gabrielle Sanz zwei Schwestern in den Rollen der gleichaltrigen Mutter und Tochter zu besetzen: Obwohl sich die beiden Mädchen beim ersten Treffen im Wald zunächst noch als Fremde begegnen, ist da doch eine sofortige Vertrautheit zwischen ihnen, die künstlich in dieser spürbaren Selbstverständlichkeit wohl nur schwer herzustellen gewesen wäre.

    Die Musik der Zukunft


    Als Marion Nellys Kopfhörer sieht, kann sie dann nicht widerstehen – wie sich die „Musik der Zukunft“ anhört, will sie dann doch wissen. Aber statt eines den Film zeitlich verortenden Popsongs erklingt das von Sciammas Stammkomponist Jean-Baptiste de Laubier extra für „Petite Maman“ geschriebene „La Musique du Futur“.

    Es ist ein mitreißend-mythisches Stück irgendwo zwischen frühen Elektroklängen, sakralem Kirchenchor und französischem Chanson, das da erklingt, während die Mädchen gemeinsam mit einem Paddelboot zu einer merkwürdigen Pyramide im See paddeln. Der Film fällt spätestens hier gemeinsam mit seinen Protagonistinnen aus der Zeit – eine zugleich vollkommen universelle und doch nie klischeehafte Erzählung, die direkt ins Herz trifft.

    Fazit: Ein ebenso schlichtes wie betörendes Kinomärchen, das Familien wie Arthouse-Fans gleichermaßen begeistern wird.

    Wir haben „Petite Maman“ im Rahmen der Berlinale 2021 gesehen, wo er in den offiziellen Wettbewerb eingeladen wurde.
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