Das realistischere "Fallout"
Von Christoph PetersenEin Katastrophenfilm über einen potenziell planetenzerstörenden Kometeneinschlag für „nur“ 35 Millionen Dollar? Verglichen mit anderen Hollywood-Produktionen desselben Genres entstand „Greenland“ vor einigen Jahren für 'n Appel und 'n Ei. Aber oft sind es ja genau solche (finanziellen) Einschränkungen, die ein besonderes Maß an Kreativität aus den Beteiligten herauskitzeln. Und tatsächlich: Anders als die ebenfalls um Action-Star Gerard Butler gestrickte Big-Budget-Gurke „Geostorm“ konnte uns „Greenland“ positiv überraschen. FILMSTARTS-Redakteur Björn Becher stellte dazu in seiner Kritik erfreut fest, dass das Weltuntergangs-Spektakel „mit Spannung und Emotionen statt mit Effektgewittern“ mitreiße.
Aber dann erlebte „Greenland“ seine eigene Katastrophe: Aufgrund der Covid-Pandemie konnte der Film in vielen Ländern nur kurz und in den USA sogar gar nicht in den Kinos gezeigt werden (die weltweiten Einnahmen von immerhin noch 52 Millionen Dollar waren unter diesen Umständen ein kleines Wunder). Doch es ging noch mal alles gut für den Actioner: „Greenland“ entwickelte sich im Streaming zu einem solchen Mega-Hit, dass das verantwortliche Studio für die Fortsetzung sogar fast das Dreifache an Budget lockergemacht hat. Regisseur Ric Roman Waugh standen für „Greenland 2“ beachtliche 90 Millionen Dollar zur Verfügung – und damit genug, um diesmal einen „typischen“ Gerard-Butler-Kracher zu inszenieren. Zum Glück hat er dieser Versuchung widerstanden.
Tobis
Fünf Jahre ist es nun schon her, dass der Komet mit dem Spitznamen „Clarke“ mehr als 75 Prozent der Erdoberfläche zerstört hat. Aber der Einschlag war nur der Beginn der Katastrophe: Noch immer machen elektrische Stürme, gewaltige Tsunamis und radioaktive Strahlung ein (längerfristiges) Überleben unter freiem Himmel praktisch unmöglich. Als Bauingenieur wurde John Garrity (Gerard Butler) damals vom Heimatschutzministerium für einen der beschränkten Plätze in einem Schutzbunker in Grönland ausgewählt. Aber selbst dort ist es für John, seine Frau Allison (Morena Baccarin) und ihren Teenager-Sohn Nathan (Roman Griffin Davis) aufgrund ständiger vulkanischer Erdbeben nicht länger sicher.
Ihr Plan: Im Süden Frankreichs gibt es angeblich einen Kometenkrater, in dem die Luft besser, die Strahlung geringer und so etwas wie ein „normales“ Leben möglich sein soll. Weil es aber keinerlei Möglichkeit gibt, den Wahrheitsgehalt des Gerüchts zu überprüfen, begibt sich die Familie erneut auf einen gefährlichen, diesmal sogar transatlantischen Trip mit völlig ungewissem Ausgang…
„Greenland 2“ läuft nicht mal einen Monat nach dem Start der zweiten Staffel des Amazon-Serien-Hits „Fallout“ in den Kinos – und präsentiert sich dabei ein Stück weit als realistischere Variante des Nach-einem-apokalyptischen-Ereignis-wieder-raus-aus-dem-Bunker-Szenarios: Ric Roman Waugh („Shelter“) sowie seine Drehbuchautoren Mitchell LaFortune („Kandahar“) und Chris Sparling („Buried“) haben im Vorfeld Wissenschaftler*innen konsultiert, um sich zu überlegen, wie die Welt fünf Jahre nach einem solchen „extinction event“ samt massiv gestiegenem Meeresspiegel wohl aussehen könnte.
Während in Liverpool nur noch die höheren Etagen aus dem Wasser herausragen, ist der 34 Kilometer breite Ärmelkanal inzwischen trockengelegt. Die einstige Wassergrenze zwischen Großbritannien und Frankreich ist nun eine gespenstische Wüstenlandschaft, in der hier und dort vor Jahrhunderten gesunkene spanische Galeeren herumliegen. Natürlich lässt sich sowas nicht ohne CGI realisieren. Aber statt einfach im Studio vor Greenscreen zu drehen, hat es die Crew nach Island verschlagen, wo sich tatsächlich solche postapokalyptisch anmutenden Orte finden lassen.
Tobis
Allerdings belässt es Waugh nicht bei solchen verstörend-schönen Landschaften. Zusätzlich gibt es mitten im Ärmelkanal einen Spalt, der die Protagonist*innen zu einer „Jumanji“-tauglichen Kletterpartie nötigt (alle mit Höhenangst seien hiermit gewarnt!). Außerdem bringt er in einer kurzen, aber wahnsinnig intensiven, weil handgemachten Schlachten-Sequenz den Grabenkampf nach mehr als 100 Jahren zurück nach Europa. Dabei verzichtet „Greenland 2“ auf allzu pathetisches Heldengehabe – stattdessen scheint immer wieder durch, dass jeder Anflug von Zivilisation nur Minuten vom monströsen Chaos entfernt ist.
„Greenland 2“ ist mitunter richtig schön fies und nihilistisch. Nur Grautöne lässt er dabei leider nicht zu: Wie im Genre des postapokalyptischen Roadmovies üblich, gibt es auf der Reise zahlreiche Stationen, Hindernisse und Begegnungen – allerdings weiß man dann immer schon auf den ersten Blick, ob es nun jemand gut oder böse mit einem meint. Zudem nahm sich „Greenland“ noch zwei Stunden Zeit für den Trip von Atlanta nach Grönland, während „Greenland 2“ in gerade einmal 96 Minuten raus aus dem Bunker über England bis nach Frankreich hetzt. Da entwickeln einige der Begegnungen, die eigentlich emotional tief berühren sollten, längst nicht die erhoffte Wirkung – und ganz am Schluss kippt das Geschehen sogar ins unnötig Kitschige bis unfreiwillig Komische.
Fazit: Ein postapokalyptisches Roadmovie, bei dem das massiv gesteigerte Budget zum Glück nicht für ein hirnloses Effektgewitter, sondern für Drehs an atemberaubenden Schauplätzen in Island genutzt wurde. Die kurze Laufzeit von 96 Minuten ist allerdings Fluch und Segen zugleich: So bleibt dem Publikum zwar überhaupt keine Chance, sich zwischendrin zu langweilen, einige der Stationen auf der ebenso gefährlichen wie unvorhersehbaren Reise wirken aber auch arg gehetzt.