Die erste echte Sterbehilfekomödie
Von Gaby SikorskiGute Rollen für ältere Schauspielerinnen sind allgemein rar gesät. Auch Katja Riemann forderte kürzlich in einem Interview mehr Rollen für Frauen über 50. Vor ihr hatten u. a. Michaela May, Gisela Schneeberger und Jutta Speidel öffentlich das Niveau und die Anzahl der Rollenangebote für Frauen in ihrem Alter kritisiert. In Frankreich sieht es in dieser Hinsicht etwas besser aus. Ein Grund dafür könnte die lebendige Theaterszene sein, die auch die Filmproduktion positiv beeinflusst.
Doch dass die Karriere im Alter noch einmal so richtig Fahrt aufnimmt, ist auch hier ungewöhnlich. Hélène Vincent (Jahrgang 1943) ist eine dieser seltenen Ausnahmen. In François Ozons „Wenn der Herbst naht“ war sie erst kürzlich in der Hauptrolle als resolute Rentnerin mit Familiengeheimnis zu sehen – und nun legt sie mit 82 Jahren und der Sterbehilfe-Komödie „Bon Voyage – Bis hierher und noch weiter“ direkt nach.
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Marie (Hélène Vincent) hat ihren festen Tagesrhythmus. Umgeben von Erinnerungen lebt sie allein in ihrem seniorengerecht gestalteten Haus mit Treppenlift und Notruf. Doch sie ist krank, sehr krank – der Krebs ist zurückgekommen und hat sich ausgebreitet. Marie hat genug vom Leiden und möchte selbst entscheiden, wie ihr Leben endet. Der Termin in der Schweiz, wo Sterbehilfe erlaubt ist, steht schon fest – nächste Woche. Doch bevor Marie abreist, gibt es noch zwei Probleme: Sie benötigt die Unterschrift eines Angehörigen unter dem Sterbehilfe-Dokument und sie braucht jemanden, der sie in die Schweiz fährt.
Für beide Probleme heißt die Lösung Rudy (Pierre Lottin), ein Altenpfleger, der ihr zu Hilfe kommt, weil Maries Treppenlift steckengeblieben ist. Kurzerhand macht Marie ihn zum Komplizen: Sie gibt ihn als ihren Sohn aus und bringt ihn mit einer kleinen Erpressung dazu, als Chauffeur zu fungieren. Der listigen Marie gelingt es außerdem, ihren chaotischen und chronisch insolventen Sohn Bruno (David Ayala) zur Mitfahrt zu bewegen. Ihre 15-jährige Enkelin Anna (Juliette Gasquet) lädt sich selbst ein, denn sie denkt ebenso wie Bruno, dass Marie wegen einer Erbschaft in die Schweiz fährt. Maries altes Wohnmobil wird flottgemacht – und schon geht’s los! Bleibt nur die Frage: Wie bringt Marie ihrem Sohn und ihrer Enkelin bei, dass sie eine Reise ohne Wiederkehr plant?
Die Schauspielerin Enya Baroux („Visitor From The Future“) beweist mit ihrem beachtlichen Regiedebüt, dass sie mit der etablierten Komödien-Konkurrenz von etwa Toledano/Nakache („Ziemlich beste Freunde“) oder Louis-Julien Petit („Der Glanz der Unsichtbaren“) sehr wohl mithalten kann – und zwar nicht nur, wenn es darum geht, ein ernstes Thema geschickt in eine amüsante Handlung zu verpacken. Sie schafft es darüber hinaus – und das scheint ein Erkennungsmerkmal französischer Komödien zu sein – eine ziemlich unwahrscheinliche Prämisse glaubhaft zu einer funktionierenden Handlung auszubauen. Das dauert allerdings seine Zeit – und so hat „Bon Voyage“ ein relativ langes Opening. Dabei wird zugleich auch noch ein neues Genre installiert: die Sterbehilfekomödie. Zwar gibt es bereits einige Filme, die das Thema auf eine eher leichte Weise angegangen sind, etwa „Am Ende ein Fest“ von Sharon Maymon und Tal Granit oder „Alles ist gutgegangen“ von François Ozon – aber keiner davon hat sich getraut, derart überschäumend komödiantisch zu sein wie nun Enya Baroux.
Bei all den familieninternen Konflikten und den vielen unerwarteten Wendungen gerät das Thema Freitod zwar immer wieder etwas in den Hintergrund (sorgt aber selbst dort für Spannung und Emotionen, ohne dabei je ins Triviale abzugleiten): Dass Marie ihren Sohn dabeihaben will, ist absolut verständlich – dass er allerdings ein wahrer Tunichtgut ist, der sich zudem noch als vollkommen unreif, unzuverlässig und chronisch pleite erweist, ist hingegen schon eher ein typisches Komödien-Klischee. Dazu gesellt sich eine Enkelin, die – wiederum nachvollziehbar – bei dem angeblichen Familienausflug nicht fehlen will und ein ziemlich mieses Verhältnis zu ihrem Vater hat, der seinerseits nicht einmal davor zurückschreckt, das Sparkonto seiner Tochter zu plündern. Die Story um den Altenpfleger Rudy, der gleichzeitig Komplize und Betreuer ist und sich außerdem im Verlauf der Geschichte mehr oder weniger sogar zum Retter dieser dysfunktionalen Familie mausert, macht die Geschichte rund.
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Aber bis all das installiert ist, vergeht eine ganze Weile. Manches ist dann auch, wie kaum anders zu erwarten, etwas over the top. Dass Rudy eine zahme Ratte namens Lennon hat, die mitfährt, hat zwar tatsächlich eine – wenn auch geringe – dramaturgische Bedeutung, wäre aber nicht auch noch nötig gewesen. Apropos übertrieben: Der Darsteller des Bruno, David Ayala, erweist sich hier als King of Overacting und übertreibt überflüssigerweise sein Spiel – dabei ist seine Rolle nicht nur gut charakterisiert, sondern auch sehr dankbar: Er spielt mit dem Charme eines zu groß geratenen Plüschteddybären einen verpeilten Loser, der nie erwachsen geworden ist, weder Geld noch Selbstachtung hat und deshalb mit seiner gesamten Familie – inklusive Rudy als Neuerwerb – im Clinch liegt. Vielleicht wollte David Ayala hier einen Gegenentwurf zu Pierre Lottin schaffen, der (wie eigentlich immer) eine sehr gute Leistung zeigt. Rudy kommt aus einer Arztfamilie und hat sich bewusst für den Beruf als Pfleger geworden („ein Pfleger in einer Arztfamilie ist sowas wie ein Dicker in einer Familie von Athleten“). Pierre Lottin gibt Rudy nicht nur viel sanfte Ironie, sondern auch einen Vernunftgrad, der ihn stark von Bruno und Anna unterscheidet.
Die beiden Damen hingegen überzeugen vollauf: Juliette Gasquet als Anna ist eine echte Entdeckung – sie gibt dem pubertierenden Mädchen, das auf der Reise seine erste Periode erlebt, eine umwerfende Persönlichkeit zwischen kindlicher Naivität, weiblichen Emotionen und allgemein menschlicher Wärme. Damit ist sie die perfekte Ergänzung zu Hélène Vincent. Sie spielt Marie als feine, alte Dame, die mit kleinen Schritten, aber durchaus zielstrebig ihren Weg geht und dabei so viel Spaß und Lebensfreude mitnimmt wie möglich. Wenn sie sich vor der Abfahrt mit dem Wohnmobil von ihrem Haus verabschiedet, dann ist das einerseits rührend und herzzerreißend – es ist ja schließlich ein Abschied für immer. Aber andererseits ist da in all dieser Wehmut auch immer noch ein leiser Humor. Hélène Vincent trägt diesen Film und sie überstrahlt ihn.
Fazit: Über ein so ernstes Thema wie den krankheitsbedingten Freitod eine wirklich vergnügliche Komödie zu inszenieren, erfordert viel Mut und Einfühlungsvermögen. Das gelingt Enya Baroux mit leichter Hand – dank einer wunderbaren Hauptdarstellerin und einem originellen Drehbuch.