Meine letzte Nacht mit einem Vampir
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Meine letzte Nacht mit einem Vampir

Wie ein wiedergefundender Vampirfilm aus dem Jahre 1967

Von Thorsten Hanisch

Coming-of-Age-Geschichten mit Horrormotiven zu vermischen, ist an sich nicht neu. Das mit Abstand bekannteste und erfolgreichste Beispiel dürfte die zwischen 2008 und 2012 veröffentlichte „Twilight“-Reihe sein, in deren ersten Teil „Twilight – Biss zum Morgengrauen“ sich alles um die 17-jährige Bella dreht, die eines Tages den rätselhaften Edward kennenlernt, der sich als Vampir entpuppt und zu ihrer großen Liebe wird. Dementsprechend werden bei einem schaurig-romantischen Titel wie „Meine letzte Nacht mit einem Vampir“ gewisse Erwartungen geschürt, zumal die französische Produktion ebenfalls von einer 17-Jährigen erzählt, die einen rätselhaften Jungen kennenlernt, der sich ebenfalls als Vampir entpuppt.

Doch der deutsche Verleihtitel und auch der Trailer, der einen deutlich dynamischeren Film anpreist, führen in die Irre. Der im Original schlicht mit „La Morsure“ (auf Deutsch: „Der Biss“) betitelte Debütfilm von Romain de Saint-Blanquet geht ganz eigene Wege und entpuppt sich als enigmatisches, im ruhigen bis genussvollen Zeitlupen-Tempo erzähltes Gothic-Märchen mit Coming-of-Age-Motiven, das in äußerst atmosphärischen Bildern von weiblicher Selbstermächtigung in einer Zeit des Umbruchs erzählt. Zudem punktet der Film mit einer herausragenden Darstellerin, in deren Gesicht sich die ganze Bandbreite der damit verbundenen, zum Teil widersprüchlichen Emotionen widerspiegelt.

Françoise (Léonie Dahan-Lamort) überredet ihre beste Freundin, aus dem Internat zu fliehen und auf die mysteriöse Party zu gehen. W-Film
Françoise (Léonie Dahan-Lamort) überredet ihre beste Freundin, aus dem Internat zu fliehen und auf die mysteriöse Party zu gehen.

Frankreich, 1967: Schülerin Françoise (Léonie Dahan-Lamort) bekommt im Internat die volle Breitseite religiöser Unterdrückung zu spüren. Prüderie, strenge Regeln und eiserne Disziplin sind an der Tagesordnung. Die junge Frau rebelliert dagegen mit einer Hinwendung zum Okkulten und entwickelt ein immer größer werdendes Verlangen nach Freiheit. Als sie eines Nachts einen schrecklichen Traum hat, in dem sie auf einem Scheiterhaufen verbrannt wird und am darauffolgenden Tag Jungs am Zaun des Internatgartens eine Einladung zu einem Kostümfest abgeben, beschließt sie ihr Ausbruchsfantasien in die Tat umzusetzen.

Françoise haut mit ihrer besten Freundin Delphine (Lilith Grasmug) ab. Auf dem Weg zur Veranstaltung lernen sie einen mysteriösen, undurchsichtigen Mann (Fred Blin) kennen, der vom Algerienkrieg traumatisiert zu sein scheint und extra ein Auto klaut, um die Mädchen zum Zielort zu fahren. Allerdings ist das nicht die einzige merkwürdige Begegnung: Auf dem Fest, das in einer maroden Villa tief in einem märchenhaften Wald stattfindet, trifft Francoise auf den Vampir Christoph (Maxime Rohart)…

Die Rebellin und der Vampir

Kurz nach ihrem geträumten Flammentod meint Françoise, dass sie „in einem Feuer starb wie Jeanne D`Arc“. Der bierernste vorgebrachte Vergleich zur Freiheitskämpferin wirkt zunächst arg pathetisch, aber im weiteren Verlauf des Films wird klar, dass das Pathos nicht ganz aus der Luft gegriffen ist. „Meine letzte Nacht mit einem Vampir“ ist nicht ohne Grund im Jahr 1967 angesiedelt, also kurz vor dem Höhepunkt der sexuellen Revolution. In Françoise manifestiert sich diese Aufbruchstimmung – ihr dürstet nach Selbstbestimmung, sie will nach ihren eigenen Regeln leben, sich ihre Realität selbst formen. Da ergibt die Hinwendung zu Vampir Christoph, wie sie ein Außenseiter mit anarchistischen Zügen, Sinn. So meint dieser: „Ich bin nicht normal“, woraufhin die Rebellin erwidert: „Das ist gut so!“

Was haben ihr die anderen Männer in der Villa auch zu bieten? Nichts außer Chauvinismus und – was an Delphines gutaussehendem, aber vergleichsweise bieder wirkendem Schwarm (Cyril Metzger) festgemacht wird – die Aussicht auf ein fades Leben: „Ich weiß, dass du dich einreihen wirst. Manches ist unausweichlich.“ Da verspricht der Vampir doch weitaus mehr Aufregung, ein Leben abseits der Norm – ganz so, wie es den jungen Revolutionär*innen zu dieser Zeit vorschwebte.

Nachdem ihr die ersten Typen eher mau erscheinen, wendet sich Françoise dem Vampir Christoph (Maxime Rohart) zu. W-Film
Nachdem ihr die ersten Typen eher mau erscheinen, wendet sich Françoise dem Vampir Christoph (Maxime Rohart) zu.

De Saint-Blanquet erzählt die kraftvolle, konsequente Geschichte einer totalen Befreiung, was sich am stärksten in Françoises Verhältnis zum Übernatürlichen ausdrückt: Sie ist nicht im Geringsten überrascht oder gar geschockt, dass Christoph ein Vampir ist. Sie lässt sich auch von seiner plötzlichen Ankündigung während eines Gesprächs in einem Mondlicht-durchfluteten Gewächshaus, dass er sie umbringen könnte, null beeindrucken und sorgt zudem auf überraschend entschlossene, heftige Art, dass er ihr Blut saugt – denn der Vampir macht einen Rückzieher.

Fazit: Eine hervorragend gespielte, ruhige, lyrische, sehr feinsinnige, nahezu hypnotische Verquickung von Coming-of-Age-Drama und Horrorfilm-Motiven, gerahmt in wunderschöne Bilder, die bis ins letzte Detail perfekt die Ästhetik des fantastischen Films der 1960er- und frühen 1970-Jahre emulieren, ohne dadurch zum bloßen Zitatekino zu werden. De Saint Blanquets Debüt wirkt tatsächlich wie ein vergessenes Werk von damals.

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