Nicolas Winding Refn meldet sich mit seinem bislang persönlichsten Film von den Toten zurück
Von Christoph PetersenIm Jahr 2023 war Nicolas Winding Refn mit einem Loch im Herzen fast 25 Minuten lang klinisch tot, bis er mit Elektroschocks wiederbelebt wurde. In der Rückschau ist sich das dänische „Drive“-Mastermind sicher, dass seine jüngste Tochter noch nicht bereit war, ihn gehen zu lassen – und er nur deshalb aus dem Jenseits zurückgekehrt ist. Seitdem hat er seinen Lebensstil angepasst und sich vom Streaming abgewendet, obwohl er mit Serien für Amazon und Netflix „einen großen Haufen Geld“ verdient hat. Der Startschuss für das Kino-Comeback war ein Anruf beim Studiochef Tom Quinn, dem Refns „The Neon Demon“ einst als Namenspate für seine Firma NEON diente.
Auf die Frage, was für einen Film er denn machen wolle, hatte der „Walhalla Rising“-Regisseur zu diesem Zeitpunkt zwar noch keine Antwort – aber eine Blankozusage erhielt er trotzdem, solange er den Film „für eine gewisse Summe“ hinbekommen würde. Nun hat „Her Private Hell“ in Cannes seine Weltpremiere gefeiert – aber die Antwort auf das Rätsel, was für ein Film das eigentlich ist, fällt nicht unbedingt leichter, nur weil wir ihn gesehen haben. Der retro-futuristisch anmutende Horrorfilm wirkt über weite Strecken wie eine hypnotische Ansammlung von opernhaft stilisierten Bühnenbildern – mit Schauspielenden, die vom Regisseur wie Puppen in den maximal abstrakten Sets drapiert wurden.
Neon
Schon den Plot zu umschreiben, ist eine ziemliche Herausforderung, was womöglich auch daran liegt, dass in chronologischer Folge gedreht wurde. Der Regisseur und sein Cast konnten so jeden Morgen aufs Neue entscheiden, wo die Reise hingehen soll – und mitunter begrüßte Refn seine Schauspielerinnen sogar mit einem „Vielleicht wirst du heute sterben“. Das Drehbuch wurde also täglich angepasst – aber ich versuche es trotzdem einfach mal: In einer von dichtem Neonnebel umschlungenen Metropole warten Elle (Sophie Thatcher), ihre etwa gleichaltrige Stiefmutter Dominique (Havana Rose Liu) und Hunter (Kristine Frøseth) in einem ansonsten menschenleeren Luxushotel.
Offenbar sollen demnächst die Dreharbeiten für eine Sci-Fi-Comic-Verfilmung über eine Gruppe von Kick-Ass-Space-Kadettinnen beginnen, bei der das Trio die Hauptrollen übernehmen soll. Zugleich treibt der berüchtigte Serienmörder „Leatherman“, der seine Opfer umklammert und ihnen die Brustkörbe aufreißt, sein Unwesen. Und dann gibt es da noch eine Parallelhandlung um den Soldaten Kay (Charles Melton), der im Japan der Nachkriegszeit nach seiner verschollenen Tochter sucht – und sich dabei nicht nur mit der Yakuza anlegt, sondern auch vor einem Trip in die Hölle nicht zurückschreckt …
Ausgangspunkt für Nicolas Winding Refn war auf jeden Fall der eigene Herzstillstand – und die damit einhergehenden Gedanken an sein jüngstes Kind. Der nach seiner Tochter suchende Kay ist deshalb auch so was wie das Alter Ego des Regisseurs. Dazu kommen noch Motive aus der Orpheus-Sage, dem Giallo-Genre und Space-Comics sowie jede Menge persönliche Fetisch-Vorlieben. Irgendwann fangen die Darstellerinnen sogar plötzlich grundlos an zu bellen. Refn ließ alle Sets auf einmal in einem Studio in Kopenhagen aufbauen – und besaß mit seinem kleinen Team im Anschluss absolute Freiheit, seine Darstellenden wie Plastikpuppen oder Actionfiguren einzukleiden und im Raum anzuordnen.
Dazu haut die Komponisten-Ikone Pino Donaggio, legendär vor allem für seine Brian-De-Palma-Kooperationen bei Meisterwerken wie „Carrie“, „Dressed To Kill“ oder „Blow Out“, im Alter von 84 Jahren noch mal einen seiner sphärischsten Soundtracks raus! Refns Lieblingsspruch beim Drehen war unterdessen:: „Weniger ist mehr und nichts ist alles.“ Bedeutet: Wo immer es geht, möglichst nur minimale Gesten. Vor allem Sophie Thatcher, die in „Companion“ schon buchstäblich eine Puppe verkörpert hat, steht oft nahezu bewegungslos da – und ist damit vermutlich eine kongeniale Partnerin für ihren Regisseur. In den Dialogszenen wirkt es mitunter fast so, als würden sich Models von den gegenüberliegenden Seiten eines (Fetisch-)Modekatalogs miteinander unterhalten.
Im Zusammenspiel mit der nächtlich-nebeligen Atmosphäre kann das durchaus eine einschläfernde Wirkung entfalten – selbst wenn in einer aufwändig choreografierten, an Refns „Only God Forgives“ erinnernden Martial-Arts-Szene gleich ein ganzer Raum voller Yakuza in ein glitschiges Blutbad verwandelt wird. Was genau das alles bedeuten soll, muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich selbst kann es aber direkt zugeben: Beim Schauen bin ich weitestgehend an dem Film abgeprallt – und das ging zumindest in meiner Vorstellung dem überwiegenden Teil des Publikums so. Die Interviews mit dem Regisseur und seinen vier Hauptdarsteller*innen am nächsten Tag haben das Gefühl der thematischen Offenheit bestätigt:
In jedem der Gespräche gab es teils direkt widersprechende Deutungen für das Werk und vor allem das Finale – und das von denjenigen, die den Film gemeinsam gedreht haben. Aber gerade das ist womöglich das Reizvolle an „Her Private Hell“ – dass hier jeder im Publikum seine ganz private Höllenvision serviert bekommt. Für mich zählen die Interviews jedenfalls zu den faszinierendsten meiner nicht kurzen Karriere. Wenn ihr „Her Private Hell“ schaut, dann solltet ihr im Anschluss auf jeden Fall noch ein, zwei gemeinsame Bier (oder Wasser) einplanen. Denn über das Gesehene zu diskutieren, ist in vielen Fällen offenbar mindestens genauso erfüllend wie das Schauen selbst.
Refn selbst bringt jedenfalls noch „Kaugummi“ als zentrale Inspiration ins Spiel – und erklärt: „Wenn alle den Film lieben, haben wir etwas falsch gemacht. Wenn alle ihn hassen, haben wir auch etwas falsch gemacht.“ Zumindest nach diesem Credo ist „Her Private Hell“ ein voller Erfolg.
Fazit: Nicolas Winding Refn liefert eine durch und durch persönliche und absolut einzigartige Leinwandvision, die aber oft so steif und sperrig wirkt, dass es schwerfällt, sich voll auf die albtraumhafte Höllen-Oper einzulassen. „Her Private Hell“ ist ein Film, der regelrecht danach schreit, in 25 Jahren als Kultfilm wiederentdeckt zu werden – bei dem der Großteil des heutigen Publikums aber wohl weitgehend außen vor bleiben wird.
Wir haben „Her Private Hell“ beim Filmfestival von Cannes 2026 gesehen, wo er seine Weltpremiere außer Konkurrenz im offiziellen Programm gefeiert hat.