Maria Reiche: Das Geheimnis der Nazca-Linien
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,5
enttäuschend
Maria Reiche: Das Geheimnis der Nazca-Linien

Biopic über eine Forscherin, die mit Sicherheit Besseres verdient hätte

Von Gaby Sikorski

Bis heute haben die legendären „Nazca-Linien“ nichts von ihrer geheimnisvollen Aura verloren. Die circa 2000 Jahre alten, von indigenen Völkern in den peruanischen Wüstenboden gekratzten riesigen Scharrbilder mit ihren Linien, Mustern und Figuren könnten eine religiöse Bedeutung haben, auch eine Verbindung zur Astronomie ist denkbar. Eine besonders abenteuerliche These veröffentlichte der umstrittene Para-Wissenschaftler Erich von Däniken in seinem Buch „Erinnerungen an die Zukunft“ (1968). Danach wären die Scharrbilder so etwas wie Landebahn-Markierungen für außerirdische Astronauten.

Seinerzeit kam aber offenbar niemand auf die naheliegende Idee, die noch immer aktive Fachfrau zu diesem Thema zu befragen: die gebürtige Deutsche Maria Reiche, genannt „Lady Nazca“ (so auch der Originaltitel von „Maria Reiche: Das Geheimnis der Nazca-Linien“), die seit den 1930er Jahren bis zu ihrem Tod 1998 zu den geheimnisvollen Mustern forschte und mit dafür verantwortlich war, dass die Figuren inzwischen zum UNESCO-Welterbe gehören. Als deutsch-französische Koproduktion unter der Regie von Damien Dorsaz kommt nun das Biopic über ihr Leben ins Kino.

Maria Reiche (Devrim Lingnau) sitzt viel in Bibliotheken, um das Geheimnis der „Nazca-Linien“ zu lüften … Tobis Film
Maria Reiche (Devrim Lingnau) sitzt viel in Bibliotheken, um das Geheimnis der „Nazca-Linien“ zu lüften …

Maria Reiche (Devrim Lingnau) kam Anfang der 1930er Jahre als junge Mathematiklehrerin von Deutschland nach Peru, um an einer Privatschule zu unterrichten. Sie lebt mit ihrer Freundin Amy (Olivia Ross) zusammen, die als umtriebiges Partygirl dafür sorgt, dass Maria Leute kennenlernt, darunter auch den französischen Archäologen Paul (Guillaume Gallienne), für den Maria als Übersetzerin tätig wird. Maria besucht ihn sogar bei seinen Ausgrabungen in der peruanischen Wüste nahe der Stadt Nazca. Dort entdeckt sie mysteriöse Scharrbilder, die als schnurgerade Linien kilometerweit durch die Landschaft führen und manchmal in komplizierten Mustern und Figuren enden.

Aber was ist ihre Bedeutung? Maria ist fasziniert, und diese Faszination wird sie ihr ganzes Leben nicht mehr loslassen. Ganz allein legt sie die Linien frei, was von Weitem so aussieht, als ob sie die Wüste fegt – und bald ist sie weithin bekannt als Verrückte, die es sich in den Kopf gesetzt hat, das Geheimnis der Scharrbilder zu entschlüsseln. Bei Wind und Wetter vermisst, zeichnet und kartographiert sie die Linien und macht sie in der wissenschaftlichen Welt bekannt. Und schließlich bewirkt sie, dass die Linien von Nazca als Kulturgut unter den Schutz der Regierung gestellt werden…

Zu viel Verdichtung

Eine echte Abenteurerin war Maria Reiche, so scheint es, mit einer großen Leidenschaft, von der sie nichts und niemand abbringen konnte. Also längst nicht nur eine besessene Wissenschaftlerin, die bereit war, für ihre Forschungen alles andere zu opfern, sondern vermutlich auch eine ziemlich interessante Persönlichkeit. Nur ist davon im Kinodebüt von Damien Dorsaz über Maria Reiches Leben leider wenig bis gar nichts zu finden. Lediglich dass Maria Reiche eine Einzelgängerin war, die sich offenbar in der Gluthitze der peruanischen Wüste am wohlsten fühlte, wird einigermaßen klar. Hinzu kommt, dass der Film den realen Zeitraum von circa 30 Jahren von Marias Ankunft in Peru bis zum Schutz der Scharrbilder durch das peruanische Parlament auf einen unklaren Rahmen von maximal einigen Jahren eindampft.

Das ist tatsächlich eine echte Geschichtsklitterung. Es ist ja gerade dieses jahrzehntelange Beharren, diese wissenschaftlich bedingte Sturheit, die das Leben von Maria Reiche gekennzeichnet hat. Warum ihr ausgerechnet dieser Aspekt genommen wird, bleibt das Geheimnis von Damien Dorsaz und Fadette Drouard, die gemeinsam für das Drehbuch verantwortlich zeichnen. Zumindest kann auf diese Weise Devrim Lingnau („Hysteria“) als Maria im Spiel bleiben, ohne mit der Hilfe von Special Effects oder Makeup-Tricks zu altern. Doch auch wenn sie sich nach Kräften bemüht, ihrer Rolle Leben einzuhauchen, gelingt ihr das nur sehr begrenzt in den Bildern, die sie einsam und unter der unbarmherzigen Wüstensonne beim Freilegen und Vermessen der Linien zeigen. Denn das allein macht die Figur auf Dauer nicht interessant.

… ist sich aber zugleich absolut nicht zu schade, auch selbst hart mit anzupacken, wenn es die wissenschaftliche Mission erfordert. Tobis Film
… ist sich aber zugleich absolut nicht zu schade, auch selbst hart mit anzupacken, wenn es die wissenschaftliche Mission erfordert.

Die Handlung wird immer belangloser, und dann tauchen, wohl auch bedingt durch eine gewisse Langeweile, beim Zuschauenden zunehmend praktische Fragen auf: Warum wird sie nicht braun? Warum bekommt sie bei ihrer hellen Haut in der Gluthitze eigentlich keinen Sonnenbrand? Warum zieht sie sich keine praktischen Klamotten an, sondern immer nur diese flatterigen Sommerkleidchen? Immer mehr stimmt hier nicht oder es scheint den Beteiligten egal zu sein, sodass es letztlich wirkt, als ob weder der Regisseur noch die Co-Autorin so recht den Zugang zur Person Maria Reiche und zu diesem Film gefunden hätten.

Beinahe von Anfang an fehlt ein Funke, der überspringen könnte, die Story wirkt manchmal, als sei sie mal eben widerwillig zusammengeschustert worden. Nicht einmal der einzige überlieferte große Auftritt der Abenteurerin Maria Reiche wird ihr gegönnt. In Wirklichkeit hat sie sich im nicht mehr ganz zarten Alter von 52 Jahren mit einer großen Plattenkamera um den Bauch an den Kufen eines Hubschraubers festbinden lassen, um die Nazca-Linien von oben zu fotografieren. Diese Szene fehlt komplett, stattdessen werden künstliche Konflikte mit ihrer Lebenspartnerin Amy konstruiert, um irgendwie die Handlung zu füllen, doch auch diese Bilder bleiben blutleer und uninspiriert. Es fehlen einfach die Grundlagen, Marias Charakter ist von Anfang an unklar, und es gelingt dem Film weder handlungsmäßig noch visuell, eine stimmige Atmosphäre zu schaffen.

Ein Zugriff auf die Titelheldin fehlt

Dass über Maria Reiche ein Film gedreht wurde, ist vermutlich der aktuellen Mode der „Frauen-Biopics“ zu verdanken: mehr oder weniger wahre Geschichten über Frauen, deren Leistungen bisher noch nicht ausführlich gewürdigt wurden. „Hidden Figures“ (2016) über drei Schwarze Mathematikerinnen in der US-Raumfahrt hat hier vielleicht einen Trend gesetzt, der bis heute wirkt. Doch die eigentlich gute Idee hat leider auch zur Folge, dass Filmbiografien wie „Die Gesandte des Papstes“ oder (noch schlimmer) „Sound Of Hope“ entstehen, in denen Frauen unnötig glorifiziert und emotionalisiert werden. In dieses Bild könnte auch „Maria Reiche: Das Geheimnis der Nazca-Linien“ passen, wenn es denn zusätzlich zur Glorie einen Hauch von Gefühl gäbe.

Fazit: Leblos, lustlos, saft- und kraftlos. Schade.

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