Etwas ganz Besonderes
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Etwas ganz Besonderes

Kanon und Kontrapunkt

Von Christoph Petersen

Das „Mikro“ aus „Mikroaggressionen“ kann man zumindest in der ersten Hälfte von „Etwas ganz Besonderes“ getrost streichen. Kaum ein Gespräch zwischen den Mitgliedern einer Thüringer (Patchwork-)Familie, bei der die Großeltern Christl (Rahel Ohm) und Friedrich (Peter René Lüdicke) eine kurz vor dem Bankrott stehende Bergpension betreiben, kommt ohne Breitseite aus. Zwischen den Generationen, Geschwistern, Geschlechtern – überall gibt es Zoff. Das ist zugleich schmerzhaft und schwarzhumorig. Als ich mich nach einem besonders harschen Spruch zu meinem Nebenmann in der Berlinale-Pressevorführung umdrehte, zuckte dieser nur mit den Achseln und meinte: „Is‘ halt so.“

In ihrem dritten Spielfilm entwirft „Alles ist gut“-Regisseurin Eva Trobisch ein gleichermaßen komplexes wie ergebnisoffenes Konstrukt aus familiären Dynamiken, die konsequent überraschen, schockieren, belustigen, berühren oder sogar verstören. Da ist es am Ende gar nicht so leicht, zwischen all den widersprüchlichen Figuren herauszudestillieren, was uns das denn jetzt eigentlich sagen soll. So sprach aus vielen Reaktionen nach der ersten Berlinale-Vorführung auch eine gewisse Frustration, die sich vor allem aus der Offenheit des Films zu speisen schien.

Lea (Frida Hornemann) ist bis zu ihrem Weiterkommen bei einer TV-Castingshow immer nur mit ihrer besten Freundin auf lokalen Festivitäten aufgetreten. Piffl Medien
Lea (Frida Hornemann) ist bis zu ihrem Weiterkommen bei einer TV-Castingshow immer nur mit ihrer besten Freundin auf lokalen Festivitäten aufgetreten.

Dabei gibt Eva Trobisch ihrem Publikum gleich zwei Schlüssel mit an die Hand, um ihre faszinierenden Ellipsen zu dechiffrieren: Zum einen ist da die Schülerin Lea (Frida Hornemann), die es mit Hilfe ihres Vaters Matze (Max Riemelt) und gegen den Willen ihrer Mutter Rieke (Gina Henkel) in die Hauptrunde einer Casting-Show – quasi eine Mischung aus „The Voice“ und „The X Factor“ – geschafft hat. Aber als ihr vom TV-Redakteur Raphael (Thomas Schubert) für einen dieser typischen inspirierenden Einspieler die titelgebende Frage gestellt wird, was denn Besonderes an ihr sei, weiß sie auch nach wiederholtem Nachhaken einfach keine Antwort.

Ganz am Ende werden wir den Einspieler trotzdem noch zu sehen bekommen – und es ist ein Fest: In 30 Sekunden wird die ganze Familiengeschichte auf den Punkt gebracht – in weichgezeichneten Bildern der Thüringer Berge, als wäre es ein Tourismus-Spot (ganz im Gegensatz zum körnig-analogen, 4:3-formatigen Look des Films selbst). Dazu kommen Tiere, die in Wahrheit längst verreckt sind, und Paare, die sich inzwischen getrennt haben. Trotzdem ist „Etwas ganz Besonderes“ kein Film wie „Das Fest“, der es darauf absieht, die Familienmitglieder zu entlarven und möglichst noch bloßzustellen. Stattdessen geht es eher darum, die Widersprüche in der Familie (und der eigenen Biografie) anzuerkennen – und bestenfalls einen Weg zu finden, mit diesen umzugehen.

Pro und Kontra Familie

Man weiß nach den 116 Minuten wirklich nicht, ob Eva Trobisch der Idee „Familie“ gelinde gesagt skeptisch gegenübersteht – oder ob sie diese nicht vielmehr dafür bewundert, wie sie alle es überhaupt auch nur fünf Minuten miteinander aushalten. Selbst Liebesbekundungen haben hier oft etwas Suspektes. So schickt Lea ihrer Tante Kati (Eva Löbau) Handyvideos, wie sie sich zu ihren Ehren selbst das Ohrläppchen durchsticht. Kati ist nach ihrer Scheidung aus dem Westen nach Greiz zurückgekehrt, um dort das städtische Museum zu leiten – und damit wären wir dann auch beim zweiten Schlüssel angekommen:

Für die von ihr kuratierte Museumsumgestaltung wurden sowohl das Stadtschloss, das in der DDR zwischenzeitlich als Altenheim verwendet worden war, sowie die alte Textilfabrik restauriert. Hier der wieder freigelegte Prunk des barocken Stucks (zum Glück waren die Decken nur abgehängt worden), dort die Kaffeebecher, die für die Besucher*innen im Pausenraum so drapiert wurden, dass es aussieht, als seien die Arbeitenden gerade noch hier gewesen. In einer der stärksten Szenen des Films ist Christl von dieser Form der Vergangenheitsbewältigung völlig überfordert.

Auf dem Gasthof der Großeltern kommt die ganze Familie zusammen: Weil sie es will? Oder aus Gewohnheit? Piffl Medien
Auf dem Gasthof der Großeltern kommt die ganze Familie zusammen: Weil sie es will? Oder aus Gewohnheit?

Während ihre Tochter die Geldgeber*innen durch die Ausstellung führt, fordert sie von den Verantwortlichen der Fördertöpfe vehement Auskunft, wie teuer das alles denn gewesen sei. Aber so genau weiß das niemand. Sie kann nicht verstehen, warum Millionen dafür ausgegeben werden, ihren alten Arbeitsplatz als Museum herzurichten, während ihre Pension und damit ihre heutige Existenz kurz vor dem Aus steht. Kati jedenfalls bezeichnet ihren musealen Ansatz als „Kanon und Kontrapunkt“: Das aristokratische Schloss und die proletarische Fabrik ergeben eine gemeinsame Erzählung, die zugleich aber auch voller unauflöslicher Widersprüche steckt.

Also genauso wie eine Familie, bei der die Großmutter (notgedrungen) eine AfD-artige Tagung in ihrer Pension akzeptiert, während der Enkel (Florian Geißelmann) seine ethischen Fundamentaldebatten nicht mal einstellt, wenn ihm im Gasthaus eine Tracht Prügel droht; oder bei der die Mutter ihre Tochter versteht, aber kein Verständnis für sie aufbringt, während der Vater sie in allem unterstützt, aber sie nicht versteht. Die Familie, der Osten und der ganze Rest – all das ist bei Eva Trobisch so komplex, dass es in seinen Widersprüchlichkeiten mitunter nur schwer auszuhalten ist. Zum Glück wird es mit einer gesunden Portion Humor serviert.

Fazit: Wie der Castingshow-Teilnehmerin Lea bei ihrer Selbstbeschreibung fällt es auch nach dem Schauen des Films gar nicht so leicht, exakt zu benennen, warum genau er etwas ganz Besonderes ist – aber darüber, dass er es ist, gibt es wohl kaum zwei Meinungen. Bei dieser elliptischen, offenen Art des Erzählens liegen Inspiration und Frustration sicher nah beieinander – aber für uns landet Eva Trobisch mit ihrem dritten Spielfilm ganz eindeutig auf der Seite der Inspiration.

Wir haben „Etwas ganz Besonderes“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo der Film im offiziellen Wettbewerb seine Weltpremiere gefeiert hat.

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